„‌Sorrow Grove“ – Eine Ernte aus dem Toten Meer

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Als eine der prominentesten Künstlerinnen Israels hat sie mit ihren Ausstellungen in New York, Buenos Aires, Paris, Barcelona und Berlin international Aufsehen erregt. Nun haben die Wiener Festwochen Sigalit Landau zu einer großen Personale ihrer Videoarbeiten eingeladen, in die Stadt, in der sie familiäre Wurzeln hat.

Von Anita Pollak    

Wenn ich durch die Straßen in Wien gehe, sehe ich vieles wie durch den Filter meines poetischen, verträumten Großvaters.“ Lan­daus Großeltern mit dem schönen Namen Sonntag kamen aus Wien und sind „wie Freud fast in letzter Minute nach England geflohen, wo meine Mutter geboren wurde“, erzählt Sigalit auf Englisch, obwohl sie auch Deutsch versteht. Ihr Vater stammt aus der damals deutschsprachigen Bukowina und kam als Flüchtlingskind nach Israel. Sie wuchs in Jerusalem auf, die Großeltern in England wurden aber häufig besucht, was ihr schon früh zu einem weiten kulturellen Horizont verhalf. Großvater Sonntag gab in London eine Zeitschrift für jüdische Kultur, Jewish Quaterly, heraus und blieb in Verbindung mit Schriftstellern und Journalisten in Wien und Mitteleuropa. Man merkt, dass seine Enkelin noch heute stolz auf sein Erbe ist, auch hat sie zur Kunst Wiens „von Egon Schiele bis Hermann Nitsch“ eine besondere Beziehung.

„Heute kann man kaum eine große internationale Schau ohne israelische Künstler machen.“ Sigalit Landau

Sorrow Grove Künstlerhaus,  Karlsplatz 5, 1010 Wien Eröffnung: 14. Mai, 19 Uhr Ausstellung: 15. Mai bis 19. Juni, 10–21 Uhr festwochen.at
Sorrow Grove
Künstlerhaus,
Karlsplatz 5, 1010 Wien
Eröffnung: 14. Mai, 19 Uhr
Ausstellung: 15. Mai bis 19. Juni, 10–21 Uhr
festwochen.at

Jerusalem, seine einzigartige Atmos­phäre, aber auch Themen, die dort quasi auf der Straße liegen, die allgegenwärtigen Grenzen, die verschiedenen Religionen und wie sie jeweils den menschlichen Körper sehen, haben sie beeinflusst. Über den Körper gelangte sie überhaupt zur Kunst, denn anfänglich durchlief sie „eine kurze Karriere als Tänzerin, aber tänzerische Karrieren sind ohnehin kurz“. Eine besonders schwierige Periode war für sie der Militärdienst. „Man wird zwar härter, aber verliert doch viel von seiner Unschuld. Erst danach wird man erwachsen.“

Künstlerisch erwachsen wurde sie nach der Armee dann relativ schnell an der berühmten Kunstakademie Bezalel. Ihre ersten Erfolge fielen in die Phase des beginnenden Internets und in die Postmoderne der westlichen Welt. „Wir gingen ostwärts in eine Art Terra Incognita“, blickt sie heute zurück auf diese Umbruchszeit.

Sie hat dann immer mehr gemalt und auch bildhauerisch gearbeitet, war aber bereits davor durch Filme für eine Erziehungseinheit von Soldaten, die sie „professionell, aber auch mit künstlerischem Anspruch“ gemacht hat, in die Welt der Videos geraten.

Weibliche Körperkunst
Mit Sorrow Grove bringt Sigalit Landau eine Brise ihrer intimen mediterranen Welt nach Wien.
Mit Sorrow Grove bringt Sigalit Landau eine Brise ihrer intimen mediterranen Welt nach Wien.

Landaus Kunst wird oft mit Etiketten wie „Body Art“ oder „Feministic Art“ kategorisiert, was ihr nichts ausmacht: „Etiketten kann man verbrennen oder einrahmen, es kommt darauf an, was man selbst empfindet. Die Pionierinnen der feministischen Kunst sind mittlerweile schon alt, und auch ich bin nicht mehr jung.“

Manche ihrer Arbeiten verweisen auf die Bibel und das jüdische Erbe, wie z. B. Endless Solution, eine Anspielung auf Hitlers „Endlösung“, oder Vier Mütter, ein Hinweis auf die biblischen Stammmütter. „Ich habe die Bibel studiert, mein Vater war orthodox erzogen und ein Bibel-Kenner, obwohl er heute nicht mehr religiös ist.“

Sie selbst beschreibt ihre Arbeit als eine kreisförmige Bewegung, die sie symbolisch mit Lots Frau verbindet. „Sie sollte sich nicht umdrehen, aber sie tat es. Zurückschauen hat seinen Preis. Aber was ist zurück? Das führt etwa auch zum Engel der Geschichte von Walter Benjamin, der immer zurückfliegt.“

Ein sehr intellektueller Zugang? „Nein, ich spreche über Sodom nicht theoretisch, ich verbringe dort die Hälfte des Jahres und ernte Anregungen aus dem Toten Meer. Die judäische Wüste ist wie ein weiblicher Körper, und der tiefste Punkt der Erde ist für mich eine Metapher für eine archaische Schwerkraft. Ich bin einfach mit der Wüste aufgewachsen, und ihre Landschaft ist voller Geschichten, vor allem wenn man die Bibel und auch das Neue Testament etwas kennt.“

Politische Statements

Aus dem Toten Meer bezieht sie ganz konkret Materialien, und sein starker Zauber ist eines ihrer Leitmotive. Eine Brücke zwischen dem israelischen und jordanischen Ufer des Toten Meeres zu kennzeichnen, schwebte ihr als Projekt vor. „Weil aber keine der beiden Seiten das wollte, schrumpfte meine Brücke zu einer im Zentrum des Meeres verankerten kleinen Brücke. Schließlich kamen wir mit einem Boot hin und aßen friedlich Frühstück mitten im Meer. Das soll zeigen, wie man dem Krieg entkommen kann. Dieser Film ist lustig geworden und das Projekt ist politisch, aber auch eskapistisch. Das sind aber Dinge, für die ich kämpfen muss, denn niemand wartet schließlich auf eine Friedensbrücke im Toten Meer, und man braucht mehr Geld, als man gemeinhin auftreiben kann. Solche Projekte sind eben große crazy babies.“

Als weltweit erfolgreiche Künstlerin wird sie wohl auch im Ausland oft auf die „Situation“ angesprochen. „Ich bin jedoch keine politisch aktive Künstlerin, meine Meinung ist nicht so interessant, ich habe ebenso wenig Lösungen wie andere, die in einem Kriegsgebiet leben. Aber ich bestehe darauf, dort zu bleiben, und das ist der Unterschied etwa zu anderen in meiner Generation, die sich entschließen, nach Berlin, London oder New York zu gehen. Es ist ein Statement zu bleiben, und es ist ein höchst interessanter Ort zum Leben, die Frage ist wie. Wir sind besorgt, aber wenn man nicht dort ist, kann man auch nichts bewirken, sei es mit Kunst, Energie oder mit Worten.“

Problematisch erscheint Sigalit Landau, dass auch der Blick auf ihre Arbeiten durch Klischees über Politik verstellt ist. Sie geht in ihren Videos instinktiver und intuitiv an Orte heran. „Wenn mir z. B. das Licht auf Olivenbäumen gefällt, während Kibbuzniks, Palästinenser und Beduinen gemeinsam zu ernten versuchen, dann ist das auch eine Art von Brücke in eine schöne und gerechte Wirklichkeit. Ich arbeite manchmal nicht einmal bewusst, sondern werde von etwas angezogen, das meinem Körper richtig erscheint. Am Ende ist das dann vielleicht auch ein politisches Statement.“

Israel – Österreich

Von der blühenden künstlerischen Szene mit vielen kreativen Menschen an mehreren Orten im Land schwärmt Sigalit Landau. International, so meint sie, „haben sich die Tore geöffnet. Heute kann man kaum eine große internationale Schau ohne israelische Künstler machen.“
Sammler gibt es allerdings nur wenige, „da fehlt die Tradition, und Sponsoren kann man vergessen, es ist schwer, aber es ist ja auch weltweit härter geworden.“

Die Künstlerin lebt und arbeitet im Süden von Tel Aviv zwischen einer Metallwerkstatt und einem Tapezierer, inmitten von lauten Handwerksbetrieben, ihre jetzt neunjährige Tochter war das erste Baby dort, mittlerweile gibt es Kindergärten, und es beginnt eine In-Location zu werden, die noch halbwegs leistbar ist.

Ihr Wien-Besuch gilt der Vorbereitung ihrer Ausstellung, eine Retrospektive von älteren und neueren Videos aus den Jahren 2000 bis 2016. Jedes Stück muss für die bestehende Architektur konzeptuell neu geplant und in Beziehung gesetzt werden. Thematisch haben einige der Arbeiten mit dem weiblichen Körper und mit Zeit zu tun. „Ich bringe eine Brise meiner intimen mediterranen Welt mit, ohne das lokale Umfeld zu übersehen.“ Vom Künstlerhaus, wo sie ihre Installation im Mai selbst in Szene setzen wird, ist sie ebenso begeistert wie von den Veranstaltern, den Wiener Festwochen. „Ich wurde in einer perfekten, professionellen Art eingeladen, ich bekomme, was auch immer nötig ist.“

Sorrow Grove nennt Sigalit Landau ihre Schau und erklärt den Titel so: „Sorrow ist ein Gefühl, nicht unbedingt nur Sorge, Trauer, etwas wie Angst oder Melancholie; Grove ist der Ort, an dem man die Früchte dieser Sorge erntet, und lässt auch ‚sorrow grows …‘ anklingen.“

Bilder: © Sigalit Landau; Wiener Festwochen

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