Es begann mit Worten

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Unsere Vielfalt nimmt uns keiner mehr – Jugendliche schrieben anläßlich des 75. Jahrestages der Novemberpogrome in Deutschland ihre Gedanken auf. Foto: Caro / picturedesk.com

Editorial, WINA #11, November 2017

Heuer vor 79 Jahren fegten die Novemberpogrome über Mitteleuropa. Menschen wurden ermordet, in den Suizid getrieben, enteignet. Synagogen in Brand gesetzt, Gebetbücher verbrannt. Und diese tödlichen Gewaltorgien waren, wie wir heute wissen, erst der infernalische Auftakt. Schon sehr bald lief die nationalsozialistische Mordmaschinerie auf Hochtouren: Viele Millionen wurden ermordet, erniedrigt und in die Flucht getrieben – Generationen traumatisiert. Dennoch: Nicht die Pogrome, die Worte standen am Anfang! Es begann bereits Jahre, ja Jahrzehnte zuvor. Es begann mit Worten. Alles begann mit Hassworten, mit Hassreden, mit Hassschriften – wie so viel Böses davor und danach auf dieser Welt.
Worte sind mächtig. Sie beeinflussen unser Denken, unsere Gefühle, unser körperliches Empfinden. Eine Liebeserklärung oder ein heftiges Wortgefecht berühren die Beteiligten nicht nur seelisch, auch der Körper reagiert. Mit Sprache kann man trösten oder verletzen, beruhigen oder erregen. Das Aussprechen eines Tabuwortes ruft messbare Stresssymptome hervor, das Sprechen eines Gebetes beruhigt.
Der NR-Wahlkampf ist nun Geschichte. Er war wortreich. Seine Sprache nicht gewaltfrei. Nun wird verhandelt. Verhandelt mit Vertretern einer Partei, über deren Handbuch freiheitlicher Politik die Zeithistorikerin Dr.in Brigitte Bailer-Galanda 2016 schrieb: „Die schriftlich abgefasste Handreichung für das Führungspersonal der Freiheitlichen ist nach allen wissenschaftlichen Kriterien als rechtsextrem einzustufen.“* Dieses „Handbuch“ wurde von jenem FP-Politiker mitverfasst, der bereits bei der letzten Bundespräsidentenwahl nach Höherem strebte. Es sitzen aber auch andere Damen und Herren an den Verhandlungstischen, die ihre Nähe zu Ideen von rechts außen nicht leugnen. Sie verhandeln über Ministerien, Machverhältnisse und damit über die Zukunft unserer Kinder, die Sozialpartnerschaft, Solidarität und eine offene Gesellschaft bald nur noch aus Studienbüchern kennen werden – falls wir uns dann noch ihr Studium leisten können. Da geht es dann aber nicht nur um Ausgrenzung und um Feindbilder, sondern auch ums Schächten und die Brit Mila.

„Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt des Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte. …“ Hugo von Hofmannsthal

Worte schaffen Realität. Das hat bereits die Orbán-Regierung gezeigt: Da wird so lange von einem imaginären „Soros-Plan“ gesprochen, der Europa mit Flüchtlingen überfluten soll, bis aus einem Schoah-Überlebenden und Philanthropen der Staatsfeind Nr. 1 wird, gegen den nur noch „das Beten mit dem Rosenkranz“ hilft, wie ein demokratisch gewählter Parlamentabgeordneter in Budapest vor einigen Wochen meinte.
Worte halten aber auch Erinnerungen wach. Sie haben die Fähig­keit uns zu ermahnen wachsam zu sein und nicht wortlos(!) zuzusehen, wenn die Sprache wieder verroht, sich mit Hass erfüllt und moralische Grenzen sprengt. Deshalb lassen wir in diesem Heft Menschen zu Wort kommen, die sich an eine Zeit, in der Hassworte zu Hasstaten führten, erinnern. Ihre sehr persönlichen Worte berühren und erschüttern. Mögen sie uns alle dabei wachrütteln und sich am Ende zu den beiden mächtigen Worten, zu einem Mantra verdichten: NIEMALS WIEDER!

Julia Kaldori

*Brigitte Bailer-Galanda, Kommentar der Anderen im Der Standard, 18. November 2016.

Lesen Sie dazu auch u.a. Der rechtsextreme Griff nach der Macht

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