2121 Broadway, vierter Stock

Als die Wiener Journalistin Daniela Schuster Anfang des Jahres 2000 als Volontärin zum Aufbau kam, stand die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung kurz vor dem Aus. Heute gratuliert ihr die Expraktikantin zum 85. Geburtstag. Mit dem, was den Aufbau zur lebenden Legende gemacht hat: Erinnerungen.

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Die erste Nummer des Aufbau. 1934 als „Nachrichtenblatt des German-Jewish Club, New York“ gegründet.

Der Mann, der an jenem eisigen Februarnachmittag vor fast zwei Jahrzehnten neben dem Eingang Kartoffeln und Zitrusfrüchte zu Pyramiden schlichtete, zuckte mit den Achseln. 2121 Broadway – die Adresse sei korrekt, versicherte er mir. Ich solle einfach den Lift nehmen, gleich da hinten links bei den Bananen. Er wisse aber nur von einem Karatestudio im vierten Stock über dem Supermarkt. Ob ich mir auch wirklich sicher wäre, hier richtig zu sein?
Ich weiß noch, dass ich mich von der Frage des Fairway-Mitarbeiters geradezu ertappt fühlte. In den Wochen vor meiner Abreise nach New York hatte ich sie mir schließlich schon hunderte Male selbst gestellt. Denn auch wenn sich der „Aufbau“ natürlich noch immer in eben jenem Gebäude an der Upper West Side befand, vor dem ich gerade stand und in dem einst die intellektuelle Prominenz ein und aus ging, so war ich mir doch ganz und gar nicht sicher, hier am rechten Fleck zu sein. Ich, die junge deutsche Studentin mit nicht-jüdischen Wurzeln, die nach Manhattan gekommen war, um der Redaktion der legendären Wochenzeitung zu helfen. Als Volontärin, aber auch als Repräsentantin eines neuen Deutschland.
Natürlich hatte ich im Vorfeld versucht, mich auf die kommenden Monate vorzubereiten. Ich hatte gelesen, dass das Blatt 1934 als Vereinszeitung und Sprachrohr des German-Jewish Club gegründet worden war, einer Hilfsorganisation für Emigranten aus dem Nazi-besetzten Europa. Ich wusste, dass der Aufbau sich schnell zur auflagenstarken Wochenzeitung entwickelt hatte, die ihren deutschsprachigen Lesern das Leben im fremden Land zu erleichtern suchte und als eines der ersten Presseorgane über den Holocaust berichtete. Und mir war klar, dass die Redaktion, die in den 1940er-Jahren eine Auflage von über 50.000 Exemplaren und Abonnenten in über 50 Ländern erreicht hatte, nun kaum mehr 10.000 Zeitungen druckte. Längst erschien der Aufbau nur mehr 14-tägig und führte einen ständigen Kampf um Sponsoren, um Akzeptanz bei der „Second Generation“, ums Überleben.
Ich war also gefasst auf die Arbeit bei einer Zeitung kurz vor dem Aus, bei der jeder Leserbrief ein Zeitdokument und jeder Gang ins Archiv eine Geschichtsstunde werden würde. Doch wie bereitet man sich vor auf Begegnungen mit Zeugen einer Zeit, deren Schrecken man nie selbst erlebt hatte? Was antwortet man auf die Frage nach der eigenen Familiengeschichte? Und wie schreibt man für ein Blatt, dem sich als geistiges Kind von Thomas Mann, Albert Einstein und Hannah Arendt wie jedem Nachwuchs berühmter Eltern einerseits Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben, und dessen Ruf als lebende Legende andererseits in nichts nachgestanden werden darf? So stand ich, mehr vor (Ehr-)Furcht denn Kälte zitternd, im Schneematsch auf dem Gehsteig und suchte nach dem Mut und der Motivation, die mich zwölf Monate zuvor meine Bewerbung hatten schreiben lassen.

Pinot Grigot & Damenzigaretten Um es kurz zu machen: Ich fand sie nicht. Dafür fand sie mich – Monika Ziegler, die mir mit ihrem zerzausten Haar so fragil erschien, dass ich sie im ersten Moment für eine Elfe hielt. „Komm, wir gehen zusammen rein“, sagte sie mit einer Stimme, der man das jahrzehntelange Rauchen von aromatisierten Damenzigaretten anhören konnte. Und das Wissen um meine Gefühle. Vielleicht war es ihr selbst ja auch so ergangen, als sie 1984 zum ersten Mal vor 2121 Broadway stand. Inzwischen hatte Monika das Gebäude freilich schon tausende Male betreten und oben im vierten Stock kaum weniger Nächte über ihrem altersschwachen Computer gebeugt verbracht, stets aufs Essen vergessend.

»Ich hätte dort nicht richtiger sein können.
Nicht, weil ich dem Aufbau geholfen habe.
Sondern weil er mir geholfen hat.«

Daniela Schuster

Eigentlich hätte sie noch dringend eine Filmbesprechung schreiben müssen. Oder war es ein Porträt über Ruth Westheimer? Doch stattdessen setzte sie sich mit mir auf die breite Fensterbank eines Raumes, der wirkte, als wäre die Exilantenelite eben nur mal kurz hinausgegangen, um in einer nahegelegenen Bar zu debattieren.
Zwischen hohen Aktenschränken aus Metall, unzähligen Plakaten längst vergangener Ausstellungen und Fünfzigerjahretischen mit Bergen von vergilbten Manuskripten und antiquarischen Büchern unterhielten wir uns, bis sich die Nacht über den Big Apple senkte. Irgendwann öffnete Monika eine Flasche Pinot Grigio und nach dem dritten Glas auch ein bisschen ihr Herz, das sie erst an die jüdische Kultur in New York und dann an den Aufbau verloren hatte. Ich erfuhr, dass sie als Studentin aus der Nähe von München nach Manhattan gekommen war. Und ich verstand, dass sie eigentlich Dachau meinte.
Die Arbeit hier sei ihre Form der Wiedergutmachung, erklärte sie. Solange noch ein Emigrant lebte, würde sie dafür sorgen, dass der Aufbau erschien. Dass sie inzwischen nicht nur ihre Kraft, sondern auch ihr gesamtes Erbe in die Zeitung gesteckt, Redakteursgehälter, Mieten und Recherchen gezahlt und den Aufbau so vor dem Aus bewahrt hatte, sollte ihr Geheimnis bleiben.
Natürlich war Monika keine einsame Streiterin. Sie war Teil eines kleinen, nach vielen finanziellen, personellen und politischen Krisen zusammengeschrumpften Teams, das den Aufbau Anfang des Jahres 2000 mit wenig mehr als enthusiastischem Idealismus und einer Handvoll Volontäre zu verjüngen, zu verbessern, zu retten suchte. Da war etwa Andreas Mink, der damalige Chefredakteur, der so manche Nacht auf dem Teppich der Redaktion schlief, um Spesen fürs Hotel zu sparen, und doch stets sagte, dass der Aufbau das Beste sei, was ihm in seinem Berufsleben passiert wäre. Oder Irene Armbruster, die nach ihrem Volontariat als Redakteurin geblieben war und dafür ihren Ehemann als Strohwitwer in Deutschland zurücklassen musste. Oder Lisa Schwarz, die mit über 80 immer noch perfekt gekleidet, frisiert und geschminkt, wie es sich für ein ehemaliges Hutmodell gehörte, jedem Anrufer und jedem Besucher in einem beeindruckenden Kauderwelsch aus Deutsch und Amerikanisch erklärte, dass der Aufbau eine Institution sei, und dabei längst selbst eine war …
Gemeinsam mit ihnen hofften wir Volontäre auf das nächste Spendenwunder. Und in der Zwischenzeit recherchierten, redigierten und schrieben wir einfach weiter, um jeden zweiten Dienstag die neueste Ausgabe zumindest reich an Artikeln in die Druckerei schicken zu können. Debatten über die Todesstrafe und Theaterkritiken, Berichte über die beste Hühnersuppe der Stadt und einen Tag mit dem Fensterputzer des damals noch glänzend in den Himmel ragenden World Trade Centers – es war ein 24-Seiten-Spagat zwischen Deutsch und Englisch, zwischen Tradition und Themen, die nicht nur die Second Generation als neue Abonnenten gewinnen sollten.
Und dann waren da natürlich die vielen Geschichten, die noch erzählt und dem Vergessen entrissen werden wollten, und manchmal auch dem Tod. Denn jede Sterbeanzeige im Blatt, das war uns bewusst, bedeutete nicht nur einen Leser weniger, sondern auch den Verlust einer unwiederbringlichen Erinnerung.
Oft werde ich noch heute nach diesen Geschichten gefragt. Von Familie, Freunden, Fremden und Kollegen weltweit, die sich auf einer Pressereise plötzlich auch als Ex-Aufbau-Volontäre zu erkennen geben – was schön ist, weil diese Art von New-York-Anekdoten ja eigentlich nicht gut zu einem gemütlichen Abendessen passen und uns dennoch näher zusammenrücken lassen. Ich erzähle dann meist von Lynne Harriton. Ich traf sie Midtown in einem Café zum Interview. Eigentlich hatten wir über das Holocaust and Jewish Resistance Teachers’ Training sprechen wollen, ein Programm, an dem die Highschool-Lehrerin teilgenommen hatte, um von Historikern und Schoah-Überlebenden zu lernen, wie man Schülern von heute das Unbegreifliche von damals unterrichtet. Doch stattdessen erzählte sie mir, wie sie zufällig entdeckt hatte, dass ihre Mutter eine entfernte Cousine von Peter van Pels gewesen war. Jenem Peter, der mit Anne Frank ein Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht teilte und eine leise Zuneigung.
Bald tropften Lynnes Tränen in den Milchkaffee vor ihr. Ratlos, wie ich eine Frau trösten sollte, die um jemanden weinte, den sie nie kennen gelernt hatte und über dessen Schicksal sie doch so viel mehr wusste als über das ihrer eigenen Eltern, die kaum je über ihre Erlebnisse gesprochen hatten, weinte ich einfach mit ihr. Und schließlich war sie es, die mir ein Taschentuch und die Hand reichte. „Lass uns nicht nur gemeinsam über die Vergangenheit trauern“, sagte sie. „Lass uns gemeinsam lachen in der Gegenwart für eine bessere Zukunft.“ Und dann erzählte sie mir einen ziemlich zweideutigen jüdischen Witz.
Heute, fast zwei Jahrzehnte nach jenem eisigen Februarnachmittag, an dem ich dann doch in den Lift gleich hinten links bei den Bananen stieg, weiß ich: Ich hätte dort nicht richtiger sein können. Nicht, weil ich dem Aufbau geholfen habe. Sondern weil er mir geholfen hat. Dabei zu verstehen, dass nicht meine Antwort auf die Frage wichtig war, sondern es die vielen Antworten waren und noch immer sind, die ich darauf in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten erhalten habe. Von Monika Ziegler und Andreas Mink, Lynne Harriton und all den anderen, mit denen in einen Dialog treten durfte – dort, wo oft aus Verlegenheit geschwiegen wurde und noch immer wird. Danke, Aufbau. Und Hayom yom huledet!
2004 musste der Aufbau seine Redaktion in New York für immer schließen. Doch wahre Legenden sterben nicht. 2019 feiert die Zeitung ihren 85. Geburtstag. Seit Februar 2005 wird das Blatt nämlich in Zürich produziert, unter dem Titel Aufbau. Das jüdische Monatsmagazin.

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