Achtung Mundschutz!

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Anfang September kehrte im Nahen Osten ein Sandsturm ein, der die weiße Stadt für drei Tage gelb erscheinen ließ. Von Iris Lanchiano.

Schon beim Aufwachen war etwas anders. Die Sonnenstrahlen, die mich morgens üblicherweise wecken, schienen wie von einem Fotofilter eingefärbt. Es war kurz vor den Feiertagen, und langsam kam Neujahrsstimmung auf. Die Taxifahrer verabschiedeten sich schon mit „Schana Tova“ (Alles Gute zum Neuen Jahr), aber sonst war es ziemlich ruhig in der normalerweise so hektischen Stadt. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm, und der Sturm kam in Form einer dicken gelben Nebeldecke, die sich über die Stadt legte.

Über 300.000 philippinische Gastarbeiter sind in Israel beschäftigt, großteils als Pflegepersonal.

Die hohe Atemluftbelastung führte dazu, dass man vermehrt Menschen mit Mund- und Nasenschutz auf der Straße sah. Das übliche Flanieren in den Straßen von Tel Aviv machte keinen Spaß mehr. Es war schwül, und man spürte den unangenehmen Film auf der Haut und in der Lunge.

F090219NS04Der Mund- und Nasenschutz war vor allem bei der asiatischen bzw. philippinischen Community weit verbreitet. Die philippinische Krankenpflegerin meines Nachbarn begegnete mir in der Früh mit so einer Maske. Sie heißt Grace, und eigentlich wohnt sie in Neve Shaanan, dem Stadtteil rund um den alten Busbahnhof. Das war alles, was ich bis dahin über sie wusste. Sie war immer hilfsbereit und freundlich, aber unsere Kommunikation beschränkte sich auf „Schalom“, „Boker Tov“ (Guten Morgen) und „Toda“ (Danke) – was sich bei ihr immer wie „Ta-da“ anhörte und mich zum Schmunzeln brachte. Über 300.000 philippinische Gastarbeiter sind in Israel beschäftigt, großteils als Pflegepersonal.

Als ich sie auf den Mundschutz ansprach, war sie sofort gewillt, mir ihren zweiten zu geben. Sie war gerade am Weg, die Einkäufe zu machen, und wir gingen ein Stück gemeinsam. Der Mundschutz brachte uns einander zwar näher, doch die Kommunikation durch die Maske war fast unmöglich. Deswegen führten wir unser Gespräch erst wieder zwischen Jungzwiebeln und abgepackten Kürbisstücken weiter. Ich erzählte ihr, dass ich als Kind ein philippinisches Kindermädchen gehabt hatte, mit dem ich zu Michael Jackson getanzt habe; und sie erzählte mir über Manila und ihre Familie, der sie jeden Monat Geld schickt. „Wenn du gerne zum Strand gehst, musst du unbedingt einmal nach Boracay. Blaues Wasser und weißer Sand, es ist einfach wunderschön.“

Grace war hübsch und modisch gekleidet. Sie erzählte mir, dass sie ihren Freund in Israel kennen gelernt hat. Er heißt Anthony und kommt ebenfalls von den Philippinen. Sie lernten einander beim Karaoke kennen. „In Süd-Tel-Aviv gibt es ein paar Lokale, in denen sich die philippinische Community gerne trifft. Hier wird Tagalog gesprochen, es werden Rezepte ausgetauscht, und gemeinsam träumen wir von unserer Heimat.“ Anthony ist ebenfalls Krankenpfleger. Grace weiß, dass sie Glück gehabt hat, denn die meisten philippinischen Pfleger hier sind Frauen. Sie wurde etwas verlegen, und wir wechselten das Thema zum philippinischen Nationalgericht Chicken Adobo.

Nach drei Tagen zog die Sandwolke weiter, und der Himmel über Tel Aviv wurde wieder klar. Und während ich die weiße Stadt wieder in vollen Zügen genoss, träumte Grace weiter von den weißen Stränden auf den Philippinen.

Bild: © Flash 90/Nati Shohat

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