Auf Augenhöhe in die gemeinsame Zukunft

Likrat, ein Projekt zur Förderung des Dialogs zwischen jüdischen und nichtjüdischen Jugendlichen, ist ein Herzensanliegen von Betty Kricheli, der Vorsitzenden der Jugendkommission der IKG.

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Betty Kricheli, eine erfolgreiche junge Frau, die mit ihrer freiwilligen Arbeit die jüdische Gemeinde bereichert. © Daniel Shaked

Sie ist eine erfolgreiche Juristin, die im Außenministerium mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut wird: derzeit im Rahmen des österreichischen Vorsitzes der OSZE. Betty Kricheli, 29, ist beruflich gut ausgelastet, dennoch verschenkt sie den Großteil ihrer Freizeit, um „der jüdischen Gemeinschaft etwas zurückzugeben“, wie sie es mehrfach formuliert. Das Ehrenamt als Vorsitzende der Jugendkommission (JUKO) der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) übt sie mit viel Elan und großem Einsatz aus.
„Ich bin selbst eine Nutznießerin dieser effektiven Jugendarbeit“, lacht Betty, „denn ich war gleich in zwei jüdischen Jugendorganisationen, zuerst im Shomer Hazair und danach in der Bnei Akiba. Da habe ich erlebt, wie schön es ist, etwas zu lernen und dann die Möglichkeit zu bekommen, das auch an die heranwachsenden Jüngeren weiterzugeben.“ Gelegenheit dazu hatte die Absolventin der Zwi-Perez-Chajes-Schule, weil sie als Madricha (Jugend-Mentorin) bestrebt war, Kindern aus verschiedenen ethnischen, sozialen und religiösen Milieus das Verbindende und Gemeinsame der jüdischen Identität nahezubringen. „Diese Stärkung des jüdischen Bewusstseins wurde zu einer extrem wichtigen Sache für mich, denn ich konnte mit ansehen, wie wirksam und zielführend das war. Die individuelle Persönlichkeit wurde ebenso entwickelt und gestärkt wie das Gefühl, dass eine jüdische Gemeinschaft nur durch gegenseitiges Annehmen und vor allem durch das großmütige Geben existieren kann.“
Die freiwillige Jugendarbeit, die Kricheli und ihre zahlreichen Freundinnen und Freunde machen, beschränkt sich zeitlich nicht nur auf Schabbat, Wochenende sowie Feriencamps oder inhaltlich ausschließlich auf die Vermittlung religiöser Werte. „Selbstverständlich finden wir auch in der wöchentlichen Parascha (Wochenabschnitt der Thora) viele soziale und moralische Aspekte. Dennoch diskutieren wir mit den Jugendlichen sowohl über Politik als auch über Themen und Bedürfnisse, die sie persönlich beschäftigen“, so Kricheli.

»… das Gefühl, dass eine jüdische Gemeinschaft nur durch gegenseitiges Annehmen und vor allem durch das groß-mütige Geben existieren kann.«
Betty Kricheli

Als 23-jährige Studentin wurde Betty von der IKG-Führung gefragt, ob sie bereit wäre, den ehrenamtlichen Vorsitz der JUKO zu übernehmen. „Das war 2012, ich habe nicht lange nachgedacht. Diese tolle Aufgabe hat mich gereizt. Ich habe mir die vielfältigen Herausforderungen des übergreifenden, umfassenden Arbeitens mit Schülern und Studenten gut vorstellen können.“ Die JUKO fungiert als Dachverband der vier Jugendorganisationen Shomer Hazair, Bnei Akiba, Jad Bejad und Hillel Group sowie der beiden Studentenverbände JÖH und Moadon. Alle Gruppen repräsentieren unterschiedliche Strömungen des jüdischen Gemeindelebens: von religiös-zionistisch bis säkular-zionistisch. Die operative Organisation liegt in den Händen der Jugendreferenten und einem Team hauptberuflicher Mitarbeiter, die gemeinsam mit der Vorsitzenden auch neue Ideen entwickeln oder sinnvolle, nachahmenswerte Programme übernehmen.
Ein Beispiel dafür ist das Projekt Likrat, das 2003 vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) ins Leben gerufen wurde. Likrat (hebräisch für „aufeinander zugehen“) möchte den Dialog zwischen Jugendlichen und jüdischen Gleichaltrigen fördern, indem die jüdischen Jugendlichen in eine Schulklasse eingeladen werden und dort über das Judentum erzählen. „Das ist ein fruchtbarer Dialog auf Augenhöhe“, begeistert sich Betty, „da schaffen wir einen unbefangenen Zugang zum Thema Judentum. Das hilft, Stereotype und Vorurteile aufzubrechen und antisemitische Ressentiment auszuräumen.“ Seit drei Jahren wird Likrat auch in Österreich angeboten. Auf die Begegnungen in den Schulklassen werden derzeit jährlich um die 25 jüdische Jugendliche in Seminaren intensiv vorbereitet und ausgebildet. Damit sie die Fragen in den Klassen auch beantworten können, erhalten sie selbst Unterricht in Rhetorik und simulieren Begegnungen. Die Ausbildung dauert zwischen einem halben und einem Jahr und beinhaltet auch Themenkreise wie jüdische Religion und die Schoah.
„Das ist eine freiwillige Arbeit, die immer mehr Zuspruch unter den jüdischen Jugendlichen findet. Es macht ihnen offensichtlich Freude, über die Vielfältigkeit des Judentums zu berichten“, konstatiert die Vorsitzende der JUKO. Die Nachfrage seitens der Schulen wächst auch, und so müssen bereits Alumni von Likrat herangezogen werden, um alle Anfragen bewältigen zu können. „Das Spannende an dieser Form des Dialogs ist, dass allein schon durch die Gleichaltrigkeit Nähe geschaffen wird und keine Belehrung von oben herab stattfindet.“ Wie stark die Jugendlichen in den Schulen heute noch mit tradierten Vorurteilen hantieren, merkt man an den Fragen, die sie den Likratinos stellen: „Ich dachte, Juden sind unsportlich“, meinte ein Mitschüler von Marc, nachdem dieser mehrere Schwimmwettbewerbe gewonnen hatte. Auch Stereotype wie „Alle Juden sind reich“, „Juden zahlen keine Steuern“ oder „Du siehst nicht aus wie eine Jüdin“ sind noch zu hören.
Die meisten Fragen sind dennoch dem Unwissen geschuldet und kreisen stärker um die religiöse Praxis und die Schoah, nur vereinzelt wird über Israel politisiert.

Ohne Gedenken keine Zukunft. Die Bereitschaft seitens der Schüler, sich auf ein Gespräch einzulassen, erhöht sich vor allem, weil die jüdischen Jugendlichen der gleichen Generation angehören und so mit einem ähnlichen Erfahrungshorizont aufgewachsen sind. Besucht werden Klassen der Oberstufe mit 14- bis 18-Jährigen, sowohl in Gymnasien, AHS als auch vereinzelt in Berufsschulen. „Wir waren auch schon in Salzburg, Niederösterreich und der Steiermark. Jetzt sind wir hauptsächlich in Wien unterwegs, aber sollte Mangel an jüdischen Jugendlichen sein, springe ich auch jederzeit ein und gehe in eine Schulklasse“, meint Kricheli. „Regulär gehen unsere Repräsentanten zu zweit; wir versuchen immer, eine ‚gute Mischung‘ zu finden: Mädchen und Burschen, einmal religiös, das andere Mal säkular.“ Jährlich wird eine professionelle Auswertung der Feedbacks in den Schulen gemacht: Zuletzt erreichte die Zufriedenheit mit den Likrat-Begegnungen 92 Prozent. In Deutschland, Belgien und Moldawien ist Likrat bereits etabliert; Griechenland, Dänemark, Schweden, Frankreich sowie England möchten das Konzept einführen.
„Gerade wenn wir einen Beitrag zur gemeinsamen Zukunft unserer Gesellschaft leisten wollen, müssen wir die Vergangenheit einbeziehen. Denn ohne Gedenken gibt es keine Zukunft“, sagt Kricheli und verweist auf den jüngsten Skandal um die „Aktionsgemeinschaft Jus“ an der Universität Wien. In Gesprächen mit dem Dekan des Juridicums und dem Rektor der Universität Wien hat die Juristin vorgeschlagen, das Projekt Likrat in Seminaren und Pflichtübungen anzubieten. „Für unseren Gedenkmarsch Light of Hope am 9. November haben wir heuer das allererste Mal vor allem – aber nicht nur – die Studenten der gesamten Uni Wien eingelalden, mit uns mitzugehen. Das wäre doch eine gute Gelegenheit, den Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft zu spannen.“

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