Die aufgebauschte Lücke

0
919
Simon Wachsmuth
Simon Wachsmuth

Von Thomas Edlinger

Auch wenn eine verborgene Windmaschine ihn sanft bewegt und so die Aufmerksamkeit auf den Raum dahinter lenkt: Dieser neue Vorhang soll nie aufgehen und sein Geheimnis preisgeben. Er verhüllt den geschändeten Toraschrein in der ehemaligen Synagoge in Sankt Pölten, die im Novemberpogrom 1938 verwüstet wurde. Die Torarollen, der Toravorhang und diverse Ritualgegenstände wurden verbrannt, beschädigt oder geraubt. Der Stoff zeigt im Akt der Verhüllung daher auf eine Leerstelle, die man sonst nicht so sehen würde.

Was man verflucht, kann auch ein Segen sein. Zum Beispiel die fragmentierte Identität.

Das Gotteshaus wurde erst in den 1980er-Jahren renoviert und beherbergt seit 1988 das Institut für jüdische Geschichte, die Gemeinde vor Ort existiert nicht mehr. Was seit dem vierten Mai in diesem Raum neben einem symbolischen neuen Vorhang auch präsent sein soll, ist so unsichtbar wie der Glaube selbst: der Wind. Die bewegte Luft ist, sagt Simon Wachsmuth am Tag vor der Eröffnung seiner Installation Der Neunte Tag in Sankt Pölten, ist das, „was immer noch da ist in Ruinenstädten, auch wenn eine Zivilisation schon verschwunden ist“. Nur am neunten Av des jüdischen Kalenders im Sommer und am neunten November soll er künftig nicht wehen.

Der Wind ist zudem nach dem ersten Buch Mose nicht nur der Geist G-ttes, der über dem Wasser wehte, sondern in seiner Erscheinungsform als Sturm auch jene Energie, die in der berühmten Wendung Walter Benjamins den auf den Betrachter blickenden und auf all die Toten starrenden „Engel der Geschichte“ rückwärtsgewandt in die Zukunft treibt. Der Sturm ist in Benjamins Interpretation des Angelus Novus von Paul Klee das, „was wir den Fortschritt nennen“.

Fragmentierte Identitäten
Ehemalige Synagoge St Pölten. Verwüsteter Toraschrein nach dem Novemberprogom 1938.
Ehemalige Synagoge St Pölten. Verwüsteter Toraschrein nach dem Novemberprogom 1938.

Der Fortschritt wehte auch durch Kasimir Malewitschs berühmte monochrome Quadrate und Barnett Newmans Streifenbilder, wenngleich beide trotz ihres Reduktionismus auch Interesse an metaphysisch ausgerichteten Traditionen wie Ikonenmalerei oder Kabbalistik äußerten. In der Form klingt diese Ambivalenz zwischen puristischem Avantgardismus und religiös besetzten Motiven in Wachsmuths Installation nach. Der dunkelblaue Hintergrundstoff formt ein Rechteck, auf den noch ein zweites, kleineres Rechteck aus festlicher, weißer Seide appliziert ist.

Wachsmuth wuchs in Israel auf, studierte in Wien und lebt heute in Berlin. Er ist für seinen unvoreingenommenen Blick und seine abstrahierten Mehrfachbelichtungen historischer und gesellschaftlicher Konstellationen bekannt. Auch Der Neunte Tag weist trotz der Schlichtheit der Formen und Materialien in einen weiten Denkraum. Durch den sich von jeder Jahreszahl entkoppelten Titel setzt die Arbeit den neunten November 1938 in Beziehung zu den beiden Tempelzerstörungen in Jerusalem, derer ebenfalls am neunten Av gedacht wird. 586 v. Chr. vernichteten die Babylonier den ersten Tempel, 70 n. Chr. taten es ihnen die Römer mit dem zweiten Tempel gleich. Der Vorhang erschafft so einen historischen Zusammenhang, der die antijüdischen Zerstörungen in eine weit ausholende Kontinuität bringt. „Es geht um eine anthropologische Konstante. Der gemeinsame Nenner ist immer die Verfolgung und Marginalisierung einer bestimmten Kultur.“

Installation. Der Vorhang zeigt im Akt der Verhüllung auf eine Leerstelle.
Installation. Der Vorhang zeigt im Akt der Verhüllung auf eine Leerstelle.

Zugleich hält Der Neunte Tag aber nicht nur historische Wunden, sondern auch den Blick in die Zukunft offen. Denn der neunte Tag des Monats kommt auch in den nächsten Jahren und Jahrhunderten wieder. Wachsmuths kommentierende und keinesfalls etwas ersetzen wollende „Geste“ will nämlich nicht nur der Zerstörung des religiösen Lebens 1938 gedenken, sondern hat auch mit einer Vielzahl geistiger Konstruktionen zu tun, die auf Projektionen verweisen. Schließlich soll nach chassidischen Prophezeiungen auch der Messias am neunten Av geboren werden.

Wachsmuth selbst sieht sich freilich als „orthodoxer Atheist“: „Was man verflucht, kann auch ein Segen sein. Zum Beispiel die fragmentierte Identität.“ Die Akzeptanz der eigenen Gespaltenheit ermöglicht ihm, mit Respekt in einer ehemaligen Synagoge, aber auch im Westjordanland oder (für die Documenta 2007) im Iran zu arbeiten.

Und natürlich ist er Israel nach wie vor durch regelmäßige Projekte verbunden. Trotzdem sieht er seine alte, erste Heimat kritisch: „Was dort jetzt passiert, ist der schmerzvolle, komplexe, aber auch notwendige Abgesang auf den Zionismus.“

ZUR AUSSTELLUNG
Simon Wachsmuths permanente Installation Der Neunte Tag ist seit 4. Mai in der ehemaligen Synagoge in Sankt Pölten zu sehen.

Dr.-Karl-Renner-Promenade 22, 3100 St. Pölten
publicart.at

© WOESSNER

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code