„Auschwitz ist einer der größten ungarischen Friedhöfe“

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Eine ungarische Wanderausstellung im Wiener Justizpalast ist ein Bekenntnis zur Mitschuld Ungarns am Holocaust.

Von M. S. Halpert   

Der ungarische Botschafter in Österreich, János Perényi, bekannte sich aus Anlass der Eröffnung der Wanderausstellung über die Deportation ungarischer Juden nach Auschwitz mit dem Titel Mauern, Zeichen, Schicksale zur gemeinsamen Verantwortung für die „nationale Tragödie Ungarns, die Auschwitz zu einem der größten ungarischen Friedhöfe gemacht hatte“. Er präzisierte seine Ausführungen dahingehend, dass es nicht genüge, sich „nur“ an die gewaltsame Vergangenheit zu erinnern, sondern dass „wir uns auch mit der Verantwortung des damaligen Ungarn auseinandersetzen müssen“. „Denn“, führte er weiter aus, „die beste Versicherung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus sind und bleiben die lebendige Erinnerung an die Geschichte und die aktive Auseinandersetzung mit ihr.“

Nie endender Schmerz
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Die Schautafeln und Fotos, die vom Holocaust-Gedenkzentrum Budapest (Páva utca) zusammengestellt wurden, zeigen eine übersichtliche Abfolge der geschichtlichen Ereignisse, angefangen vom Horthy-Regime über die Achse zu Hitler und zu den daraus resultierenden Verstrickungen in die Schoah. „Der Verlust der jüdischen Bevölkerung ist ein nie endender Schmerz, dessen Auswirkungen die ungarische Gesellschaft bis heute nicht überwunden hat“, erklärte Szabolcs Szita, Historiker und Direktor des Holocaust-Gedenkzentrums Budapest.

Weshalb der ungarische Staatsapparat mit solcher Intensität an den Deportationen mitgewirkt hat, ist für den Historiker noch immer unerklärlich. „Ab 14. Mai 1944 hat man es geschafft, in 56 Tagen 437.000 Juden nach Auschwitz zu deportieren.“

Beeindruckend sind die Fotos und Textblöcke über die individuellen Lebensgeschichten der Opfer. Allerdings begeben sich die Gestalter der Ausstellung mit ungenauen Zahlenspielen auf ein heikles Terrain: Auf einer Tafel heißt es: „Zwischen 1941 und 1943 wurden die meisten Juden unter der Nazi-Herrschaft ermordet, insgesamt mehr als vier Millio­nen Menschen.“ Erstens erreichte der Höhepunkt der „Endlösung“ die halbe Million ungarischer Juden „erst“ ab 1944, und die Vernichtungslager waren bis Kriegsende 1945 aktiv. Warum also nicht gleich von den verbrieften sechs Millionen Opfern sprechen?

„Dass es möglich war, diese Menschen so planvoll, so öffentlich zu töten, mitten in Europa, mitten im 20. Jahrhundert, stellt einen ungeheuerlichen Zivilisationsbruch dar.“ - János Perényi

Sektionschef Michael Schwanda, der die Ausstellung in der Aula des Justizpalastes in Vertretung des erkrankten Justizministers eröffnete, wies eindringlich auf die Verfehlungen des Justizapparates während der NS-Zeit hin und rief zur „ständigen Wachsamkeit“ auf. Er berichtete über ein seit 2009 bestehendes Ausbildungs-Curriculum für angehende Richter, das die Justizgeschichte im 20. Jahrhundert ausführlich behandelt.

Mitten in Europa

Zur inhaltlichen Ausrichtung der Ausstellung, die am Schmerlingplatz 10–11 noch bis 14. Juli zu sehen ist, sagte Botschafter Perényi: „Wenn wir heute der Menschen gedenken, deren Leidenswege in dieser Ausstellung dargestellt werden, so wissen wir, dass sie von einem mörderischen Regime systematisch ausgesondert und kaltblütig mit gründlicher bürokratischer Organisation umgebracht wurden. Dass es möglich war, diese Menschen so planvoll, so öffentlich zu töten, mitten in Europa, mitten im 20. Jahrhundert, stellt einen ungeheuerlichen Zivilisationsbruch dar, der von Menschen begangen wurde.“

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