Auszug aus Ägypten

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Eine offene Klinik in Jaffa kümmert sich um die ärztliche Behandlung von Asylbewerbern und illegalen Migranten. Die meisten sind Muslime und kommen aus Eritrea und dem Sudan. Mit ihnen kommen auch traumatische Fluchterfahrungen in Folterlagern im Sinai ins Land. Von Gisela Dachs

Kurz vor Pessach hatten sie, die muslimischen Asylwerber in Israel, nur einen Kilometer weit weg von der ägyptischen Grenze, einen Vor-Seder-Abend gefeiert. Draußen im Wüstensand und unter gleißender Sonne, ohne Alkohol, im Flüchtlingslager Holot. Die Veranstalter – die „Rabbiner für Menschenrechte“ gemeinsam mit rund hundert Freiwilligen – hatten Passagen der Hagadah abgewandelt, um sie den Umständen anzupassen. Ihre Gäste stammten vor allem aus Eritrea und dem Sudan.

[quote]Wer als Opfer gilt, genieße dann besonderen Schutz, dazu gehöre auch die Notwendigkeit einer psychologischen Betreuung. [/quote]

In Holot sind insgesamt etwa 3.300 Asylbewerber untergebracht. Die meisten sind Männer in den 20ern. Sie müssen in dem abgelegenen Lager schlafen, dürfen sich aber tagsüber woanders aufhalten. Manche fahren einmal in der Woche nach Sderot, wo sie am College einen Studiengang aufgenommen haben. Ihr weiteres Schicksal aber ist ungewiss. Vergangenen August hat das Oberste Gericht entschieden, dass sie nicht länger als ein Jahr in Holot festgehalten werden dürfen.

Wer mehr über die Betroffenen erfahren möchte, kann auch in die offene Klinik nach Jaffa fahren. An diesem frühen Nachmittag sind es bereits ein Dutzend afrikanischer Migranten, die hier schweigend im Warteraum sitzen. Sie sind gekommen, um sich kostenfrei behandeln zu lassen. Gegen 15 Uhr treffen die allgemeinen Ärzte und KrankenpflegerInnen ein. Sie leisten am Sonntag, Dienstag und Mittwoch Dienst – und gehen erst, wenn keiner mehr wartet. Montags ist Spezialistentag. Wer zu einem Orthopäden, Gynäkologen, Diabetologen oder Physiotherapeuten will, muss sich vorher anmelden. Etwa 90 Ärzte umfasst die Liste der freiwilligen Helfer.

Rund 6.000 Patientenbesuche pro Jahr zählt die offene Klinik, betrieben von den Ärzten für Menschenrechte (PHR). Das prominenteste aktive Mitglied ist der 73-jährige Professor Rafi Walden. Bis 2015 war er Vorsitzender. Walden ist nicht nur der langjährige Leibarzt des ehemaligen Staatspräsidenten Shimon Peres, sondern auch dessen Schwiegersohn. Bekannt ist die Organisation schon lange für ihr Engagement in mobilen Kliniken im Westjordanland. Dort leisten sie, gemeinsam mit Palästinensern, medizinische Versorgung vor allem für jene, deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist.

Vor fünf Jahren ist die offene Klinik in die hiesigen Räumlichkeiten umgezogen, sie sind großzügig und freundlich. Davor war sie im zentralen Busbahnhof in Tel Aviv untergebracht. Platz gibt es genug. Der gut bestückte Arzneiraum zeichnet ein Bild der geläufigsten Krankheiten: Schmerzmittel, Antibiotika, Blutverdünner, Antidepressiva.

Asylschicksale in Israel

In Israel gibt es Asylsuchende (45.000) und illegale Migranten (15.000), darunter nur ganz wenige anerkannte Flüchtlinge. Sie haben vor allem in den Jahren zwischen 2007 und 2012 von der Halbinsel Sinai aus die Grenze nach Israel überschritten. Hinzukommt eine weitere heterogene Gruppe von Ausländern (geschätzt auf 90.000), die keinen Status besitzen. Sie waren mit einem Touristenvisum ins Land gekommen, das längst abgelaufen ist. Mehr als die Hälfte stammt aus der ehemaligen Sowjetunion.

Das Gros der fest angestellten Mitarbeiter sind Rechtsanwälte und Menschenrechtsaktivisten. Sie wollen die Strukturen verändern. Sie sehen sich explizit als Lobbyisten, die in der Knesset und den zuständigen Ministerien auf das Schicksal dieser Gruppen aufmerksam machen. Ihr Ziel sei es, sagt Elisheva Milikovsky, das Recht auf nationale medizinische Grundversorgung in Israel auch für jene zu verankern, die davon ausgeschlossen sind. In mancher Hinsicht hat sich ihre Hartnäckigkeit bereits bezahlt gemacht. So eröffnete das Gesundheitsministerium vor drei Jahren eine Notfallaufnahme im zentralen Busbahnhof. Mit naheliegenden Krankenhäusern gibt es ein Abkommen über eine beschränkte Anzahl von kostenfreien Blutuntersuchungen pro Monat.

Mit den Patienten sind auch deren Fluchtgeschichten ans Licht gekommen. Nicht wenige sind Menschenhändlern zum Opfer gefallen. In zahlreichen bekannt gewordenen Fällen wurden vor allem eritreische Flüchtlinge gegen ihren Willen aus Flüchtlingslagern im Sudan entführt, in Foltercamps auf dem Sinai gebracht und dort brutaler Gewalt ausgesetzt, um Lösegelder von bis zu 30.000 Dollar von ihren Familien zu erpressen. Rund 4.000 Betroffene gelangten nach ihrer Freilassung oder Aussetzung nach Israel. Zwischen 15.000 und 20.000, so die Schätzung, sind in den Folterlagern umgekommen.

Aufmerksam geworden sei man auf diese Schicksale, als es plötzlich einen starken Anstieg bei der Nachfrage nach Abtreibungen gegeben habe, erzählt Elisheva Milikovsky. Sie hat auch bei der Erstellung des 2015 preisgekrönten israelischen Dokumentarfilms Sound of Torture mit geholfen, der diese Lebenswege nachzeichnet. Dabei werden auch die Telefonanrufe gespielt, mitgeschnitten von der schwedisch-eritreischen Radiomoderatorin Meron Estefanos, in denen Folteropfer ihre Familienangehörigen im Ausland um die Überweisung von Geld bitten. Mittlerweile gebe es auch Nachahmer dieser Methoden in Libyen. Die Betroffenen seien Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa.

Der Film wurde zu einem wichtigen Aufklärungsinstrument zum Thema Menschenschmuggel und Folter. Im Jerusalemer Justizministerium gab es gleich mehrere Vorführungen. Um solche Fälle von vorneherein zu identifizieren, gibt es in der offenen Klinik kleine gelbe Zettel, die im Verdachtsfall ausgefüllt werden. Darauf stehen folgende Fragen: Wie viel  Zeit haben Sie im Sinai verbracht? Haben Sie dort jemanden bezahlt? Wurden Sie zur Arbeit gezwungen, als sie im Sinai waren? Wer als Opfer gilt, genieße dann besonderen Schutz, dazu gehöre auch die Notwendigkeit einer psychologischen Betreuung.

Für die PHR-Aktivisten sind solche Erfolge jedoch ein doppelschneidiges Schwert, denn man fülle mit der eigenen Arbeit eine Lücke, die eigentlich der Staat ausfüllen sollte, sagen sie. Man halte damit einen Zustand aufrecht, den man eigentlich ändern wolle. „Kein Asylsuchender wird in Israel sterben, dazu gibt es viel zu viel guten Willen, aber unser Ziel ist es, dass Israel seine vage Politik im Hinblick auf die Flüchtlinge ändert, die hier aus guten Gründen sind.“

Der Film Sound of Torture dokumentiert das Schicksal eritreischer Flüchtlinge, die aus Flüchtlingslagern im Sudan entführt, in Foltercamps auf dem Sinai gebracht und dort misshandelt werden. Rund 4.000 Betroffene gelangten nach ihrer Freilassung oder Aussetzung nach Israel.

http://www.soundoftorturefilm.com/

Bild: © Aus der Film Sound of Torture

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