Chef, Mentor und Freund

Ari Rath (1925-2017)

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Wenn diese Zeilen erscheinen, hat man bereits viel über Ari Raths Leben und beruflichen Werdegang gelesen und gehört. Und an so manches wurde durch Film- und Tondokumente erinnert. Die biografischen Daten sind präsent. Seine letzten Lebensjahre, die er großteils und gerne in Wien verbrachte, bestehen weiter in den Erzählungen der zahlreichen Freunde und Freundinnen, Kollegen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die das Glück und Privileg hatten, mit Ari Zeit zu verbringen. Seine scharfsinnigen politischen Analysen waren ebenso gefragt wie sein kluger Humor, gepaart mit dem ihm eigenen unversiegbaren Charme.

Auch als „Zeitzeuge“ und vor allem als Projektionsfläche für all das, was in Wien an ihm und zig Tausenden ab 1938 verbrochen wurde, war Ari ein willkommener Repräsentant. Als „Stellvertreter“ einer Generation, an der man sich noch selbst oder seine Vorfahren schuldig gemacht hatte, vermochte man zweierlei zumeist ehrliche Gefühle miteinander zu verbinden: traurig und bestürzt realisieren, dass es viel zu wenige Menschen dieses Typus noch gibt, und unterbewusst auch etwas nachholen, etwas gutmachen, indem man ihm Gutes tut.

Doch Ari war all das, und – vor seinem zweiten Wiener Lebensabschnitt – noch viel mehr. Zum Beispiel mein erster Arbeitgeber im Tel Aviver Büro der Jerusalem Post. Nach meiner sechsmonatigen Probezeit als Business Reporter musste der Chefredakteur entscheiden, ob ich eine Fixanstellung bekomme und in den Tel-Aviv-Kader aufgenommen werde. Ari reiste von Jerusalem an, setzte sich salopp auf die Kante eines Schreibtisches, zog an seiner Pfeife und fing mit der Befragung an, während ich vor ihm stehen durfte. Er sei zwar mit meiner bisherigen Arbeit sehr zufrieden, meine englischsprachigen Texte müssten kaum redigiert werden, dennoch bevorzuge er native speakers, also Mitarbeiter, deren Muttersprache Englisch ist. Trotz der etwas einschüchternden Gesamtlage riss ich meine Augen auf und staunte: „Und Sie? Sind Sie nicht auch aus Wien?“ Es folgte keine Antwort, sondern der nächste Versuch: „Es gibt schon zu viele Frauen in dieser Redaktion!“ Darauf lachte ich, zuckte entschuldigend mit den Schultern und deutete Ari, dass ich eigentlich keine Geschlechtsumwandlung anstrebte.

„Er lebte und liebte sein Leben: Er war ein außergewöhnlicher Mensch – viel mehr als nur ein Zeitzeuge.“

Das Eis war gebrochen, ich bekam die Stelle, und Ari wurde zu meinem wichtigsten journalistischen Mentor während meiner Jahre in Israel. Schnell griff er zum Hörer, wenn es darum ging, Gehörtes und Erlebtes zu hinterfragen, bevor es in Druck gehen durfte. Anders als manche Journalisten und eitle Chefredakteure behielt er seine exzellenten Kontakte nicht nur für sich, sondern stellte diese auch seinen „kleinen Reportern“ für die Recherchearbeit zur Verfügung. Als ich nach Wien zurückkehrte, wollte er mich als Österreich-Korrespondentin für die Jerusalem Post verpflichten. Da ich schon für die Haaretz Daily unter meinem Namen schrieb, ließ er sich sogar auf einen Kompromiss ein: Ich durfte unter dem Pseudonym Ilona Henry (die beiden Vornamen meiner Eltern) meine Berichte verfassen.

Der berufliche Höhepunkt dieser Achse Jerusalem–Wien kam mit der Waldheim-Affäre 1986. Ari war täglich mit mir am Telefon, wollte jede Einzelheit genau wissen und räumte auch im Blatt viel Platz für die Berichterstattung ein. Es hielt ihn nicht in Jerusalem, er war emotional so stark involviert, dass er die Entwicklungen vor Ort miterleben wollte. Bereits damals frischte er alte Beziehungen in Wien auf und knüpfte viele neue Kontakte.

Glücklicherweise mutierte Ari vom Chef und Mentor zum offenherzigen, langjährigen treuen Freund, der auch in schwierigen Zeiten immer zur Stelle war. Legendär waren die traditionellen Freitagabende bei diversen Freunden in Jerusalem, bei denen heftig diskutiert, viel gelacht und getrunken wurde. Ari, strahlend und witzig, umgeben von schönen Begleiterinnen, war in seinem Element. Er lebte und liebte sein Leben: Er war ein außergewöhnlicher Mensch ‒– viel mehr als nur ein Zeitzeuge. Ari, toda raba!

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