„Das Ablaufdatum des Iran- Abkommens bereitet uns bereits jetzt Kopfschmerzen“

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Merav Zafary-Odiz, Israels Botschafterin bei der Internationalen Atombehörde und CTBTO in Wien, kämpft für die strikte Kontrolle bei der Umsetzung des ungeliebten Deals. Wie es ihr als zweifache Mutter in dem sensiblen Job geht, erzählt sie Marta S. Halpert.

Wina: Sie repräsentieren Israel seit 2013 im Rang einer Botschafterin bei der Internationalen Atombehörde (IAEA) in Wien. Welche Rolle spielt die Organisation in Zusammenhang mit dem Atomabkommen mit dem Iran?

Merav Zafary-Odiz: Wien ist sehr wichtig, denn die hier ansässige IAEA ist die einzige Organisation, die für die Implementierung und Überwachung der Regeln und Zielvorgaben dieses Abkommens zuständig ist. Israel unterstützt es nicht, es ist kein gutes Abkommen – und es hätte nicht unterzeichnet werden sollen. Es wäre besser gewesen, gar keinen Vertrag zu unterzeichnen als einen schlechten. Das aber ist jetzt unsere Realität, und daher sind wir überzeugt, dass das Abkommen strengstens eingehalten und ständig überprüft werden muss. Die IAEA macht jetzt diesen Job, und wir wollen sicherstellen, dass sie alle Ressourcen hat und Kapazitäten nutzt, um dies auch tun zu können. Dabei geht es sowohl um finanzielle Mittel als auch um geeignetes Personal.

Was ist Ihre konkrete Aufgabe dabei?

❙ Dieses Abkommen und dessen Kontrolle hat auf meiner Agenda die höchste Priorität. Das bedeutet, dass ich darauf achte, dass alle Anforderungen bei der Überwachung strengstens, genauestens und umfassend eingehalten werden. Wir verfolgen die Berichte der Atombehörde sehr genau und sind auch ständig mit den Botschaftern anderer Mitgliedsländer im Gespräch, um über die Prozessabläufe informiert zu sein.

Wer unterstützt Israel bei diesen Bemühungen?

❙ Alle sind für die Implementierung des Abkommens – aber doch in verschiedenen Abstufungen. Israel hat hier eine einzigartige Position, weil es das einzige Land ist, das dieses Abkommen ablehnt. Trotzdem bleibt die IAEA unser relevanter Partner, damit dieses Thema seine hohe Priorität innerhalb der Agentur behält. Die Mitgliedsstaaten haben zwar die erforderlichen zusätzlichen finanziellen Beiträge für die Implementierung geleistet, dennoch beobachte ich bei den Kollegen eine leichte Ermüdung bei der Thematik. Sie argumentieren damit, dass das Iran-Abkommen bereits eineinhalb Jahre am Laufen ist und man die IAEA einfach arbeiten lassen soll. Viele Ländervertreter bevorzugen andere Projekte: Sie möchten Gelder der IAEA an jene Staaten vergeben, die die friedliche Nutzung der Atomenergie vorantreiben. Sie wollen mehr Geld für verschiedene technische Assistenzaufgaben verwenden als für die Kontrolle des Iran-Abkommens. Wir sehen aber, dass es immer wieder zu Verstößen kommt, daher ist es meine Aufgabe, alle daran zu erinnern, dass wir erst am Anfang unserer Arbeit stehen.

„Die arabischen Länder sind sehr besorgt, was das iranische Atomprogramm betrifft. Aber sie äußern ihre Besorgnis nur im privaten Rahmen.“

Wir müssen wachsam bleiben, um sicherzugehen, dass die Voraussetzungen erfüllt werden. Denn dieses Abkommen hat auch ein Ablaufdatum, wenn nämlich in zehn oder 15 Jahren endgültig die Restriktionen und Sanktionen aufgehoben werden, steht dem Iran viel mehr Geld zur Verfügung – und das bereitet Israel starke Kopfschmerzen. Die Botschafterkollegen sehen das gelassener, sie sagen, in der Zwischenzeit kann so viel passieren, vielleicht ändert sich auch das Regime in Teheran. Aus unserer Sicht ist das reines Wunschdenken.

Wie empfinden Sie die Stimmung gegenüber Israel in der Atombehörde?

❙ Die arabischen Länder sind sehr besorgt, was das iranische Atomprogramm betrifft. Aber sie äußern ihre Besorgnis nur im privaten Rahmen. Auch wenn sie gemeinsame Interessen mit Israel haben, würden sie Israel nie öffentlich dabei unterstützen. Das hat leider politische Gründe, das wissen wir, es ist so schade!

Hängt die mangelnde Unterstützung auch mit wirtschaftlichen Interessen im Iran zusammen?

❙ Sicherlich, viele Staaten haben ökonomische Interessen im Iran. Obwohl die Sanktionen gelockert wurden, beklagen sich die Iraner laufend: Sie rechtfertigen ihre Verstöße gegen das Abkommen mit dem Argument, dass die andere Seite ihren Teil des Vertrages nicht erfülle. Und das obwohl jetzt viel mehr Geld in den Iran fließt. Sie haben zu hohe Erwartungen in das Tempo der ökonomischen Entwicklung gesetzt.

Sie haben in Jerusalem Ihren Bachelor in internationalen Beziehungen und Politikwissenschaften gemacht und Ihren Master auf der angesehenen University of California in Berkeley in Staatswissenschaften. Wie sind Sie dann beruflich im sensiblen Bereich der Atomenergie gelandet?

❙ Mein Interesse hat sich bereits in frühem Alter, schon an der Mittelschule bemerkbar gemacht. Wir mussten für die letzten beiden Schuljahre Hauptfächer wählen, und ich habe mich für Physik, Mathematik und Chemie entschieden. Das war meine erste Berührung mit der Nuklearphysik, und das wollte ich auch studieren. Doch während meines Militärdienstes hat mich ein Kollege davon abgebracht. Er hat mir geraten, das nicht zu machen, denn im Bereich des Atoms gebe es nichts mehr Neues oder Aufregendes zu entdecken. Zusätzlich stieß ich mit 16 Jahren auf ein weiteres Interessengebiet: Ich gehörte damals zu einer israelischen Jugenddelegation, die jährlich vom Außenministerium ausgesucht wird, um sechs Wochen in den USA in dortigen Mittelschulen über Israel zu unterrichten. Das wurde zu meiner ersten diplomatischen Erfahrung. Am Ende meiner Militärzeit beschloss ich dann, diese beiden Interessen zu verbinden, also internationale Beziehungen und nukleare Abschreckung. Die Nuk­learpolitik ist genau auf dem Schnittpunkt zwischen Politik und Technologie: Man muss mit der Nukleartechnologie vertraut sein, um die nukleare Politik zu verstehen. Als ich in den USA studierte und auch diverse Praktika absolvierte, war mir klar, dass das mein beruflicher Fokus sein wird.

Sieben Jahre, von 2005 bis 2012, waren Sie Leiterin des Policy and Arms Control Department in der Israel Atomic Energy Commission (IAEC). Wie kam es dazu?

❙ Ich war überglücklich, als ich von der israelischen Atombehörde kontaktiert wurde, während ich noch in den USA lebte. Denn ich wusste, dass ich gerne für die IAEC arbeiten wollte, kannte aber die Aufgabengebiete der Organisation nicht, zum Beispiel, dass sie auch Nicht-Wissenschafter beschäftigt. Als ich erfuhr, dass es auch eine politische Abteilung gibt, habe ich das Angebot angenommen. Dort habe ich meine Karriere begonnen, und ich bin mit dieser Entscheidung sehr glücklich, denn ich liebe meine Arbeit.

Welcher Aspekt bestimmt Ihre Arbeit in Wien stärker: ihre dip­lomatische oder technologische Ausbildung?

❙ Was mich an meiner Tätigkeit so freut, ist die Vielfalt der Nuklearpolitik. Sie hat so viele Dimensionen: technologische, legistische und internationale Aspekte. Mit der Technologie bin ich sehr vertraut, denn ich wurde darin ausgebildet. Man muss verstehen, wie Atomwaffen entstehen, aber auch, wie man es verhindert, dass sie in den Besitz von Terrorgruppen gelangen, was die Risiken und Herausforderungen sind. Ich möchte aber betonen, dass der Großteil meiner hiesigen Arbeit jener einer Diplomatin ist. Meine Kollegen in Wien sind zu 95 Prozent Karrierediplomaten und haben daher keinen wissenschaftlichen Background. Sie kommen von Posten aus aller Welt und verlassen sich hier auf die Vorgaben und politischen Richtlinien aus den Außenministerien. Die meisten sind multilateral Botschafter und vertreten damit ihre Länder auch bei der IAEA. Ich bin die einzige, die als Repräsentantin der israelischen Atombehörde hier akkreditiert ist und nicht aus dem Außenamt kommt. Seit 1957 ist Israel Mitglied der Internationalen Atombehörde, und seit damals wird das so gehandhabt.

Gibt es in Israel eine „gläserne Decke“ für Frauenkarrieren im Sicherheitsbereich?

❙ Es gibt wesentliche Fortschritte – aber nicht genug: Im Großen und Ganzen findet man Frauen in höheren Rängen beim Militär, auch auf strategischen Führungsebenen, aber noch immer zu wenige. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ich bei vielen sicherheitspolitischen Treffen die einzige Frau unter zwanzig Männern war.

Hatten Sie es schwer als Frau, auf diesem Posten akzeptiert zu werden?

❙ Komischerweise war mein Alter ein größeres Problem als mein Geschlecht. Da ich schon mit 30 Jahren bei der Atombehörde war, dachten manche bei den Sitzungen, ich käme, um das Protokoll zu schreiben. Aber nach ein paar Minuten, als ich dann zu sprechen begann, war alles klar. Trotzdem habe ich mich sicher intensiver auf die Themen vorbereitet als ein durchschnittlicher Mann. Ich hatte großes Glück, weil mein Chef in Israel großes Vertrauen in meine Expertise zeigte und auf meinen Rat auch hörte – und das wiederum überzeugte und beeindruckte die anderen.

Meine Wiener Erfahrung, als ich den Posten hier angetreten habe, war ernüchternder: Ein Botschafterkollege kam auf mich zu und hat gefragt, wer denn jetzt Israels Botschafter bei der IAEA sei. Als ich zwei Mal wiederholte, dass ich das bin, entschuldigte er sich und meinte, er komme aus einem chauvinistischen Land und habe daher Vorurteile. In Wien gibt es noch 25 weibliche Botschafter bei der IAEA, aber diese betreuen auch alle anderen multilateralen Organisationen.

Wie schaffen Sie es als zweifache Mutter, diese auch zeitraubende Mission mit ihrem Privatleben zu vereinen?

❙ Ich habe einen neunjährigen Sohn und eine siebenjährige Tochter und das große Glück, dass ich mit meinem Mann gemeinsam die Familie schaukeln kann. Er hat sein Unternehmen in Israel aufgegeben, um mit mir nach Wien zu gehen, und hat hier nur zwei Jahre Teilzeit an der israelischen Botschaft gearbeitet.

Vor mehr als einem Jahr hat er sich entschieden, seinen Job aufzugeben. Ich suche und finde meine Zufriedenheit in der Arbeit, mein Mann genießt seine Freizeit, und es freut ihn sehr, mit den Kindern zu sein. Die Kinder haben sich hier gut eingelebt, und wir schätzen die hochwertige Lebensqualität in Wien.

Im Herbst 2018 werden Sie nach Israel zurückkehren. Dann waren Sie insgesamt fünf Jahre Israels Botschafterin bei der IAEA. Was würden Sie als ihre erfolgreichste und ihre enttäuschendste Erfahrung bezeichnen?

❙ Bei der alljährlichen Hauptversammlung der IAEA stellt die Arabische Liga einen Antrag mit dem antiisraelischen Titel Israel’s Nuclear Capabilities. Jedes Jahr bekämpfen wir diese Resolution, die fast immer den gleichen Wortlaut hat. Zum ersten Mal ist es uns 2015 gelungen, den Antrag mit einer Mehrheit von 18 Gegenstimmen abzulehnen. Das ist natürlich nicht mein alleiniger Verdienst, das ist eine riesengroße diplomatische Anstrengung unseres Außenministeriums in allen relevanten Mitgliedstaaten. Dass wir diesmal aber statt fünf oder acht Stimmen Überhang auf satte 18 kamen, war ein wichtiges Signal an die arabischen Staaten: Ihr könnt Israel nicht isolieren, und vor allem: Dieser Antrag ist ein politischer, und die IAEA ist eine technische Agentur, wo diese politische Polemik nichts verloren hat. Solche Abstimmungen kennen wir aus New York, die sind hier am falschen Platz. Diese Überzeugungsarbeit bindet unsere Kräfte über viele Monate, das ist so schade. Wir möchten viel lieber an konstruktiven Sachen arbeiten. Zum Beispiel spendet Israel einigen afrikanischen Staaten Strahlungsdetektoren, darüber spricht niemand. Daher lautet meine Antwort: Wir verbuchen zwar einen Erfolg, dieser hat aber einen bitteren Nachgeschmack.

Merav Zafary-Odiz, 1972 in Jerusalem geboren, ist seit Oktober 2013 Israels Botschafterin und ständige Vertreterin bei der Internationalen Atombehörde (IAEA) sowie bei der in Wien ansässigen Vorbereitungskommission der CTBTO (Comprehensive Nuclear Test-Ban Treaty Organization). Insgesamt elf Jahre war sie in leitenden Positionen in der Israelischen Atomenergiebehörde (IAEC) tätig. Zuvor arbeitete sie in Washington u. a. als politische Analystin.
Merav Zafary-Odiz rüstete als Leutnant der IDF ab; an der Hebrew University erwarb sie ihren BA in Politikwissenschaften; an der University of California in Berkeley, USA, schloss sie ihren Master in Staatswissenschaften ab.


Bilder: © Reinhard Engel

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