Das kurdische Referendum und die Geschichte einer tiefen Verbundenheit

Während andere Völker, die einen eigenen Staat anstreben, oft großes Verständnis und breite Unterstützung erhalten, ist das Anliegen des kurdischen Volks vielen gar kein Begriff. Und auch über die jüdischen Kurden weiß man im Allgemeinen nur wenig.

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© Dachverband der kurdischen Juden in Israel

Es war kurz nach dem Golfkrieg, als wir – sozusagen um uns „auszulüften“, nach dem viele Wochen langen Gefühl der Bedrohung und des Eingesperrtseins in engen Bunkern und abgedichteten Räumen eine Reise in die USA machten. Im Nationalpark des Brice Canion unternahmen wir eine Tour zu Pferd, die von einem ‚sehr echt‘ aussehenden Amerikaner mit Cowboyhut und Stiefeln geleitet wurde. Irgendwie scheint das Thema unter den Touristen auf den Krieg, den Irak und damit auch auf die Millionen von Kurden gekommen zu sein, die aus dem Irak in die kurdischen Gebiete im Iran und in die Türkei geflohen waren, als unser amerikanischer Guide verdattert fragte: „What the hell are Kurds?? – Was zum Teufel sind Kurden?“
Das war 1991, doch scheinen auch bis heute nur wenige über die Kurden, ihre Geschichte und ihre wiederholten Bemühungen um Unabhängigkeit informiert. Im September kam das im nördlichen Teil des ehemaligen Mesopotamien beheimatete Volk wieder in die Schlagzeilen, als der kurdische Regionalpräsident Masud Barzani in Erbil im Nord-Irak ein Referendum für ein unabhängiges Kurdistan abhielt. Seine Kurdische Regionalregierung (KRG), deren Peshmerga-Armee ebenso wie einige kurdische Milizen aus Syrien mitgeholfen hatte, die ISIS in Syrien und im Irak zurückzuschlagen, erzielte mit ihrem Vorschlag zur Abspaltung vom Irak ein Traumresultat von 93 Prozent. Doch sofort drohten der Irak und die Türkei scharf mit Sanktionen. Der türkische Präsident Tayyip Erdogan, der befürchtete, der Unabhängigkeitskampf der nordirakischen Kurden könne einen Dominoeffekt bei deren Landsleuten in seinem eigenen Land auslösen, zeigte seine Muskeln mit Waffenübungen an der Grenze zu den kurdischen Gebieten. Und paranoide Verschwörungstheorien setzten ein unabhängiges Kurdistan mit einem „zweiten Israel“ gleich. Barsani sei ein „Mittelsmann für die Zionisten“, und der Iran werde „kein zweites Israel akzeptieren“, soll ein Berater von Irans geistlichem Oberhaupt Ajatollah Ali Khamenei gesagt haben. Und auch vor der israelischen Botschaft in Ankara demonstrierten Anhänger der ultranationalistischen Homeland Party gegen „den Plan, ein zweites Israel“ zu errichten.

Ein Zweites Israel? Israels Premierminister Netanjahu fand wohlwollende Worte für die Unabhängigkeitsabsichten der Kurden, was von vielen als Re­van­che für Erdogans Unterstützung der israelfeindlichen Hamas-Organisation ausgelegt wird. Der Rest der Welt blieb bemerkenswert still oder zeigte sich ablehnend gegenüber der kurdischen Initiative, obwohl den Kurden schon gleich nach dem Ersten Weltkrieg im Vertrag von Sevres von den Siegermächten ein eigener Staat versprochen worden war. Nur im Gan Ha’Azma’ut, dem Unabhängigkeitspark, vis-à-vis des amerikanischen Konsulats in Jerusalem, wurde am Tag des Referendums groß gefeiert, wobei auch die Aufforderung an die USA ausgesprochen wurde, das kurdische Referendum zu unterstützen. Es waren die jüdischen Kurden, also Juden, die aus der kurdischer Kultur und Tradition in Syrien, dem Irak, Iran oder der Türkei nach Israel gekommen waren, beziehungsweise ihre Kinder und Enkel, die hier die Initiative ihrer einstigen Landsleute zelebrierten: „In den kurdischen Städten und Dörfern war man immer gut zu uns, wir hatten gute nachbarschaftliche Beziehungen zu den kurdischen Moslems und Christen“, erinnert sich Herzel Levi, der Vorsitzende des Dachverbands der Kurden in Israel. „Und wir haben die Kontakte und Freundschaften bis heute erhalten und sogar noch einige wenige Familienmitglieder in den kurdischen Gebieten.“
Laut offiziellen Angaben sollen etwa 200.000 Kurden in Israel leben, doch Levi schätzt die Zahl auf mehr als doppelt so hoch. Diese Diskrepanz kommt vielleicht daher, dass die Nachkommen der Einwanderer nicht mehr offiziell als kurdisch registriert werden oder aus „gemischten“ Ehen kommen. Doch die Traditionen blieben erhalten, wenn auch die jüngere Generation nicht mehr Aramäisch kann, die alte Sprache der jüdischen Kurden. Sie alle lieben die Gedichte und Lieder aus der alten Heimat und feiern jedes Jahr im März das kurdische Neujahrsfest mit Volkstänzen und Folklore und mit den kurdischen kulinarischen Spezialitäten, wie Kubeh, Japrach und dem kurdischen Fladenbrot.

„Netanjahus Statement war ein historischer Moment in den jüdisch-kurdischen Beziehungen! Es hat Kurdistan aus der Isolation geholt.“
Ceng Sagnic

Wissenschaftler fragten sich, warum die kurdischen Juden im Gegensatz zu jüdischen Einwanderern aus anderen muslimischen Ländern so viele kulturelle Elemente aus dem Bereich von Kurdistan bewahrt haben. Eine mögliche Erklärung ist laut Ceng Sagnic* von der Abteilung für kurdische Studien an der Universität Tel Aviv, dass die Kurden immer schon politische und nationale Autonomie angestrebt und sich von ihren Gaststaaten separiert haben. So konnten sie ihre säkulare Kultur und ihre Sprache bewahren, während andere Völker, wie beispielweise die Palästinenser, in der arabischen Sprache und Kultur eingebettet sind und sich eher über die Religion definieren: „Aufgrund dieser säkularen kurdischen Kultur konnten sich auch die Juden in Kurdistan besser mit der lokalen Folklore, mit den Liedern, der Kleidung, den Gedichten und Geschichten identifizieren, die nicht vom Islam geprägt waren“, erklärt der kurdische Akademiker, der im irakischen Kurdistan lebte, bevor er vor sieben Jahren für seine Masterarbeit nach Israel kam und seitdem hier lebt. Eines der Projekte seines Instituts ist es, die verschiedenen lokalen Abweichungen im Aramäischen zu untersuchen, das von den kurdischen Juden, ähnlich wie Jiddisch unter den Aschkenasen, gesprochen wurde und in jedem Gastland eine andere Färbung erhielt.

Israel wird in Kurdistan sehr geschätzt, heute mehr denn je. © Dachverband der kurdischen Juden in Israel

Starke Bindung zu den Juden. Die ersten kurdischen Juden, die nach Israel kamen, waren Gelehrte, die noch im 16. Jahrhundert nach Zfat, die Stadt der Kabbala, zogen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es dann weitere Gruppen von Juden, die aus dem kurdischen Landstreifen, der sich von Syrien über Iran, Irak und Russland bis in die Türkei erstreckt, in das damalige Palästina einwanderten. Aber die weitaus größte kurdische Einwanderungswelle kam Anfang der 1950er-Jahre aus dem Irak, in der Zeit des „Farhud“, der Pogrome und anti-jüdischen Verfolgungskampagnen, als etwa 150.000 kurdische Juden ihre Heimat verließen. „Es gibt aus dieser Zeit viele tragische Geschichten, und immer wieder Erzählungen, wie die Kurden den Juden, auch den irakischen Juden, bei der Flucht über die Berge Kurdistans geholfen haben“, erklärt Sagnic. „Das hat eine starke Bindung zwischen diesen beiden Minderheiten, dem kurdischen Volk und den Juden, geschaffen, die bis heute erhalten geblieben ist.“
Auch Herzl Levi erinnert sich noch an diese schwere Zeit: „Meine Familie ließ damals alles Hab und Gut zurück und kam mit beinahe leeren Händen in die Ma’aberot, die Zeltlager für die Einwanderer. Manche trugen ihre wenigen Besitztümer in einem Polsterüberzug über der Schulter. Und wir kurdischen Juden haben dann das Land aufgebaut, die Straßen und später die Autobahnen, das waren alles kurdische Unternehmer und Baumeister, die sich hier hochgearbeitet haben.“ Er hat ehrgeizige Zukunftspläne für seine Gemeinde, möchte ein großes Kulturzentrum zur Erhaltung der jüdisch-kurdischen Kultur aufbauen und arbeitet an diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem nordirakischen Kurdistan: „Die kurdischen Einwanderer und ihre Kinder in Israel sind in ständigem Kontakt mit Freunden und Familie dort, aber wir wollen auch die Möglichkeit haben, unsere alte Heimat zu besuchen und unsere Kindheitsfreunde wiederzusehen.“ Natürlich würden auch die Handelsbeziehungen von einer diplomatischen Repräsentanz profitieren, denn vorläufig müssen die gehandelten Waren den Umweg über Europa machen.
Das kurdische Volk hat über Jahrhunderte Verfolgungen und Gewalt erfahren, warum also wurde das Referendum gerade jetzt abgehalten, obwohl das irakische Kurdistan eine autonome Regierung hat? „Irak rüstet ständig auf, die Situation für die Kurden ist sehr angespannt. Das Referendum war eine Reaktion darauf, um die Region zu sichern. Alles, was danach kommt, kann nicht schlimmer sein als das, was ohnehin schon war“, erklärt Sagnic. „Aber vielleicht schafft das Referendum ja ein Bewusstsein in der Weltöffentlichkeit. Und es gibt den Kurden auch die Legimitation, sich zu wehren, wenn sie angegriffen werden.“

Die Frage, ob Israels Unterstützung den Kurden nicht mehr schadet als nützt, verneint Sagnic und gerät ins Schwärmen: „Netanjahus Statement war ein historischer Moment in den jüdisch-kurdischen Beziehungen! Es hat Kurdistan aus der Isolation geholt, kein anderer Staat war bereit, ein einziges gutes Wort zu sagen, es gab nur Drohungen. Israel wird in Kurdistan sehr geschätzt, jetzt mehr denn je. Ich war zur Zeit des Referendums in Erbil und hatte mit meinem Auto einem anderen Wagen einen Schaden zugefügt, den ich mit Bargeld beheben wollte. Als mein Gegenüber hörte, dass ich aus Israel komme, wollte er mein Geld nicht annehmen!“

* Ceng Sagnic ist Koordinator des kurdischen Studienprogramms an der Universität Tel Aviv und Co-Editor des Journals Turkeyscope im Mosche-Dayan-Zentrum.

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