Der einzige jüdische Bewohner von St. Pölten

Zwölf „Steine der Erinnerung“ für 28 ermordete Juden findet man nun auch in Niederösterreich – dank der Initiative des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs.

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© Reinhard Engel

Der sportlich-schlanke Mittfünfziger mit dem grau melierten Haar beginnt mit leiser Stimme zu sprechen, stellt sich als Rudi Suss aus Buenos Aires vor. Aber schon beim nächsten Satz, als er auf seinen Bruder und Sohn zeigt, bricht er in heftiges Schluchzen aus. Jo Ann Rothenberg, seine Cousine aus New Jersey, USA, greift ein und übersetzt schnell seine spanischen Dankesworte ins Englische. Der Großneffe Suss und die Großnichte Rothenberg stehen vor dem Haus ihrer österreichischen Vorfahren Benedikt und Aurelia Aranka Süss in St. Pölten. Mit einer Grabkerze und mit weißen Rosen weihen sie die 18 x 18 cm großen Messingplatten ein, auf denen Namen, Geburtsdaten, Angaben zur Deportation und, falls bekannt, auch der Todestag eingraviert sind: „Sie wurden am 15.2.1941 nach Opole deportiert und dort ermordet.“

Hans Morgenstern vor dem Haus seiner Großmutter Johanna. Er war 1937 das letzte in die Geburtsmatriken der Kultusgemeinde St. Pölten eingetragene Kind. © Reinhard Engel

Diese berührenden Momente und viele weitere an diesem Herbstnachmittag sind der Initiative von Dr. Martha Keil, Direktorin des in der ehemaligen St. Pöltner Synagoge angesiedelten Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, zu verdanken. Gemeinsam mit ihrem wissenschaftlichen Team bemüht sie sich seit vielen Jahren, die Nachkommen der in der NS-Zeit aus St. Pölten und Umgebung vertriebenen oder ermordeten Familien ausfindig zu machen und sie an ihre eigene Geschichte anzukoppeln. Nach umfangreichen Recherchen in lokalen Archiven und auch mit Hilfe des Österreichischen Nationalfonds wurden vor zwei Jahren über 90 Nachfahren aus Europa, Israel, den USA, Mexiko und Argentinien in die niederösterreichische Landeshauptstadt eingeladen. Für die meisten Angehörigen war es der erste Kontakt zu der ehemaligen Heimatstadt ihrer Eltern oder Großeltern.

„Wir haben bei diesem Treffen im Juni 2016 sogar noch weitschichtige Verwandte gefunden, von deren Existenz wir nichts wussten“, erzählt Jo Ann Rothenberg. Schülerinnen und Schüler des BORG St. Pölten und des Gymnasiums Josefstraße hatten mit Hilfe von Experten die Schicksale jüdischer St. Pöltner Familien erarbeitet und die Nachfahren an die Orte und Lokalitäten geführt, wo deren Familien vor 1938 lebten. „Es ist sehr surreal, dieselben Wege zu gehen, die meine Mutter zum Beispiel in die Schule gegangen ist. Es ist erstaunlich, das zu erleben, die Region zu sehen, in der sie gelebt haben“, erzählt Rothenberg. „Benedikt Süß war unser Großonkel, und er war der Schammes, also der Synagogendiener. Er bereitete gemeinsam mit unserem Großvater Rudolf die Gottesdienste und Zeremonien vor. Religiös bestens ausgebildet, fungierte er auch als Kantor.“

„Es war uns bereits seit vielen Jahren ein Anliegen, für die in der Schoah ermordeten Jüdinnen und Juden der Kultusgemeinde St. Pölten Steine der Erinnerung zu setzen“, erklärt die Historikerin und Judaistin Keil.

Rudi Suss aus Buenos Aires vor dem Haus seiner Vorfahren Benedikt und Aurelia Aranka Süss in St.Pölten. © Reinhard Engel

„Jetzt im Jahr 2018, 80 Jahre nach dem ‚Anschluss‘ und 30 Jahre nach der Gründung unseres Instituts (Injoest), setzen wir in Zusammenarbeit mit der Stadt St. Pölten die ersten zwölf Steine für 28 Menschen an acht Adressen.“

Die Aktion soll jährlich durchgeführt werden, um an den insgesamt 60 bekannten Wohnorten dieses Zeichen der Erinnerung anbringen zu können. Das Institut arbeitet eng mit dem Verein Steine der Erinnerung in Wien zusammen und nennt daher sein Projekt ebenso. Die sofortige Zustimmung von Bürgermeister Matthias Stadler, der bei den Gedenkminuten an den einzelnen Standorten anwesend war, ermöglichte einen raschen Start. Auf Basis der wissenschaftlichen Recherchen von Christoph Lind und Benjamin Grilj erfolgte die Auswahl der ersten Steine unter zwei Kriterien: Erstens sollten – insbesondere in St. Pölten wohnhafte – Angehörige einbezogen werden können, zweitens sollten die Standorte zentral in der Stadt liegen. „In dieser Vorbereitungsphase verstarb leider einer der beiden St. Pöltner Juden, Hans „Jochi“ Kohn. Sein Cousin Hans Morgenstern kann nun seinen beiden Großmüttern Steine der Erinnerung setzen“, berichtet Direktorin Keil.

»Als ‚Letzter‘ fühle ich mich verpflichtet,
die zerstörte jüdische Gemeinde
zu dokumentieren.«
Hans Morgenstern

Aufrecht und freundlich lächelnd steht der 81-jährige Hans Morgenstern in der Kremser Gasse 17 vor dem grauen Betonportal einer Mango-Mode-Filiale. Vor dem Eingang hat man neben der eingelassenen Messingtafel ein Schwarz-weiß-Foto der bildhübschen Johanna Morgenstern, geb. Fischl, aufgestellt. „Man sagt, ich schaue ihr ähnlich.“ Der Versuch des Enkels, seine Rührung wegzuscherzen, misslingt. Denn der Text auf der schlichten Tafel ist erschütternd und brutal: „Sie wurde am 10.9.1942 nach Theresienstadt deportiert, am 29.9.1942 nach Treblinka überstellt und dort ermordet.“ Hans Morgenstern war das letzte in die Geburtsmatriken der Kultusgemeinde 1937 eingetragene Kind. Sein Vater, der Rechtsanwalt Dr. Egon Morgenstern, fand in Palästina erst nach zwei Jahren eine schlecht bezahlte Arbeit in einer Bibliothek.

© Reinhard Engel

Nach der Heimkehr 1947 nahm Egon Morgenstern sofort seine Tätigkeit als Anwalt wieder auf und vertrat einige St. Pöltner Juden in Rückstellungsverfahren. Die Familie zog in ein Hotel, denn ihre Wohnung war durch Bomben zerstört. Die Abfindung für sein Elternhaus erhielt Egon Morgenstern erst 1956, es war als deutsches Eigentum von der Sowjetarmee beschlagnahmt und erst nach dem Staatsvertrag freigegeben worden. Sohn Hans studierte in Wien Medizin und ließ sich in St. Pölten als Hautarzt nieder. „Als ‚Letzter‘ fühle ich mich verpflichtet, die zerstörte jüdische Gemeinde zu dokumentieren“, sagt Morgenstern, daher legte er 1985 eine Fotosammlung als Gedenkbuch für die ermordeten St. Pöltener Juden an.

Die Errungenschaften der Revolution von 1848 ermöglichten Juden und Jüdinnen freie Niederlassung auch in Niederösterreich. Die meisten jüdischen Einwanderer kamen aus Böhmen, Mähren und Westungarn (heute Burgenland), sie sprachen Deutsch und waren religiös traditionell, aber nicht orthodox. 1863 wurde die Israelitische Kultusgemeinde St. Pölten offiziell gegründet. Ihr Einzugsgebiet reichte von Traismauer im Norden bis St. Aegyd am Neuwald im Süden, von Krummnußbaum im Westen bis Hadersdorf-Weidlingau im Osten. 1938 hatte die IKG St. Pölten ungefähr 1.000 Mitglieder, rund 400 von ihnen lebten im St. Pöltner Stadtgebiet. Als sicher gilt, dass 422 Jüdinnen und Juden oder von den NS-Gesetzen als solche kategorisierte in der Schoah ermordet wurden. Rechnet man jene Personen ein, über deren Schicksal bisher nichts bekannt ist, sind es 575. Nach dem Krieg kehrten nur wenige Familien nach St. Pölten zurück, es gab auch keine Neugründung der Gemeinde. Heute lebt nur noch ein jüdischer Mensch, Hans Morgenstern, in der Stadt.

Rathausgasse 8. „Zum Gedenken an Hermann Löw und Irma Löw, geb. Tichler. Hier befand sich ihr Uhren- und Juweliergeschäft. Sie wurden gewaltsam enteignet, am 20.5.1942 nach Maly Trostinec deportiert und 26.5.1942 ermordet.“ Aus Genf sind die Enkelinnen Nina Moldau und Karin Rivollet nach St. Pölten gekommen. „Unsere Mutter Edith Löw wurde im Juli 1939 alleine nach Palästina geschickt. Sie war fünfzehn und sah ihre Eltern nie wieder. Dieses schreckliche Schicksal blieb ihr ganzes Leben lang eine offene Wunde, die es unmöglich machte, mit uns über Irma und Hermann Löw, unsere Großeltern, zu sprechen“, erzählt Nina Moldauer. Sie steht heute an genau jenem Ort, an dem Irma, die Großmutter, und Edith, ihre damals vierzehnjährige Mutter, gezwungen wurden, die Pflastersteine vor dem Juweliergeschäft mit Zahnbürsten zu schrubben. „Sie mussten die Beleidigungen und den Spott der Menge ertragen. Wir schaudern bei dem Gedanken an ihre tiefe Verzweiflung und Scham gegenüber den Menschen, die sie ihr Leben lang gekannt hatten.“ Moldauer suchte gemeinsam mit ihrer Schwester nach einem Weg, ihre Familiengeschichte zu verarbeiten, und bekam Hilfe durch Martha Keil und Injoest.

Keil selbst träumt von einer virtuellen jüdischen Gemeinde in St. Pölten, die aus dem Besuch der Nachkommen jüdischer Familien entstehen könnte: „Die auf Kontakten, Gefühlen, auf Austausch und Netzwerken beruht und die auf die nächste Generation weitergehen kann, wenn diese das will.“ Die ersten Schritte dazu wurden soeben gesetzt, denn Nina Moldauer und ihre Schwester ergänzen: „Wir, die Töchter von Edith Löw, werden vielleicht Frieden mit Österreich und der Geschichte machen können.“ 

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