Der spätberufene Berliner

Mit elf lernte Baruch Berliner Geige, mit 59 begann er zu komponieren. Jetzt wurde zum 70. Gründungsjahr des Staates Israel das Oratorium des Wirtschaftsmathematikers aufgeführt.

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Baruch Berliner (mit Mikrofon) im MuTh, dem Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, bei der Aufführung seines Oratoriums. © Reinhard Engel

Manchmal glauben auch streng religiöse Menschen an Zufälle. Insbesondere wenn sich zeitliche und räumliche Ereignisse so offensichtlich ineinander verschränken. „Heute ist der 31. Jahrzeit (Todestag) meiner Mutter, die in den frühen 1930er-Jahren hier in der Zwi-Perez-Chajes-Schule maturierte. Sie war Pianistin und Sängerin und hat mir die Liebe zur Musik vermittelt – und gerade heute wird mein Oratorium in Wien uraufgeführt.“ Sichtlich bewegt steht Baruch Berliner, 76, auf der Bühne des MuTh, dem Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, und bedankt sich bei den Künstlerinnen und Musikern für die Wiedergabe seiner Komposition Genesis (Bereschit).

Unter dem Titel Biblical Symphonies fand in Kooperation mit der IKG-Kultur ein Galakonzert statt, das sowohl dem 70. Gründungsjahr des Staates Israel wie auch dem 100. Geburtstag Leonard Bernsteins gewidmet war. Da aber jüdische Menschen nicht mehr feierlich gedenken können, ohne die Erinnerung an die Schoah mit einzubeziehen, begann das anspruchsvolle Programm mit Viktor Ullmanns Variationen und Fuge über ein hebräisches Volkslied. Ullmann komponierte das Musikstück 1944 im KZ Theresienstadt und widmete es seinen drei ermordeten Kindern, bevor er selbst vernichtet wurde. Die israelische Sopranistin Shira Karmon interpretierte eindringlich und einfühlsam die Lamentation (das Klagelied Eicha) aus Leonard Bernsteins 1. Symphonie Jeremiah aus dem Jahr 1942.

»Der Gedanke, biblische Texte
mit Musik zu verflechten,
faszinierte mich schon seit Jahren.«
Baruch Berliner

„Der Gedanke, biblische Texte mit Musik zu verflechten, faszinierte mich schon seit Jahren“, erzählt Baruch Berliner über sein Oratorium für Sprecherin und Symphonieorchester in sieben Teilen. Die Judaistin und Theaterwissenschaftlerin Schulamit Meixner fungierte als temperamentvolle Sprecherin, die die Schöpfungsgeschichte in Gestik und Mimik mitreißend erzählte. Wer die phantasiereiche und kraftvolle Musik von Berliner hörte, musste annehmen, dass es sich hier um einen studierten Komponisten handelt. „Ich bin ein Autodidakt in der Musik, aber nicht in dem Beruf, der mich und meine Familie ernährt hat“, lacht der erfolgreiche Finanzmathematiker. „Als ich meine Doktorarbeit in Physik und Mathematik in Zürich schrieb, ging ich an den dortigen See, um mich etwas zu entspannen, und auf einmal kamen mir noch und noch Melodien in den Sinn. Da habe ich meine Geige herausgenommen, habe darauf gezupft und alles aufgeschrieben.“ Mit 25 Jahren promovierte Berliner in Zürich, arbeitete dort erfolgreich als Versicherungsmathematiker, lehrte an mehreren Universitäten und schrieb den Bestseller Die Grenzen der Versicherbarkeit. Erst 1990 kehrte er nach Israel zurück.

Obwohl er schon als Elfjähriger in Tel Aviv Geigenunterricht bekommen hatte, begann seine schöpferische Phase als Komponist erst mit 59 Jahren: Auslöser war ein privates Ereignis. „Für die Überraschungsparty zum 49. Geburtstag meiner Frau Ruchama habe ich ein Musikstück geschrieben, der Text dazu ähnelte dem Hohelied Salomos (shir ha shirim). Anwesende Musikerinnen und der Geiger Nachum Slutzker, inzwischen auch mein Manager, motivierten mich weiterzumachen“, erzählt der Vater von vier Kindern. Berliner begann also pa­rallel zu seiner Lehrtätigkeit an der Tel Aviv University weiterzukomponieren. Auch seiner Liebe zum Schreiben frönte er weiter: Mehr als 800 humoristische Gedichte auf Deutsch und über 2.000 in hebräischer Sprache wurden bereits veröffentlicht.

Auch die musikalische Ausbeute kann sich sehen lassen: Es entstanden sieben leichtere Stücke, Walzer und südamerikanische Tänze, vor allem aber drei poetische Symphonien für Orchester und Erzähler: Abraham, Genesis und Jakobs Traum. In den letzten Jahren wurden die Werke Berliners in Polen, Serbien, Moldawien, Bulgarien, Russland, aber auch in Frankreich und den USA aufgeführt. Seine Musik ertönte 2016 beim Gedenkkonzert für das Massaker von Babi Jar und wird in Kürze bei der Wiedereröffnung der Synagoge in Kaliningrad (ehemals Königsberg) zu hören sein.

Mit der Erinnerung an seine Mutter sind die persönlichen Wien-Bezüge Berliners noch nicht erschöpft: Sein Großvater Baruch Loew gründete hier 1915 eine Automobilfabrik, war Präsident der religiös-zionistischen Misrachi-Bewegung und benannte das vom ihm gegründete jüdische Gymnasium nach seinem Freund: Zwi Perez Chajes.

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