Der tiefgründige Optimist der Hirnforschung

Bei der Einweihung einer Plakette an seinem Geburtshaus am Alsergrund erzählte der amerikanisch-jüdische Nobelpreisträger Eric Kandel auch vom Jungbrunnen der Erinnerung.

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Eric Kandel mit seiner Frau Denise vor der Gedenktafel an seinem Geburtshaus. © Marta S. Halpert

Ich bin noch nie einen Meter entfernt von einem Nobelpreisträger gestanden“, sagte die sichtlich gerührte Bezirksvorsteherin Martina Malyar. Da sprang der 89-Jährige auf, als wäre er neunzehn, und gab der verdutzten Laudatorin ein Busserl auf die Wange. Die getupfte orange-rote Masche sitzt etwas schief, als Eric Kandel die Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Severingasse 8 enthüllt. Er blickt auf die Liste der Namen und ruft: „Das ist ja falsch, da war ich noch der Erich und nicht der Eric …“

Doch solche Kleinigkeiten trüben die Stimmung des fröhlichen Mannes, des weltberühmten Hirnforschers, nicht. Er packt seine Frau Denise an der Hand und wagt ein Tänzchen auf dem Gehsteig. Kann man sich das vorstellen, erwarten, erträumen, dass ein Junge, der mit neun Jahren aus seinem Zuhause vertrieben wird, achtzig Jahre später vor diesem Tor gut gelaunt ein jiddisches Lied anstimmt? Mit fester Stimme singt Kandel Ojf’n pripetschik brennt a Feier’l, ein berühmtes Volkslied aus dem osteuropäischen Schtetl, geschrieben und vertont von Mark Warshawsky, einem Anwalt und Komponisten aus Odessa.

So untypisch wie diese berührende Szene, so ungewöhnlich ist die gesamte Veranstaltung. Einer Initiative des Vereins Volksopernviertel 1938 und der Lokalen Agenda Alsergrund ist es zu verdanken, dass die festliche Enthüllung der Gedenktafel für vertriebene und ermordete jüdische Bewohner des Hauses stattfinden konnte. Nur weil die Hausbesitzer, ein Grazer Ehepaar, zustimmten, musste der Gedenkstein nicht – wie in zahlreichen anderen Fällen – im öffentlichen Raum angebracht werden. „Nachdem Professor Kandel im Jahr 2000 gemeinsam mit zwei Kollegen mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde, entstand in Österreich ein wahres Griss um ihn“, erinnert sich Michael Landesmann, einer der Initiatoren. „Als er dann zur Verleihung eines Wissenschaftspreises im April 2016 in Wien war, haben wir ihm erzählt, dass wir mit Hilfe der Historikerin Maria Czwik nach weiteren ehemaligen jüdischen Bewohnern des Hauses suchen wollen. Er war von der Idee begeistert und ermutigte uns, das anzugehen.“

Jetzt, nach weiteren zwei Jahren, kann man auf dieser Tafel die Namen der vierköpfigen Familie Kandel lesen, aber auch jenen von Hedwig Frankl, die 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurde. Rosa Lebensohn, geborene Günsberg, hatte in dem Haus ein Lebensmittelgeschäft: Nach der zwangsweisen Schließung floh sie im Mai 1939 aus Wien. Die Hauseigentümerinnen waren zwei Schwestern, Regina Burstin und Sima Gross, die ebenfalls enteignet und vertrieben wurden.

»Ich bin Hirnforscher geworden, weil ich mich gefragt habe, was das Wichtigste in der Psychoanalyse ist. Das sind die Erinnerungen.«
Eric Kandel

„Ich hatte Furcht davor, die Straße in Wien zu überqueren, aber ich ging mit meinem 14-jährigen Bruder über den Atlantik!“, erzählte Kandel einmal einem deutschen Reporter. Die Erinnerungen an seine Kindheit kurz nach dem „Anschluss“ sind allgegenwärtig. „Zwei Tage vor der so genannten ‚Kristallnacht‘ feierte ich meinen neunten Geburtstag. Mein Vater hatte mir aus unserem Spielwarengeschäft in der Kutschkergasse viele Geschenke mitgebracht. Nachdem die Nazis die Wohnung verwüstet hatten, blieb nichts Wertvolles mehr übrig, nicht einmal mein liebstes Spielzeug“, erzählt der Absolvent der Jeshiwah Flatbush in Brooklyn.

Korrekte Erinnerung. Was den am 7. November 1929 in Wien geborenen Neurowissenschaftler von manch anderen im Ausland berühmt gewordenen Verjagten unterscheidet, ist, dass er sich trotz der ungefragten „Wiedervereinnahmung als Österreicher“ nie die Schneid abkaufen ließ. Bei jeder Ehrung in der früheren Heimatstadt freute er sich über den Anlass, verzichtete aber nie darauf, an das hier Geschehene zu erinnern. „Das ist kein österreichischer, sondern ein jüdischer Nobelpreis. Und wenn er überhaupt eine Nationalität hat, dann die amerikanische.“ Den Anspruch auf die korrekte Erinnerung lässt er sich nicht nehmen. Nicht umsonst wurde er für seine Forschung auf dem Gebiet des Gedächtnisses mehrfach ausgezeichnet. „Ich habe eine Analyse gemacht und eine psychiatrische Ausbildung abgeschlossen. Ich bin Hirnforscher geworden, weil ich mich gefragt habe, was das Wichtigste in der Psychoanalyse ist. Das sind die Erinnerungen. Sie sind der Kitt, der dein Leben zusammenhält. Die Analyse ist der Versuch, auch schmerzhafte Erfahrungen in einer geschützten Umgebung noch einmal zu erleben.“

Daher spannt Kandel auch diesmal bei seiner Rede in der Severingasse den geschichtlichen Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft. „Obwohl Österreichs Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg von ehemals 54 Millionen auf sieben geschrumpft war, blieb das Wien meiner Jugend eine Metropole, ein pulsierendes Zentrum geistigen Lebens und kulturellen Austausches: Künstlerisch konnte man Zeuge des Schmelztiegels Wien werden, denn die alten Meister wie Haydn und Mozart wurden neben den jüngeren Sternen am musikalischen Firmament wie Mahler und Schönberg aufgeführt, und in der Malerei wurde auch eine gänzlich neue Epoche durch Klimt, Schiele und Kokoschka eröffnet.“ Trotz dieser Begeisterung weist Kandel da-rauf hin, dass es hinter der Fassade der vermeintlich freien Verhältnisse gefährlich brodelte, auch wenn er damals zu jung gewesen sei, um das zu verstehen. „Denn obwohl Juden seit tausend Jahren in Wien lebten und aktiv zum kulturellen Leben der Gemeinschaft beitrugen, war die Stadt gezeichnet von einem zunächst noch latenten, bald jedoch chronisch schwelenden Antisemitismus. Dies resultierte schließlich darin, dass Wien die einzige europäische Großstadt am Beginn des 20. Jahrhunderts war, in der eine Partei mit dezidiert antisemitischem Programm an der Macht war.“

Als wahres Paradoxon empfindet der Wissenschaftler in diesem Zusammenhang den Umstand, dass Wiens Juden, seine Eltern eingeschlossen, von dieser Stadt so begeistert und angezogen waren. Er zitiert dazu den Befund des amerikanischen Historiker George E. Berkley: „Das unerschütterliche Festhalten so vieler Juden an einer Stadt, die jahrelang so tiefsitzenden Hass gegen sie beweist, bleibt die bitterste Ironie überhaupt.“ Aber trotz der Freude über diese aktuelle Würdigung vor seinem Geburtshaus verliert der „Rockstar der Hirnforschung“, wie er von seinen Studenten genannt wird, die zeitgeschichtlichen Hintergründe nicht aus den Augen: „Ich bin zutiefst gerührt, dieser Zeremonie beiwohnen zu können, nicht zuletzt weil mir scheint, dass wir der von Berkley beschriebenen tragischen Ironie des Verhältnisses der Stadt gegenüber seiner jüdischen Bevölkerung ein Stück weit mehr entgegentreten“, so Kandel in seiner Dankesrede. „Im gleichen Sin-ne hoffe ich, dass diese Plakette weniger ein Denkmal meiner Person ist, sondern ein Mahnmal, die Fehler der Vergangenheit nicht zu vergessen, und dass es nicht erst eines Nobelpreises bedarf, um seinen Mitmenschen mit Achtung und Respekt, ganz gleich welcher Herkunft, Rasse oder Religion, zu begegnen.“ Sein größtes Anliegen stellt der Verfasser eines Buches über abstraktes Denken in Wissenschaft und Kunst an den Schluss seiner Ausführungen: „Ich hoffe, es wird ein Sinnbild dafür, dass wir falsche Verheißungen von Demagogen und Hetzern aufdecken und anklagen. Und dass wir unserer Kreativität und unseren humanistischen Werten von Pluralismus folgen, damit wir eine wertvollere und nachhaltigere Gemeinschaft erschaffen können.“

Etwas Nachhaltiges für seine Geburtsstadt hat er konsequent mit Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny durchgeboxt: Im Jahr 2012 wurde der Karl-Lueger-Rings in Universitätsring umbenannt.

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