Der Vergessenheit entreißen

Der 2006 gegründete Verein exil.arte ging vor einem Jahr im exil.arte Zentrum der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien auf. Hier gibt es nun Platz für ein Archiv und eine Ausstellung. Vor allem aber soll die Musik von in der NS-Zeit verfolgten Komponistinnen und Komponisten wieder möglichst oft gespielt werden.

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Gerold W. Gruber. Der Leiter des exil.arte Zentrums in Wien geht mit berechtigtem Stolz durch die Räume des 2017 eröffneten Archivs und Schauraums. © Daniel Shaked

Gerold W. Gruber führt voller Stolz durch das exil.arte Zentrum. Und zu Recht. Hier wurde etwas geschaffen, das kaum anderswo zu finden ist: ein Ort, der mit einer Ausstellung an verfolgte Komponisten und Komponistinnen erinnert, Nachlässe archiviert, aber auch wissenschaftlich aufarbeitet, und sich durch Vernetzung bemüht, alles, was weltweit noch an Archivalien aufzutreiben ist, zu sichern und zu bewahren.

An einer Uni mit 3.000 Studierenden und 1.000 Lehrenden gibt es zudem viele Möglichkeiten, die Musik der einst Verfolgten auch erklingen zu lassen. „Die Restitution eines Musikstücks ist, dass es gespielt wird“, sagt der Musikwissenschafter, der das exil.arte Zentrum leitet. „Das muss man in die Köpfe erst hineinbringen.“

Im Idealfall spielen die angehenden Musiker also nicht nur einmal ein Stück eines von den Nazis ermordeten oder vertriebenen Komponisten, sondern es wird in ihnen die Liebe zur und das Interesse an der wenig bekannten Musik geweckt. 90 Prozent der Komponisten, über deren Nachlässe das Zentrum bereits verfügt, sind vergessen, bedauert Gruber. „Genau das wollten die Nationalsozialisten – dass sie vergessen werden. Unsere Aufgabe ist es, sie zurückzuholen und in Opern- und Konzerthäuser zu bringen.“

Einschränkungen hat sich das exil.arte Zentrum im Gegensatz zu anderen ähnlichen Einrichtungen keine auferlegt – weder geografisch noch stilistisch. Im Zentrum des Interesses stehen zwar Interpreten und Musikschaffende aus dem Gebiet der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, denn viele der von den Nazis verfolgten österreichischen Jüdinnen und Juden wurden im Gebiet des heutigen Ungarn, Polen, Tschechien geboren. Einziges musikalisches Kriterium ist es, als Interpret oder Interpretin nachschaffend tätig gewesen zu sein oder etwas Musikalisches geschaffen zu haben, „egal ob atonal, freitonal, neue Sachlichkeit, Zwölftontechnik, Jazz, Filmmusik oder Schlager“. Man wolle nicht bewerten, sondern zeigen, was einmal war. Vielmehr lasse sich an Hand der Nachlässe „eine ungeheure Vielfalt abbilden“, so Gruber, eine Vielfalt, die nach der NS-Zeit hier zu Lande verloren gegangen sei, und das nicht nur in der Musik, sondern in Kunst und Kultur generell.

»Genau das wollten die Nationalsozialisten –
dass sie vergessen werden.
Unsere Aufgabe ist es, sie zurückzuholen.«
Gerold W. Gruber

Wer die Namen der Komponisten hört, über deren Nachlässe das Zentrum verfügt, wird sie höchstwahrscheinlich nicht kennen: Theo Buchwald zum Beispiel, Jan Urban, Julius Bürger. Nachlässe der wenigen Komponisten, die auch nach der NS-Zeit prominent blieben oder wurden, sind bereits anderswo untergebracht: der von Erich Wolfgang Korngold etwa in der Library of Congress in Washington, jener von Hanns Eisler an der Akademie der Künste in Berlin. Nicht immer sei das aber ein Segen: Was etwa in den USA liege, gerate ins Vergessen, denn die, die dort vielleicht Interesse für einen solchen Nachlass zeigen, können meist nicht Deutsch und schon gar keine Kurrentschrift lesen. Was dann nur mehr interessiere, sei das Wirken in den USA.

Theo Buchwald war zum Beispiel auch Gruber bisher kein Begriff. Der Pianist und Dirigent hatte sich nach Peru retten können. Sein Enkel war jüngst auf das Buch Forbidden Music. The Jewish Composers banned by the Nazis von Michael Haas gestoßen und hatte sich so an das Zentrum gewandt. „Kennt ihr ihn eigentlich?“, habe der Enkel gefragt und dann ein größeres Kuvert mit Zeitungsausschnitten über und Dokumenten von seinem Großvater geschickt. Buchwald, so stellte sich heraus, war der Gründer des Peruanischen Nationalorchesters in Lima, in dem auch Exilmusiker spielten, und leitete dieses 22 Jahre lang. In anderen Fällen sei es Detektivarbeit der Mitarbeiter des Zentrums, wie man zu einem Nachlass komme.

Michael Haas, der viele Jahre am Jüdischen Museum Wien Ausstellungen über verfolgte Komponisten kuratierte und in diesem Rahmen auch Konzerte gemeinsam mit exil.arte veranstaltete, ist inzwischen am exil.arte Zentrum als Forscher tätig. In Österreich habe es hier sehr lange „eine Ignoranz gegeben, die man sich gar nicht vorstellen kann“, sagt er heute. Was in Deutschland längst thematisiert wurde, sei hier zu Lande erst jetzt Thema.

Das bestätigt auch Gruber. „Derzeit gibt es überall, wo wir hinkommen, großes Interesse.“ Das sei 2006 noch nicht so gewesen. Das Zentrum reist nämlich auch in die Welt, etwa nach China oder Mexiko, um dort Werke verfolgter Komponisten und Komponistinnen aufzuführen, die in der NS-Zeit in diesem Land gelebt haben, und Bewusstsein für das Wirken dieser Künstler zu schaffen. Dabei gibt es manchmal Hürden zu überwinden, die kaum nachvollziehbar sind.

Vertrieben und vergessen. Für ein Konzert mit Stücken von Wolfgang Fraenkel in Peking suchte er bei der Bayerischen Staatsbibliothek München an, um eine Kopie der Noten zu erhalten. Doch die Bibliothek winkte ab: Es sei kein Rechtsnachfolger bekannt und daher könne nichts herausgegeben werden. „Das war wirklich eine Ungeheuerlichkeit“, so Gruber. Nach Monate langer Suche konnte ein Verwandter aus einer Seitenlinie gefunden werden, der unterschrieb, dass die Noten zur Verfügung gestellt werden durften. „Da gibt es einen Komponisten, der seit 70 Jahren vergessen ist, und dann interessiert sich jemand für seine Kompositionen und möchte sie an die Öffentlichkeit bringen, aber weil er keine Kinder hatte und keine Rechtsnachfolger bekannt sind, darf er nicht gespielt werden. Wir haben uns danach bei anderen Bibliotheken erkundigt, wie die das handhaben. Und die gehen da ganz anders vor.“

Einer, dessen Werke inzwischen in Wien etwas bekannter sind, ist Walter Arlen. Der heute 98-Jährige war Jahrzehnte lang als Musikkritiker der Los Angeles Times tätig – in seinen Kompositionen klingt die sentimentale Traurigkeit der Familiengeschichte durch (die Großmutter wurde in Treblinka ermordet, die Mutter nahm sich das Leben). Dass er auch selbst Musik geschaffen und nicht nur über andere Komponisten geschrieben hat, war bis vor etwa zehn Jahren nicht bekannt, erzählt Gruber. Dann wurden seine Werke im Jüdischen Museum Wien vorgestellt, „und die Leute haben sie geliebt.“ Inzwischen gibt es sechs CDs, ein Film über Arlen liegt bereits im Rohschnitt vor und soll beim Filmfestival Viennale diesen Herbst gezeigt werden. In Anwesenheit des Komponisten. Worüber man sich im exil.arte Zentrum sehr freut.

Bitter ist der Gang dagegen durch die Ausstellung an der Musikuni – auch, weil hier eine Kontinuität sichtbar wird. Neben vielen Stationen zu einzelnen verfolgten Komponisten von Ernst Krenek bis Wilhelm Grosz haben Gruber und sein Team an einer Wand des Schauraums eine Grafik gestaltet, die einen schaudern lässt. „Völlig überflüssig“ steht da etwa in großen Lettern, darunter, kleiner, „Alfred Orel 1938 über Sigismund Schnabel“ oder „Frau Halbjüdin, polit. untragbar“ („Alfred Orel 1938 über Friedrich Hartmann“) oder „Mann Volljude“ („Alfred Orel über Berta Jahn-Beer“). Schnabel lehrte Musikerziehung, Hartmann Musiktheorie und Komposition, Jahn-Beer Klavier. Sie alle wurden von Orel aus dem Lehrkörper der Akademie entlassen, eliminiert.

Der Musikwissenschafter Alfred Orel (1889–1967) hatte sich 1922 für Musikgeschichte an der Universität Wien habilitiert. Im März 1938 wurde er mit der kommissarischen Leitung der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst (der heutigen Musikuni) betraut, von dieser Funktion aber – wie das Wien Wiki es formuliert – „nach durchgeführter Gleichschaltung bereits im August des Jahres entbunden“. Diese Gleichschaltung wird im exil.arte Zentrum eindrucksvoll dokumentiert. 

exilarte.at

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