Die elendige Praxis der Heuchelei

Rudi Gelbards Stimme gibt es nicht mehr. Jetzt müssen wir umso mehr seine Stimme weiter erheben, seine selbstauferlegte Aufgabe, „den Ermordeten eine Stimme zu geben“, und den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus weiterführen.

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Doron Rabinovici / © APA Picturedesk/ Marko Lipus

Nie wieder wird Rudi Gelbard aufstehen und die Stimme ergreifen, wenn ein Geschichtsverleugner die Verbrechen der Nazis beschönigt. Nie wieder wird Rudi Gelbard aus dem Publikum Einspruch einlegen, wenn ein Islamist, ein Rechter oder ein Linker gegen Israel hetzt. Nie wieder wird Rudi Gelbard mit uns auf die Straße gehen, wenn es gilt, gegen Rechtsextreme zu protestieren. Nie wieder wird er mir noch anderen in seinem Bekanntenkreis Kopien aus seltenen Büchern – manche Stellen fett markiert und mit handschriftlichen Kommentaren versehen – zuschicken. Nie wieder wird Rudi Gelbard eine Schule besuchen, um vom Massenmord zu berichten.
Das ist kein Nachruf auf Rudi, der mir ein väterlicher Freund war. Hier will ich gar nicht schreiben, was überall zurecht zu lesen sein wird. In allen Zeitungen wird in diesen Tagen geschildert, wie er überlebte und nach der Befreiung für die Erinnerung kämpfte. Ich könnte hier seitenlang erzählen, was Rudi alles bewirkte. Wie oft traf ich Menschen aus allen Schichten, ob Jugendliche oder Pensionisten, ob Studenten oder Handwerker, die von der Begegnung mit ihm sprachen? Er beherrschte das feine Hochdeutsch und das breiteteste Wienerisch. Er fand bei allen den richtigen Ton. Er trat Neonazis entgegen, und er stritt mit Gewerkschaftlern, die den Freiheitlichen zuneigten. Gemeinsam mit anderen sorgte er indirekt dafür, dass der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl die Sozialistischen Freiheitskämpfern verlassen hat, nachdem er eine Koalition mit der FPÖ eingegangen war.

Als ich ihn bat, an dem Projekt Die letzten Zeugen teilzunehmen, war er sofort dazu bereit. Im Nachhinein weiß niemand mehr, welche Überwindung das für alle Überlebenden bedeutete, die damals auf die Bühne gingen. Unklar war, wie die Aufführung aufgenommen werden würde. So mancher schreckte davor zurück, womöglich nach der Premiere bald schon vor einem leeren Saal aufzutreten. Rudi wollte hingegen auf jeden Fall Zeugnis ablegen. Er kämpfte gegen den Antisemitismus und gegen Rassismus, wo immer er darauf stieß. Nie wäre er auf die Idee gekommen, den Judenhass der einen Seite gegen jenen der anderen auszuspielen. Er stand als Zeitzeuge für keine Beschönigung zur Verfügung. Er wollte kein Alibijude sein.

Den freiheitlichen Anwürfen gegenüber nicht zu schweigen, wäre in Rudis Sinne gewesen, und es ist jetzt wichtiger denn je, es an seiner statt zu sagen, denn Rudi Gelbard wird es nun nie wieder für uns tun.

In den letzten Monaten nehmen in Deutschland die antisemitischen Übergriffe von rechts zu. Wen wundert’s, wenn in Chemnitz ein jüdisches Restaurant attackiert wurde? In Österreich wollte die FPÖ die Zeitschrift Zur Zeit just am 8. November, am Vorabend des Gedenkens an das Pogrom 1938, im Parlamentsgebäude mit einem Preis auszeichnen, der nach dem Antisemiten Franz Dinghofer benannt ist. Als dagegen protestiert wurde, sagten die Freiheitlichen die Veranstaltung zwar ab, doch Walter Rosenkranz ließ es sich nicht nehmen zu höhnen, die IKG möge doch bitte eine Liste aller schicksalhaften Tage für Juden vorlegen. Wohlgemerkt: Vor zwei Jahren gedachte die FPÖ durchaus noch des Novemberpogroms mit einer Veranstaltung gegen Antisemitismus – doch nur gegen den islamischen. Das ist die elendige Praxis der blauen Heuchelei, die bloß dann judenfreundlich tut, wenn es gegen Muslime geht.
Daran zu erinnern und gegenüber den freiheitlichen Anwürfen nicht zu schweigen, wäre in Rudis Sinn gewesen, und es ist jetzt wichtiger denn je, es an seiner statt zu sagen, denn Rudi Gelbard wird es nun nie wieder für uns tun.

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