Die humorvolle Liebeserklärung eines Atheisten an die Jüdischkeit

Ohne Larmoyanz erinnert der Unternehmer an die Eigenheiten des „jüdischen Dorfes“ nach der Schoah in Wien. Politische Wachsamkeit lässt er sich etwas kosten. Seine Zukunft sieht er vor allem in Israel. Ein Gespräch mit Marta S. Halpert.

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Erwin Javor: Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee. Amalthea Signum Verlag 2017, 256 S., € 25

Interview mit ERWIN JAVOR

WINA: Sie haben ein Buch geschrieben, das Sie selbst unter anderem als Liebeserklärung an Ihre Eltern bezeichnen. Darin findet man wehmütige Anklänge an die osteuropäische Vergangenheit, aber auch an das so genannte „jüdische Dorf“ in Wien. Sie sind Jahrgang 1947, was vermissen Sie?
Erwin Javor: Diese versunkene Welt, von der ich als Kind stark geprägt worden bin. In der Zeit waren zwar viele zehntausende Juden aus Osteuropa in Wien – aber ständig im Modus der Durchreise: Überlebende der Schoah warteten jahrelang auf Visa in andere Länder, manche suchten noch immer nach ihren Angehörigen, nur wenige hatten Glück und fanden sie. Aber viele mussten realisieren, dass diese Menschen nie mehr zurückkommen werden, weil sie ermordet worden sind. Einige dieser außergewöhnlichen Menschen habe ich kennengelernt und auch bewundert: Obwohl sie alles verloren hatten, waren sie so unerklärlich positiv eingestellt. Sie waren fest entschlossen, an die Zukunft zu denken und mit aller Kraft ein neues Leben zu beginnen.

Das kann aber nicht so leicht gewesen sein?
❙ Sicher nicht, für die meisten war es ein großer Kulturschock. Weniger für jene aus den Großstädten, wie Budapest oder Warschau, aber für jene aus den Stetln. Diese hatten zwar eine religiöse Bildung, aber keine westliche in unserem Sinn. Daher war es so großartig, was sie geleistet haben. Rückblickend muss man feststellen: Damals gab es keine Willkommenskultur, sie wurden auch nicht gefördert, weder durch Sprachkurse noch mit Geld. Ganz im Gegenteil, der Antisemitismus war noch sehr stark, trotzdem haben sie sich schnell integriert. Jene, die geblieben sind, das waren rund zehntausend, haben sich trotz aller Widerstände ein schönes bürgerliches Leben aufgebaut – und darüber wollte ich schreiben. Denn ich bin noch einer der wenigen Zeugen, die diese Welt als Kind erlebt haben. An diese Zeit und ihre Menschen wollte ich erinnern.

»Man soll sich weniger als Opfer fühlen, sondern als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die aus dieser gemeinsamen Geschichte die Lehren zieht.«

Der Titel des Buches lautet: „Ich bin ein Zebra“. Worauf bezieht sich das?
❙ Wenn ein Außenstehender auf ein Zebra schaut, weiß er nicht, ob es sich um ein schwarzes Tier mit weißen Streifen oder um ein weißes mit schwarzen Streifen handelt. Nur ein Zebra weiß, dass es ein Zebra ist. Das ist ein Gleichnis aus meiner persönlichen Erfahrung: Wenn ich Leute zum ersten Mal getroffen habe und sehr bald klarmachte, dass ich Jude bin, haben sie mich so angeschaut, wie man ein Zebra betrachtet. Für mich ist es selbstverständlich, aber bei den anderen änderte sich der Blick. Natürlich habe ich meine Streifen, die Frage ist nur, sind die weiß oder schwarz?

Unternehmer und Autor. Erwin Javor mit seiner Ehefrau, die Sängerin und Schauspielerin Anita Ammersfeld.

Sie schildern die Überlebensgeschichte Ihrer Eltern sowie auch Ihren eigenen Lebensweg und lockern die Erzählungen mit zahlreichen jüdischen Witzen auf. Sie schreiben u. a., „Nicht-Wissen, mangelndes Vertrauen oder Befangenheit gegenüber dem ‚anderen‘ sorgen weiterhin für holprige Kommunikation zwischen den Juden und ihren nicht-jüdischen Mitbürgern.“ Möchten Sie anhand des Buches bewirken, dass Nicht-Juden uns besser verstehen?
❙ Sicher auch. Es geht mir nicht um Menschen, die hoffnungslos in ihren Vorurteilen verbohrt sind. Da ist es mir schade um meine Lebenszeit. Diese sinnlosen Versuche habe ich in meiner Mittelschulzeit zur Genüge gemacht. Aber ein Großteil der Nichtjuden ist auch ein wenig neugierig, über die Nachfahren der Ostjuden, also über uns, etwas zu erfahren. Ich versuche das anhand von jüdischen Parabeln und Anekdoten anschaulich zu machen, vielleicht hilft das, die Dinge besser und schneller zu verstehen. Das Buch schildert den Aufbau der jüdischen Gemeinschaft nach dem Krieg und deren Einfluss sogar auf die dritte Generation, also auch meine Enkel. Die Botschaft lautet: Man soll sich weniger als Opfer fühlen, sondern als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die aus dieser gemeinsamen Geschichte die Lehren zieht.

Sie bezeichnen sich mehrfach als Atheisten. Dennoch stellen Sie mit sehr viel Respekt und Liebe Bezüge zur Religion her. Die Tradition, die Weitergabe an die Kinder, scheint Ihnen doch sehr wichtig zu sein. Was ist Tradition im Judentum ohne religiöse Rituale?
❙ Natürlich kann man die jüdische Tradition nicht ohne jüdische Rituale leben. Das machen ich und meine Familie auch, das ist überhaupt keine Frage, das bildet eine wichtige Einheit. Ich werde versuchen, die Überlieferungen meiner Eltern und Großeltern so gut es geht weiterzugeben. Ich werde diese Kette sicher nicht zerreißen. Unabhängig davon gibt es eine große Zahl an Juden, die diese jüdische Tradition leben, aber nicht gläubig sind. Es gibt gewisse Regeln, die man beachten muss, damit wir als jüdisches Volk bestehen bleiben, dazu gehören natürlich auch Übertritte. Aber bei einem Teil der Orthodoxen befürchte ich oft, dass ihnen die Regeln wichtiger sind als die Inhalte. Jüdische Werte sind extrem wichtig. Aber ob es Gott gibt oder nicht, ist für mich eine sekundäre Theorie, denn als Jude zu agieren, gelingt vollkommen unabhängig davon.

Sie mahnen aber auch: „Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und schulden ihnen Respekt, Erinnern, Fühlen und Denken. Unsere Kinder und Kindeskinder haben die Verpflichtung, sich auch im steigenden Wohlstand und Erfolg nicht zu behaglich zu fühlen.“ Müssen Juden ständig wachsam sein?
❙ Wachsamkeit ist ein wichtiges Wort. Es steht schon in der Pessach-Haggada: „In jeder Generation wird jemand aufstehen, um Juden zu vernichten.“ Das stimmt einfach, das beweist unsere Geschichte. Die Wachsamkeit ist sehr wichtig, damit es nicht zu einer erneuten Tragödie kommen kann. Natürlich müssen wir zu allererst für die Humanität einstehen, aber nicht naiv glauben, dass in unserer Zeit jede Gefahr gebannt ist. Symbolisch gesprochen, werden wir vor allem in Europa immer wieder Koffer packen müssen.

Sind denn die Juden in den USA sicherer?
❙ Ich komme gerade aus den USA: Es ist jetzt ein krankes Land, aber meine Hoffnung baut darauf, dass Donald Trump nur ein Wimpernschlag der Geschichte wird. Ich habe die Hoffnung, dass das Pendel in Amerika bald wieder in eine andere Richtung schlägt. In dieser Hinsicht bin ich Optimist.

Sie sind ein europäischer Großbürger mit sehr wienerischen Wurzeln. Sie lieben die Sprache, das Kaffeehaus, die Oper, Ihre Frau hat in Wien zehn Jahre ein Theater geleitet. Wie kam der Entschluss, einen Teil des Jahres in Israel zu leben?
❙ Derzeit leben wir ein Drittel des Jahres in Israel, möchten es aber auf fünfzig Prozent ausdehnen. Unser Sohn Daniel lebt hier, und auch sein Entschluss dafür kam nicht von ungefähr: Er war der einzige Jude im Theresianum und musste sich immer wieder von Mitschülern und sogar von manchen Lehrern anhören, dass er am Schicksal der Palästinenser schuld sei. Es ist ja kein Zufall, dass derzeit in ganz Europa nur mehr 1,5 Millionen Juden leben – vor dem Krieg haben Zweidrittel der Juden auf der Welt in Europa gelebt, jetzt sind es lediglich zehn Prozent. Vielleicht klingt es übertrieben oder ungerecht, aber ich fühle mich in Israel mehr und mehr verwurzelt.

»Der Druck von rechts wird sich verstärken, und das wird auch für die Juden unangenehmer werden.«

Haben Sie an Israels Politik gar nichts auszusetzen? Ist die israelische Politik von heute zukunftsweisend?
❙ Ich bin nicht klüger als der israelische Wähler, und der beurteilt derzeit einfach die Sicherheit des Landes als das Allerwichtigste – aus Mangel an Friedensperspektiven. Da kann ich nur Bertolt Brecht zitieren: Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. Zuerst kommt das Überleben. Israel ist von feindlichen Nachbarn eingekesselt, trotzdem war es bereit, Frieden mit Ägypten und Jordanien zu schließen. Ob etwas zukunftsweisend ist, hängt nicht nur von Israel ab, sondern von der ganzen Weltpolitik. Bei den religiösen und kulturellen Kämpfen, die derzeit weltweit stattfinden, wäre es zu einfach, nur die heutige Politik Israels zu beurteilen. Vielleicht wird im Rahmen der tausendjährigen Geschichte auch Netanjahu nur als ein Wimpernschlag wahrgenommen werden, erst die fernere Zukunft wird das zeigen. Nur der Israeli, der seine Töchter und Söhne zum Militär schickt und täglich mit Raketen beschossen wird, kann sagen, was die Regierung machen soll. Aus dem sicheren Kaffeehaus in Wien soll man eher keine guten Ratschläge erteilen. Ich habe auch gute Ideen, aber ob ich die Situation vom Café Europe am Graben aus beurteilen kann?

Sie waren mit Ihrer Frau während der Raketenangriffe aus Gaza im Bunker. Wie haben Sie das erlebt? Dachten Sie an Ihre Eltern?
❙ Ich habe die ganze Zeit daran gedacht, dass wir uns selbst verteidigen können. Im Gegensatz zu meiner Mutter im Budapester Ghetto, die in ständiger Angst lebte, nach Auschwitz deportiert zu werden. Es klingt vielleicht absurd, sogar grotesk, aber es war irgendwie beglückend zu erleben, wie die Menschen einander unter Lebensgefahr geholfen haben. Es ging ruhig vor sich, keine Sekunde wurde es panisch. Das Gemeinschaftsgefühl hatte gesiegt: Gestern haben sie sicher gestritten, und morgen werden sie es wieder tun, aber wenn es drauf ankommt, steht man zusammen.

Sie haben 2011 die Medienbeobachtungsstelle MENA Watch gegründet, die sehr penibel und streng auf jede antiisraelischen Regung, jede kritische Berichterstattung reagiert. Was war Ihre Motivation dabei?
❙ Die Berichterstattung über Israel ist in ganz Europa verzerrt und steht in keiner Relation zu dem, was in der Welt wirklich passiert. Ich empfand es teilweise schon krankhaft, wie versucht wurde, Israel zu delegitimieren, wie mit double standards operiert wurde. Hier die Palästinenser als reine Opfer, da die Israelis nur als Täter.
Ich wollte etwas gegen diesen Mainstream unternehmen. Ich habe mit vielen Journalisten unter vier Augen gesprochen, und einige sagten mir, dass eine offene Diskussion unter Kollegen nur schwer möglich sei, weil der soziale Druck der Mehrheit so stark ist. Sie würden sich sonst zu Außenseitern machen.
MENA Watch hatte vom 1. Jänner bis zum 15. September 2017 insgesamt 1,2 Millionen Zugriffe; im Jahr 2016 waren es auch schon 750.000. Das heißt, wir werden im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen – und natürlich nicht nur von Journalisten. Man nimmt uns jeden Tag ernster, möglicherweise tragen wir bei dem einen oder anderen ein wenig zum Umdenken bei. Ich habe den Eindruck, dass die Berichterstattung über Israel etwas objektiver geworden ist. Ob das mit MENA zusammenhängt, weiß ich nicht, aber der stete Tropfen höhlt den
Stein.

Auf welche Koalition tippen Sie nach der Nationalratswahl – und mit welchen Folgen?
❙ Ich befürchte, oder bin mir sicher, dass es eine Koalition mit der FPÖ geben wird. Der Druck von rechts wird sich verstärken, und das wird auch für die Juden unangenehmer
werden.

© Starpix/picturedesk.com


Erwin Javor
wurde 1947 in Budapest geboren und wuchs in Wien auf. Als 22-Jähriger kaufte er die Firma Dipl.-Ing. Béla Frank und baute sie im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu einem internationalen Stahlhandelskonzern um: Frankstahl ist heute in neun west- und osteuropäischen Ländern tätig. Javor war lange Jahre Kolumnist und Herausgeber des Magazins NU und ist Gastautor bei verschiedenen Zeitschriften. Er engagiert sich seit Jahren als Gründer und Herausgeber von MENA Watch, dem unabhängigen Nahost-Thinktank, lebt in Wien und Tel Aviv, hat drei Kinder und ist in zweiter Ehe mit der Sängerin und Schauspielerin Anita Ammersfeld verheiratet.

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