Die Juden der Josefstadt

Eine private Initiative hat im Bezirksmuseum des achten Bezirks die jüdische Geschichte der permanenten Ausstellung hinzugefügt.

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© Reinhard Engel

„Jüdische Josefstadt“
Bezirksmuseum Josefstadt,
Schmidgasse 8, 1080 Wien
So., 10–12 Uhr, Mi., 18–20 Uhr
bezirksmuseum.at

Es ist eine kleine und feine Präsentation, eine wichtige neue Ergänzung des Bezirksmuseums Josefstadt. Seit November können sich die Besucher dort auch über die lokale Geschichte jüdischer Bürger informieren, und das wird in der permanenten Schau­sammlung so bleiben.

Die pensionierten Akademiker Helen Rupertsberger-Knopp und Heinz Rupertsberger haben das in mehrjähriger Arbeit geschaffen. Sie waren übrigens beide in ganz anderen Fachgebieten profiliert gewesen, sie unterrichtete Textilkunst an der Kunstuniversität Linz, er war a. o. Professor für theoretische Physik an der Universität Wien. Herr und Frau Rupertsberger sind durch ihre intensive Beschäftigung was das Jüdische und die Josefstadt betrifft sattelfest geworden, und sie geben ihr Wissen gern auch bei Führungen an Interessierte weiter.

»Es müssten mehr als 6.000 (vertriebene Juden) sein, aber bei etwa 1.300 wissen wir zu wenig. Gesichert ist, dass knapp 2.000 ermordet wurden.«
Heinz Rupertsberger

 

Die wohl aufwändigste Recherche erforderte dabei eine Namensliste vertriebener und ermordeter Josefstädter Jüdinnen und Juden. Die Namen der Verjagten sind grau gedruckt, die der Umgebrachten fett, schwarz. „Es müssten eigentlich mehr als 6.000 sein“, erzählt Heinz Rupertsberger, „aber bei etwa 1.300 wissen wir zu wenig. Gesichert ist, dass knapp 2.000 ermordet wurden.“

Lokale Geschichte. Eine private Initiative von Helen Rupertsberger-Knopp und Heinz Rupertsberger. © Reinhard Engel

Trotz dieser grauenvollen Statistik wollten sich die Kuratoren nicht auf das Holocaust-Thema beschränken, sondern Hinweise auf das einst blühende jüdische Leben im Bezirk geben. Dafür steht einerseits der große Tempel in der Neudeggergasse 12, der mehr als 550 Gläubigen Platz bot, 1903 im prächtigen neogotischen Stil nach den Plänen von Max Fleischer fertiggestellt. Und da sind anderseits 80 Biografien jüdischer Menschen, von denen Arbeit und Werke dokumentiert sind. Manche der einstigen Bezirksbewohner waren prominent oder wurden später in der Emigration erfolgreich, andere blieben weitgehend unbekannt.

© Reinhard Engel

Tempel und Bethaus. Noch ehe sich der lokale Tempelverein mit Hilfe privater Spenden an das große Bauvorhaben machte, hatte es bereits ab 1871 ein Bethaus im achten Bezirk gegeben, vermutlich in einer ehemaligen Fischmarkthalle untergebracht. Dieses Bethaus war noch bis 1903 in Betrieb. Der Tempel überlebte die Pogromnacht im November 1938 kurz. Er wurde noch am Abend von Nazi-Trupps geplündert und am nächsten Vormittag angezündet. Hier löschte die Wiener Feuerwehr den Brand innerhalb einer Stunde, das Innere war dennoch bereits zerstört. Die Reste des Gebäudes wurden dann von der Stadtverwaltung an die Schwechater Brauerei verkauft, der geplante große Biergarten konnte jedoch wegen des Kriegs nicht mehr verwirklicht werden.

Die Namensliste vertriebener und ermordeter Josefstädter Jüdinnen und Juden erforderte eine aufwändige Recherche. © Reinhard Engel

Als Beispiele für jüdische Kreative, die im Bezirk vor 1938 wohnten, zählt die Ausstellung etwa folgende Persönlichkeiten auf: den Autor Fritz Hochwälder, den Fotografen Erich Lessing, den Librettisten und Schlager-Texter Fritz Löhner-Beda, die Regisseure Fritz Lang und Otto Preminger, den Rechtswissenschaftler Hans Kelsen, den Verleger Lord George Weidenfeld, den Operettenkomponisten Edmund Eisler oder den Arzt und Psychoanalytiker Wilhelm Reich. An berühmten Frauen werden die Schriftstellerin Alma König, die Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald und die Malerin Marianne Saxl-Deutsch genannt sowie Sulamith Goldhaber, die in Israel und in den USA eine bekannte Physikerin werden sollte.

Eine Vitrine zeigt Fotos von Bauten jüdischer Architekten im Bezirk, die noch vor dem Ersten Weltkrieg verwirklicht wurden. Dabei wird das Selbstbewusstsein eines aufstrebenden Bürgertums sichtbar, die Gebäude sind in ihrer heutigen – meist renovierten – Pracht zu sehen. Weitere Schaustücke beziehen sich auf den Journalisten und Schriftsteller Hugo Bettauer, der im Bezirk Redaktion und Wohnung hatte, ehe er 1925 in seinem Büro in der Lange Gasse ermordet wurde. Und auch eine andere Seite der publizistischen Vielfalt des Achten wird evoziert: antisemitische Karikaturen und Zeitungsartikel, noch aus der Zeit vor dem „Anschluss“.

 

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