Die jüdische Seele

In Berlin winkt Simmi Seeliger ein spannendes Leben. Wien bleibt trotzdem wichtig. Welche Rolle die Heimatstadt für ihn spielt, erzählt er Anna Goldenberg.

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Viele Jahre lang hat Simon Seeliger seinem Vater nicht geglaubt. Den fragte nämlich einmal jemand, wo seine Heimat sei. Die Frage war naheliegend, wurde er schließlich in Israel geboren, wuchs in Deutschland auf und lebte elf Jahre in Paris, bevor er nach Wien zog. „Da, wo man sich wohlfühlt“, antwortete der Vater. „Mal da, mal dort.“ Wien nannte er nicht. „Schwachsinn“, dachte Simon, den alle Simmi nennen, damals. Seine Heimat würde immer Wien sein, wo er geboren und aufgewachsen war.
Als im vergangenen Oktober seine Großmutter starb, änderte sich für Simmi alles. Sie war der Grund gewesen, warum der heutige 26-Jährige das Land bis auf seinen einjährigen Gedenkdienst in Argentinien nie längerfristig verlassen hatte. Und jetzt? „Ein Stück Heimat wurde mir genommen“, sagt Simmi. Es gäbe keinen Grund mehr dazubleiben.

Die Beschreibung des Lebens im Schtetl und das dort beschriebene Heimatgefühl treffen seine Neshume

Einen anderen Ort, an dem er sich zuhause fühlen könnte, hat er auch schon gefunden: Berlin, wo er bis jetzt nie mehr als drei Monate am Stück verbrachte. 2013 kam er das erste Mal, blieb einige Wochen für das Filmfestival Berlinale und war begeistert: „In Wien lernt man einander kennen, indem man Vorurteile über den Beruf austauscht“, sagt er. In Berlin hingegen sei der Smalltalk anders, man spreche schneller von Wünschen, Hoffnungen und Erlebnissen. Außerdem genieße er, sich ein neues Netzwerk zu organisieren. „Hier in Wien ist alles sehr einfach.“ Den darauffolgenden Sommer verbrachte er ebenfalls in Berlin, bewarb sich erfolglos für ein Regiestudium; gerade eben probiert er es noch einmal. Inzwischen arbeitete er als Kameraassistent auf Drehs in Deutschland und Österreich. Beim Wiener Tatort: Sternschnuppe, der im Februar 2016 ausgestrahlt wurde, liest man seinen Namen im Abspann. Er genießt die Abwechslung zwischen den intensiven mehrwöchigen Arbeitseinsätzen an Filmsets und den Auszeiten dazwischen.
Wien bleibt nicht nur aus Karrieregründen wichtig. Hier kann Simmi „im jüdischen Moschus baden“, wie er es nennt, und seinen Bezug zum Judentum pflegen. Jüdische Freunde hat er in Wien viele, in Berlin kaum. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren besuchte er zu den hohen Feiertagen wieder die Synagoge in der Seiten­stettengasse. Wie war’s? „Schön.“ Die Feiertage hat er zuhause immer gefeiert und über Israel viel diskutiert. Das sind aber Aspekte, die ihm heute weniger wichtig sind; stattdessen hat er jüdische Literatur und Theater für sich entdeckt. Für seine Bewerbung las er kürzlich das Theaterstück Der Dibbuk von Salomon An-Ski. Die Beschreibung des Lebens im Schtetl und das dort geschilderte Heimatgefühl treffen seine jüdische Neshume, erklärt er und benutzt das jiddische Wort für „Seele“. Er plant nämlich, einen Jiddisch-Kurs zu belegen.

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