Die Legende und ihre Geschichte

Auch wenn es im „Judenklub“ FK Austria anno 1938 keinen einzigen jüdischen Spieler gab, wurde der Klub in der NS-Zeit von Grund auf arisiert.

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Starke Parade. Der WAC-Tormann wehrt den Schuss der Austria-Legende Josef Molzer gekonnt ab. © oepb

Zum 80. Todestag des FK-Austria-Spielers Matthias Sindelar gedachten die Violetten „ihrer Legende“, wie der ORF-Sport zu berichten weiß, am 23. Jänner 2019 mit einer Kranzniederlegung beim Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Auf den Tag genau vor 80 Jahren spendete der damalige Ehrenpräsident der Wiener Austria dem Superstar der Mannschaft einen Kranz zum Begräbnis. Der edle Spender war Ernst Kaltenbrunner, hochrangiger SS-Funktionär und Chef der Sicherheitspolizei, später in Nürnberg als einer der Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Man darf diese Bilder nicht vergleichen, auch wenn sie sich aufdrängen.
Man darf auch nicht ungerecht sein, denn der „Motzl“ Sindelar war wirklich ein Ballkünstler der Sonderklasse, wie ihm auch Friedrich Torberg bestätigte: „Er spielte Fußball wie kein Zweiter, er stak voll Witz und Fantasie. Er spielte lässig, leicht und heiter, er spielte stets, er kämpfte nie.“* Nur der Widerstandsheld, als den ihn u. a. auch Torberg sah, war er nicht. Er war zwar kein Parteigänger der NSDAP, doch er hatte keine Bedenken, im Herbst 1938 das Kaffeehaus von Leopold Simon Drill zu arisieren.
Mit dem Buch Ein Fußballverein aus Wien – Der FK Austria im Nationalsozialismus 1938-1945 haben Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Johann Skocek in über dreijähriger Arbeit die Geschichte der Wiener Austria in der NS-Zeit aufgearbeitet. Damit werden einige Legenden, für die es oftmals keine Belege gibt, aus der Welt geschafft, erläutert der Historiker und Co-Autor Bernhard Hachleitner. Sei es die angebliche Weigerung von Matthias Sindelar, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen, oder die besondere Opferrolle der Austria als „Judenklub“.

Spielbetrieb eingestellt. Der Ruf der Austria als jüdischer Verein stammt aus den 1920er-Jahren, als tatsächlich einige Spieler Juden waren. „1938 gab es hingegen keinen einzigen mehr bei der Austria“, so Hachleitner. „Allerdings bestand der komplette Vorstand aus Juden.“ Vier Tage nach dem „Anschluss“ am 12. März 1938 sah das schon anders aus: Die Klubräume waren gesperrt, das Vermögen war eingefroren und der Spielbetrieb eingestellt. Der ehemalige Spieler und nunmehrige SA-Mann Hermann Haldenwang wird zum kommissarischen Leiter der Violetten befördert. Er und Ex-Wunderteamverteidiger Hansi Mock tauchen im Braunhemd beim legendären Austria-Präsidenten und Sportarzt Emanuel „Michl“ Schwarz in dessen Privatwohnung in der Wollzeile 36 auf, um ihn über seine Entlassung zu informieren. Nach dem Novemberpogrom flieht Schwarz zuerst nach Italien und Frankreich, wo ihm Kontakte aus der Fußballwelt das Untertauchen ermöglichen, obwohl er auch dort eine Zeit lang interniert wird.

Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner, Johann Skocek: Ein Fußballverein aus Wien. Der FK Austria im Nationalsozialismus 1938−1945. Böhlau 2018, 304 S, 29 €

Für die Nachkriegszeit finden die Historiker die verbreitete Erzählung einer nahtlosen Anknüpfung an die Zeit vor 1938 bemerkenswert. Tatsächlich kehrte als einziger Funktionär aus der Zeit vor dem „Anschluss“ der Ex-Präsident Emanuel Schwarz im Dezember 1945 nach Wien zurück und übernahm wieder das Präsidentenamt. „Diese Geschichte hat das Narrativ erzeugt, dass die Austria 1945 dort weitergemacht hat, wo sie 1938 aufgehört hat – unter dem Motto: ‚Es ist eh nix passiert.‘ Was natürlich nicht stimmt“, schreibt Hachleitner. „Denn alle anderen jüdischen Funktionäre sind in den Fluchtländern geblieben oder wurden ermordet, wie der Manager Robert Lang und die beiden Schriftführer Heinrich Bauer und Martin Medina.“
Neben Ernst Kaltenbrunner, der zwar nie an einer Vorstandssitzung teilgenommen hatte, sich aber der populären Bedeutung des Fußballs bewusst war, gab es unter den Funktionären nur noch ein weiteres SS-Mitglied; noch ein Funktionär und der Spieler Johann Mock waren bei der SA. „Siebzehn Austrianer, teilweise auch solche, die erst nach 1945 im Vorstand saßen, waren Mitglieder der NSDAP“, berichtet der Historiker Matthias Marschik. 1957 wurde Bruno Eckerl, der „Vereinsführer“ der NS-Jahre, in einer Kampfabstimmung gegen Emanuel Schwarz erneut zum Präsidenten gewählt, „wobei die Zeitung Der Wiener Montag eine stark antisemitische Kampagne gegen Schwarz führte“, so Marschik. „Die Auseinandersetzungen um den und mit dem Nationalsozialismus waren also keineswegs 1945 beendet.“ In Österreich haben bereits der SK Rapid, Sturm Graz und der GAK ihre Rolle in der NS-Zeit einer kritischen historischen Untersuchung unterzogen.

* Zitat aus Friedrich Torbergs Text Auf den Tod eines Fußballspielers

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