Die übriggebliebenen Kinder

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Zwischen Sein und Schein: Anna Maria Krassnigg begibt sich in der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik auf eine ungewöhnliche Spurensuche./ © Barbara Palffy

Die Wiener Regisseurin Anna Maria Krassnigg inszeniert Robert Neumanns großen vergessenen Nachkriegsroman Die Kinder von Wien. Im Gespräch mit Angela Heide erzählt sie wina über ihre Annäherung.

Robert Neumann führt mit seinem 1946 in englischer Sprache im Exil geschriebenen Roman Die Kinder von Wien in die Keller eines Nachkriegswien, das in der Originalausgabe wie auch in der ersten deutschen Übersetzung noch deutlich zu erkennen ist, nicht jedoch in Neumanns eigener wesentlich späterer Übersetzung. Der Autor selbst schreibt in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1974: „Es kann aber auch ein anderer Keller gewesen sein anderswo, es kann jeder Keller gewesen sein überall, damals, anno fünfundvierzig, jenseits von dem Meridian der Verzweiflung.“ 2013 widmet sich die Produktion HOWEVERSTILLALIVE in zwei Teilen – STORY und HISTORY – diesem eminenten „Schlüsselroman“ über „die Lebendiggebliebenen“ und die „Gestorbenen“ (Neumann) mit einer szenisch wie räumlich ungewöhnlichen Adaption und aktuellen Weiterbearbeitung.

wina: Wie sind Sie dem Roman begegnet?

Anna Maria Krassnigg: Da mein Freundeskreis über meine leidenschaftliche und permanente Suche nach Texten und Geschichten Bescheid weiß, steckt man mir immer wieder besondere Kostbarkeiten zu. So auch bei Neumann. Als der Roman von Hans Magnus Enzensberger erneut ans Licht gehoben und mit einem hervorragenden Nachwort von Ulrich Weinzierl 2008 neu editiert wurde, schenkte ihn mir ein Freund, versehen mit folgender Warnung: „Vielleicht lies es besser nicht, denn du wirst dich verlieben, und das wird eine anstrengende Liebe werden, weil du es wahrscheinlich gleich auf dem Theater sehen wirst.“ Diese Prophetie ist eingetreten.

wina: Ulrich Weinzierl nennt in seinem Nachwort zur Neuauflage im Eichborn-Verlag die Geschichte um eine Handvoll Kinder, die in einer Kellerruine hausen, ehe ein schwarzer Reverend aus Louisiana sie letztendlich erfolglos – in die Schweiz retten will, „zugleich eine krude, verzweifelte Parabel über die Zerstörung des Menschen durch Krieg und Faschismus. Alles ist danach kaputt auch die Sprache.“

ANM: Ein New Yorker Rezensent nannte Neumanns wilde Sprachfantasie 1947 „a nightmarish fairy tale with super-realistic features“. Und das eben macht den Stoff so interessant für die Bühne. Wenn man so will, ist das unsere oberste „Regieanweisung“. Da das Deuten von Parabeln wie auch das Beleuchten von Hintergründen, quasi das Dokument hinter dem Märchen, höchst interessant und lustvoll sind, wie wir auf jeder Probe neu entdecken, wollen wir dem Publikum die Gelegenheit bieten, sich ein Stück weit mit uns auf die Spurensuche zu begeben. Denn wer sich vorbehaltlos auf diese humorvolle, erschreckende, märchenhafte Parabel einlässt, wird nicht umhin kommen, sich im Heute wiederzufinden.

„Wer sich auf diese humorvolle, erschreckende, märchenhafte Parabel einlässt, wird nicht umhin kommen, sich im Heute wiederzufinden.“

 wina: 1948 kam die erste deutsche Übersetzung des Buches (durch Neumanns damalige Lebensgefährtin Franziska „Rolly“ Becker) im Amsterdamer Querido-Verlag heraus – und wurde in Österreich von der konservativen Presse für dessen „Überfülle von Widerwärtigem“, seine „abwegige, abstoßende und unappetitliche Diktion“ („Neues Österreich“) scharf kritisiert. Wie gehen Sie an die bis heute beeindruckend moderne Sprache Neumanns heran, die einst als „unerträgliche Provokation“ empfunden wurde?

ANM: Was die Bühne stark offen legen kann, ist einerseits das Vexierspiel zwischen Sein und Schein – die Protagonisten sprechen viel, aber selten, was sie wirklich denken – und andererseits die bewussten theatralen Brüche im Text, die einen starken, nie vorhersehbaren Rhythmus erzeugen und den Betrachter zwischen Angst und Erlösung, Lachen, Zorn und Trauer hin- und herschleudern. Das macht auch die ungeheure Modernität des Textes aus. Der Härte, die es gibt, stehen eben immer auch Poesie und ein höchst geistreicher – jüdischer – Humor gegenüber.

wina: In Ihrer Ankündigung halten Sie fest, dass sich an diesem Zeitroman von 1946 auch ein Zeitstück von 2013 herausarbeiten lässt. Hat Neumanns Meridian der Verzweiflung für die „übriggebliebenen Kinder“ nach 1945 also auch heute noch Aktualität?

ANM: Das Erstaunliche an dem Werk ist gerade seine schlagende Aktualität. Das liegt daran, dass sich Neumann nicht um dokumentarische Wahrheit schert und keinerlei Zeigefinger hebt. So entsteht das amoralische Märchen eines ironischen Moralisten, das die Jahrzehnte seit seiner Entstehung mühelos und vor allem unverstaubt überspringt.

wina: „Displaced Persons“, „Missionare“, verstossene und verlorene Kinder gibt es auch heute und dies auch in Wien. Inwieweit gehen Sie auf aktuelle politische und gesellschaftliche Kontexte ein?

AMK: Die STORY selbst (Teil I) geht unausweichlich auf die Situation nach 1945 ein, die HISTORY dahinter wird in Teil II unseres Projektes beleuchtet. Und zwar als Zeitgeschichte im Damals, Heute und Morgen. Gemeinsam mit Zeitzeugen, Experten aus Kunst, Wissenschaft und Leben wie auch dem Publikum begeben wir uns auf eine lustvolle, streitbare Zeitreise zurück in die Zukunft.

wina: Die szenische Bearbeitung des Romans findet im ungewöhnlichen Ambiente der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik in Wien-Favoriten, der sog. Expedithalle statt. Warum haben Sie diesen Raum
gewählt?

AMK: Die Räume der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik sind einer jener Parameter, welche die überzeitliche Dimension des Stückes sichtbar machen können. Die Weite der zentralen Halle entspricht dem Abstand, den wir zu den originalen Ereignissen in diesem „fictitious Vienna“ haben. In einem abstrakten Raum, der einen sehr sinnlichen, konkreten Kern haben wird, kann diese kollektive Erinnerung, diese märchenhafte Zeitreise stattfinden. Wir sind eben nicht in einem auch nur annähernd behaupteten Wiener Bombenkeller, sondern in einer weiten, wüsten Erzähllandschaft, in der wir Bruchstücke der Erinnerung herauftauchen. Erinnerungen, die für andere Weltgegenden, aber genauso für die DPs dieser Stadt 2013 erschütternde Deckungen aufweisen.

„Das Erstaunliche an dem Werk ist gerade seine schlagende Aktualität.“

wina: Der zweite Teil findet in den Räumen des brick-5 statt, das Sie seit 2007 nachhaltig und publikumswirksam mit Ihrem Salon 5 bespielen.

AMK: Der Salon5 ist einer immer größeren Anzahl an nach lebendiger, zeitgenössischer darstellender Kunst Suchenden ein Begriff. Ein Begriff auch als Ort für geistreichen Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und Publikum. Ein Ort für originäre, streitbare Literatur.

wina: Sie arbeiten bei dieser Produktion mit den Wiener Festwochen zusammen. Inwiefern ist die Positionierung im Kontext des wohl traditionsreichsten Wiener Theaterfestivals der Nachkriegszeit für Sie wichtig?

ANM: Diese Positionierung verschafft dem Stoff, dem so unverständlich wie nachhaltig verdrängten Roman sowie seinem so unbegreiflich vergessenen Autor Robert Neumann einen Auftritt, den er verdient – so unsere Hoffnung. Es geht also weniger um eine Positionierung eines Wiener Theaters oder um die Tatsache, dass dieses den so genannten „freien Gruppen“ zugeordnet wird, sondern darum, dass ein literarisches Ereignis diesen Rangs, mit Themen, die originär aus dieser Stadt herausgewachsen sind und eine erschütternde Gültigkeit für unsere Gegenwart haben, bei einem Wiener Festival wie diesem gut aufgehoben ist.

Zur Person

Anna Maria Krassnigg, geb. 1970 in Wien, ist Regisseurin, Schauspielerin, Gründerin und Leiterin des Salon5. Seit 2012 ist sie Professorin für Regie am Max Reinhard Seminar. salon5.at

HOWEVERSTILLALIVE
Die Kinder von Wien in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik. Die Inszenierung von Anna Maria Krassnig, feiert Premiere am 15. Mai im Rahmen der Wiener Festwochen. Weitere Informationen auf Seite 60, unter kindervonwien.at und festwochen.at

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