Die Verlockung des Verhüllens

Religiöse jüdische Frauen sollten sich, was die Kleidung betrifft, möglichst „bedeckt“ halten. Dennoch wollen immer mehr orthodoxe Frauen schick aussehen. Mittlerweile gibt es in Israel sogar eine Modeschule für „Modest Fashion“. Können aber moderner Schick und züchtige Bescheidenheit nebeneinander bestehen?

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Miri Beilin (li.) mit Hani Dobkin. „Es steht nirgendwo in der Thora geschrieben, dass Frauen nicht schön sein dürfen.“ © Daniela Segenreich

Die hochhackigen gelben Stöckelschuhe mit den Metallnieten, die schwarzen Netzsöckchen und der knallrote Lippenstift von Miri Beilin wirken nicht unbedingt dezent, doch die Regeln des Rabbinats sind erfüllt: Das am Hals hochgeschlossene, wadenlange Kleid mit langen Ärmeln bedeckt den Körper so, wie es die Bekleidungsregeln der religiösen Juden vorschreiben, und die schicke Langhaarperücke versteckt ihr eigenes Haar. Dazu erklärt die fünffache Mutter, die schon mit 18 ihr erstes Baby bekam: „Ich will ausschließlich meinem Mann gefallen und sonst niemandem. Aber es steht nirgendwo in der Thora geschrieben, dass Frauen nicht schön sein dürfen. Wenn ich mich modisch kleide, fühle ich mich wohl und werde respektiert. Wichtig ist, dass eine Frau von innen her bescheiden ist und ihr Mann und das Rabbinat ihren Kleidungsstil genehmigen.“

Eine Boutique für orthodoxe Frauen muss sich an die religiösen Regeln halten. Deshalb sind auf den Fotos nur Männer zu sehen. © Daniela Segenreich

Beilin ist Modeberaterin und Stylistin in einer der teuersten und elegantesten Boutiquen auf der Rabbi-Akiba-Straße, der „Champs Elysee“ des religiösen Bnei Brak, gleich neben dem trendigen Tel Aviv. Damit die Frauen aus der Nachbarschaft hier einkaufen dürfen, braucht so eine Boutique einen „Hejter“, eine offizielle Genehmigung des zuständigen Rabbiners. Hier ist er prominent eingerahmt, oben auf dem Regal, gleich neben den modischen Taschen und Accessoires zu finden: „Alles muss den religiösen Vorschriften entsprechen: Unsere Werbekataloge müssen ohne Mannequins auskommen, und wir dürfen auch keine Schaufensterpuppen ausstellen, nur im Inneren des Geschäfts, wo ohnehin nur Frauen hinkommen“, erklärt Beilin, die für die Präsentation der Ware zuständig ist.

Solche Geschäfte gehen hier im Viertel sehr gut, denn elegante Kleidung ist gefragt: „Eine religiöse Familie ist in der Regel auf drei Hochzeiten pro Woche eingeladen, abgesehen von den ‚Sheva Brachot‘-Feiern nach der Hochzeit, den Bar und Bat Mizwas und anderen Festivitäten“, erklärt die Soziologin Dr. Sima Zalcberg: „Dabei ist das Outfit der gesamten Familie ungeheuer wichtig, will man doch einen guten Eindruck machen, um die Töchter und Söhne im heiratsfähigen Alter zu promoten.“
Das alles verursacht den kinderreichen religiösen Familien viele Kosten, und die weniger betuchten unter ihnen schöpfen für diesen Zweck laut Zalcberg öfters aus den Charity-Fonds, denn schließlich geht es um die Zukunft ihrer Kinder …

»Es gibt so viele Nuancen und so viele Gruppierungen im Judentum, und jede hat ihre eigenen Bestimmungen und Traditionen,
was die Kleidung betrifft.«
Miri Beilin

Aus Kleidung und Make-up kann die Soziologin, die die verschiedenen Modeströmung der streng Religiösen in Israel seit Langem studiert, auch schließen, dass Miri Beilin wohl einer relativ weltoffenen religiösen Gruppierung angehört. „Es gibt so viele Nuancen und so viele Gruppierungen im Judentum, und jede hat ihre eigenen Bestimmungen und Traditionen, was die Kleidung betrifft“, erklärt sie. Dabei gäbe es immer modernere Bestrebungen und dann wieder die Gegenbewegung der Konservativen. Sie erinnert daran, dass Mode auch immer dazu da ist, gewisse Gruppierungen von ihrer Umwelt abzusetzen.

© Daniela Segenreich

Modeschule für religiöse Frauen. Das Outfit von Miri Beilin zeigt also, dass sie „modern“ ist und ihr eigenes Geld verdient. Überdies ist die 38-Jährige auch stolz darauf, Lehrerin an der ersten und einzigen israelischen Modeschule für religiöse Frauen zu sein. Die Schule befindet sich in einem modernen Bürokomplex in Bnei Brak, der sich auf den ersten Blick nicht von den Hightechgebäuden in Tel Aviv unterscheidet. Doch hier herrschen eigene Regeln: Es gibt es eine koschere Cafeteria, und die Büros sind nach Geschlechtern aufgeteilt. So gibt es neben der „For Women only“-Klasse der Modeschule ein Großraumbüro für religiöse Männer, die hier für eine Hightechfirma arbeiten. Der Gang ist im Anklang an die traditionelle Kleidung der jüdischen orthodoxen Männer mit schwarzen Hüten dekoriert, die gerahmten Fotos auf der bunt bemalten Wand zeigen bei genauerem Hinsehen nur gläubige Männer, denn Frauen abzubilden, ist in diesen Kreisen verboten. Deswegen finden sich auch in Modemagazinen für religiöse Frauen keine Modells, sondern nur Fotos von Stoffen, Farben und Kleidung.

© Daniela Segenreich

Bis vor Kurzem hatte es in diesem Umfeld gar keine Möglichkeit gegeben, Modedesign zu erlernen. Frauen aus den strenggläubigen Gemeinden konnten bestenfalls eine Schneiderausbildung machen und blieben dann oft in ihrer Karriere stecken. Das scheint sich jetzt zu ändern „Es gibt heute eine Art von Revolution in der Welt der religiöse Frauen“, meint Hanni Dobkin, die Direktorin der Modeschule, die zum Pressetermin in einem giftgrünen Kleid und pinken Stöckelschuhen, aber mit dem obligaten „Sheitel“, der Perücke der verheirateten Frauen, erscheint. Die ehemalige Werbefrau führt das unter anderem darauf zurück, dass viele religiöse Frauen jetzt in für sie völlig neuen Bereichen, wie beispielsweise an der Universität, bei Gericht oder im Hightechbereich, arbeiten, wodurch eine gewisse Offenheit und Anpassung entsteht: „Früher gab es bei uns in der Kleidung immer wieder nur die ‚50 Shades of Black‘, die vielen Grau- und Schwarztöne, aber heute sind besonders die jungen Frauen offen für neue Optionen. An dieser Entwicklung sind auch die sozialen Medien nicht ganz unbeteiligt.“

© Daniela Segenreich

Dina, eine der Schülerinnen, fährt jede Woche über eine Stunde mit dem Zug aus der nördlichen Küstenstadt Haifa in die vor knapp drei Jahren gegründete Schule: „Ich habe immer schon gerne genäht und entworfen, zuerst dezente Kleider für meine Barbiepuppen und später dann für meine kleinen Mädchen. Jetzt erlerne ich einen richtigen Beruf, und die Kurse erweitern meinen Horizont.“ Sie und ihre Kolleginnen bekommen auch einen Einblick in Marketing und PR, und natürlich werden sämtliche Designs daran angepasst, was im religiösen Sektor erlaubt ist. Dabei versichert die Direktorin: „Mode für orthodoxe Frauen kann auch sehr aktuell und schick sein, das ist heute kein Widerspruch mehr.“ Und auch die Soziologin Sima Zalcberg meint: „Die Welt der Religiösen verändert sich und verlangt nach einer Anpassung und Veränderung in der Kleidung. Dabei werden Grenzen oft lockerer oder weiter gezogen. Es kommt zu einer Anpassung an die israelische Mainstream­gesellschaft, es gibt mehr Farbe und auch Labels.“ Wer weiß, vielleicht gibt es demnächst auch eine international anerkannte Modedesignerin aus den Reihen der Religiösen … 

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