Dunkle Stunden in Ungarn

„Letzte Woche hat die von Fidesz angeführte Regierung eine landesweite Plakat- und Fernseh­kampagne ge­startet, die an die dunkelsten Stunden Europas erinnert. “ Michael Vachon

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Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im voraus zu wissen, was das Pub­likum zu hören wünscht. (Hannah Arendt, Die Lüge in der Politik, 1972)
So erscheint die „Aufklärungskampagne“, der ungarischen Regierung gegen den amerikanischen Milliardär und Philanthropen George Soros gleich viel „anziehender“ als das, was sie in Wahrheit ist: eine „Hetzkampag­ne mit antisemitischem Unterton“. Nein, Soros wird dabei keine Hakennase á la „Stürmer“ verpasst, auch sieht man keine verführten Jungfrauen, vergiftete Brunnen oder andere altbewährte Symbole, welche die Massen zu mobilisieren vermögen – die Bildsprache erinnert aber an die dunkelsten Stunden Europas. Soros ist zum Feindbild auserkoren, der für das System unentbehrlich ist, gleich der Figur Emmanuel Goldstein in Orwells 1984. Seit Wochen findet man nun als Einheimischer wie Tourist an allen Straßenecken und in jedem öffentlichen Verkehrsmittel Plakate, auf denen der 1930 in Budapest als György Schwartz geborene Förderer der neuen Demokratien Osteuropas mit einem höhnisch wirkenden „Stürmer“-Lächeln dargestellt wird. Daneben steht: „Lassen wir nicht zu, dass Soros als Letzter lacht!“

Nun „zieren“ diese Plakate seit Tagen auch den Boden einiger Straßen­bahngarnituren in Budapest, damit man sich die Füße am Konterfei des als Staatsfeind auserkorenen Holocaus­tüberlebenden abwischen kann.

Es ist nicht die erste derartige Plakatkampagne im Schlachtplan der ungarischen Regierung gegen das Feindbild, und wohl auch nicht die letzte. Nun „zieren“ diese Plakate seit Tagen auch den Boden einiger Straßen­bahngarnituren in Budapest, damit man sich die Füße am Konterfei des als Staatsfeind auserkorenen Holocaus­tüberlebenden abwischen kann. Doch was kann eine Fidesz-Regierung, deren Gründer einst über Soros-Stiftungen am Weg zur neuen liberalen Hoffnung Ungarns tatkräftig unterstützt wurden, gegen Soros haben? Die Antwort hat Fidesz einfach und schnell zur Hand:
Soros schleuse über seine humanitären Stiftungen („internationalen Netzwerke“) Millio­nen Migranten nach Europa, um damit die „christlichen und nationalen“ Werte Europas – und so auch die der ungarischen Nation – zu zerstören.  Eine einfache Formel, oft schon bewährt. Die von Orbán persönlich propagierte Null-Toleranz gegen Antisemitismus erscheint in Anbetracht der in der Symbolik fragwürdigen und vielerorts bereits mit „Saujud“ beschmierten Plakate mehr als zynisch. Der Wahlkampf in Ungarn hat begonnen.
Da bleibt uns nur zu hoffen, dass die aktuell wahlkämpfenden Fidesz-Sympatisanten in Europa diese Kampagne nicht zum Vorbild nehmen und wir unsere Urlaubskoffer im Herbst beruhigt wieder auspacken können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wunderbare Sommertage und viel Freude beim Lesen!

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