Editorial

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Danke! Prof. Rudolf Gelbard (1930–2018) © Daniel Shaked

Rudi Gelbard wird nie wieder seine Stimme erheben, nie wieder von seinen Erlebnissen im KZ berichten und nie wieder aus seinem Lieblingsgedicht An die Nachgeborenen von Bertolt Brecht zitieren: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“
Rudi war ein Kämpfer. Nun hat er den letzten Kampf gegen die Krankheit, die ihn schwächte, verloren. Er wird seine Stimme gegen die Ungerechtigkeit und gegen das Vergessen nicht mehr erheben. Aber wir werden es tun. Wir, die ihn gekannt und geschätzt haben. Wir, die von ihm Mut und Wissen gelernt haben. Wir müssen seinen Kampf weiterführen und unsere Stimme laut und deutlich erheben.

»Der Weg in die Erkaltung der Herzen,
dieser allerneueste Klimawandel,
hat einen
symbolischen Anfang
und kein absehbares Ende.«

Peter Turrini

 Rudi war acht Jahre alt, als in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 die seit Monaten, ja Jahren aufgehetzte Masse über die Juden in Deutschland und Österreich herfiel. Sie brannten Synagogen nieder, vernichteten Gebetsbücher, zerrten Menschen aus ihren Wohnungen und traten sie mit Füßen. Nein, diese Pogrome waren nicht staatlich angeordnet, aber vom diktatorischen System von langer Hand vorbereitet.
Der Hass wurde gesät und trug in dieser Nacht seine ersten blutigen Früchte. Sie waren nur die Vorboten jener Vernichtung, in der „zwei Drittel des europäischen Judentums aus 25 Ländern ermordet wurden, darunter 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche. Durch Schlachthäuser auf Rädern, durch Gasautos und zum Schluss in den sechs Menschenvernichtungsfabriken Auschwitz 2-Birkenau, Majdanek, Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno.“ Sie wurden verbrannt und vernichtet. Sie, die „Andersgläubigen“, die „Andersdenkenden“, die „Anderslebenden“. Sie, die an unseren Familientischen gefehlt haben, die uns nichts mehr erzählen konnten. Sie, die oft verschwiegen wurden, um uns zu verschonen. Aber sie alle hinterließen uns nicht nur ein unvorstellbares Trauma, das viele Generationen prägt, sondern auch eine Aufgabe: dieses Grauen nicht nur niemals zu vergessen, sondern auch nie wieder zuzulassen! Eine Aufgabe, die auch zur Lebensaufgabe von Rudi Gelbard wurde ‒ und die er an uns alle weitergegeben hat.
Wir haben von den Millionen Ermordeten jene Werkzeuge geerbt, die uns helfen, diese Aufgabe zu erfüllen: ein feines Sensorium für Ungerechtigkeit, eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber Rassismus und Ausgrenzung, einen Seismografen, der bei der Erkaltung der Herzen* laut und deutlich ausschlägt.
In diesen Tagen werden viele der Ereignisse des 9. November 1938 gedenken. Doch die Aufgabe heißt, an allen 365 Tagen des Jahres die Stimme zu erheben, wenn es um Rassismus, Antisemitismus und Ungerechtigkeit geht. Denn jeder kleine Schritt in diese Richtung führt zur Erkaltung der Herzen*. Der gesellschaftliche Klimawandel* zeigte seine blutigen Früchte bereits vor 80 Jahren – Rudi Gelbard war Zeitzeuge.

*Aus der Rede von Peter Turrini anlässlich des Republiksjubiläums im SPÖ-Parlamentsklub, 30.10.2018.

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