Ein Finzi kommt in die Bar …

David Grossmans jüngster Roman erlebt seine deutschsprachige Bühnenfassung derzeit am Wiener Akademietheater. Der vielseitige Menschendarsteller Samuel Finzi verkörpert den Hauptprotagonisten Dovele.

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Samuel Finzi. Einzigartig, eindringlich und furios in seiner Interpretation von David Grossmanns Romanfigur „Dovele“. © Barbara Gindl/picturedesk.com

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn sich ein Mann mit etwas melancholischem Blick an eine Bartheke lehnt. Doch hier sitzt ein T-Shirt- und Bartträger, der vor knapp 13 Stunden eine Bühne verlassen hat, auf der er hundertfünfzig Minuten lang einer Theaterfigur dramatisches Leben eingehaucht hatte. Samuel Finzi, der erfolgreiche Film-, TV- und Bühnenstar, spielt in dieser Saison am Akademietheater in der deutschen Dramatisierung und Uraufführung des Romans von David Grossman Kommt ein Pferd in die Bar die Hauptrolle, jene des israelischen Stand-up-Comedians Dovele, alias Dov Grinstein.

„Ich habe schon viele große, textlastige Rollen gespielt, aber dieser komplexe Monolog ist sicher meine forderndste Aufgabe – schon von der schieren Menge des Textes“, lächelt Finzi etwas erschöpft. „Jetzt fühlt sich alles andere wie ein Spaziergang an.“ Wie kam es überhaupt zu diesem Engagement? „Von David Grossman selbst: Seine Literaturagentin hat einiges über mich gelesen und gemeint, ‚das ist der Dovele!‘ Sie hat den Kontakt hergestellt, ich habe den Roman gelesen und David im Dezember 2016 in Berlin getroffen. Ich dachte, er plane eine Lesung. ‚Nein, nein‘, sagte er, ‚ich möchte damit auf die Bühne.‘“ Finzi hat daraufhin den Regisseur Dušan David Pařízek angesprochen, mit dem er gerade das Stück Macht und Widerstand von Ilija Trojanow gemacht hatte. „Ich mag ihn als Regisseur und wusste, dass er sehr gut Prosatexte für die Bühne dramatisieren kann. Der schöne Zufall war, dass Pařízek nicht nur gerade das Buch gelesen hatte, sondern auch die gleiche Idee wie David hatte“, erzählt Finzi.

»Parízek weiß als gebürtiger Tscheche
zwischen der offiziellen Politik eines Staates
und der differenzierteren Haltung seiner Bevölkerung
gut zu unterscheiden.«

Samuel Finzi

Aufrüttelnd und atemberaubend hat David Grossman in der einzigen, aber so vielschichtigen Figur dieses israelischen Durchschnittsmannes ein Spiegelbild des heutigen Israel erschaffen. Dovele lässt bei seinem letzten Auftritt auf einer Provinzbühne sein ganzes Leben Revue passieren, behelligt sozusagen die ganze Welt mit seiner verkorksten Lebensbeichte. In der Bühnenfassung wendet er sich an die Zuschauer, im Roman bedrängt er einen früheren Freund und pensionierten Richter, sich seine Vor- und Anwürfe anzuhören. Denn Doveles Geschichte, auch wenn noch keine 70 Jahre alt, wie der Staat Israel, enthält alle Ingredienzien, die das jüdische und das israelische Schicksal miteinander verschränken: Der einzige Sohn von Schoah-Überlebenden bekommt seine Traumata über die Mutter frei Haus geliefert. In der Schule und in der Armee ein gemobbter Nobody, erfährt er Brutalität an Leib und Seele. Das gescheiterte Liebes- und Eheleben ist nur mehr eine logische Folge davon. Sein sarkastisch-bitterer Humor ist nicht nur in höchstem Maße selbstzerstörerisch, sondern nimmt gleichzeitig die israelische Politik allgemein und das Verhalten gegenüber den Arabern insbesondere aufs Korn.

Das Ladino des Vaters und die Synagoge des Großvaters. Das Vorhaben, eine Bühnenfassung zu erarbeiten, nahm reale Züge an, als Samuel Finzi 2017 zweieinhalb Monate in Israel lebte, weil er für den ARD zwei Krimis in Tel Aviv drehte. „Dušan kam zum ersten Mal nach Israel, Grossman war schon da, und so haben wir uns mehrmals getroffen und die Sache besiegelt.“

© Reinhard Engel

Samuel Finzi wurde 1966 im bulgarischen Plowdiw in eine sefardisch-jüdische Künstlerfamilie geboren: Vater Itzhak Finzi ist in Bulgarien ein bekannter Schauspieler, Mutter Gina Tabakova eine berühmte Pianistin. Finzi studierte an der Akademie für Film und Schauspiel in Sofia, machte eine kurze Ausbildung in Paris, um 1989 endgültig in Berlin zu landen, wo er für das erste Theaterengagement in zwei Monaten perfekt Deutsch lernte, „denn Französisch, Russisch und Ladino, das die Großeltern und auch mein Vater gesprochen haben, konnte ich schon“, erzählt der Schauspieler. Er wurde im kommunistischen Bulgarien nicht religiös erzogen, aber da seine weitläufige Familie großteils in Israel und in den USA lebte, war das Jüdischsein immer präsent. „Ich wusste natürlich, dass mein Ururgroßvater Rabbiner in Sarajevo gewesen war, und kannte die große Synagoge. Meine Großmutter hat bestimmte traditionelle Gerichte gekocht, daran erinnere ich mich gut.“

Was fasziniert Finzi, der an den wichtigsten deutschen Theatern große Rollen wie Kleists Amphitryon, Ibsens Peer Gynt oder Tschechows Ivanov verkörpert, an der Figur des Dovele? Verachtet oder bemitleidet er ihn? „Weder noch, ich verstehe ihn. Er ist ein Künstler, somit auch immer ein Lebenskünstler. Er redet sich zu Tode, es ist ja sein letzter Auftritt. Dieser Moment, wo er sich selbst Gewalt antut, körperlich und mental, das sind seine Schuldgefühle, das kennen wir doch.“ Er mag Dovele, denn er liebt alle Figuren, die er spielt, ohne Ausnahme. Hat Autor Grossman die Bühnenfassung mitentwickelt? „Er hat uns freie Hand gelassen, sogar gemeint, wir sollten nicht so respektvoll mit dem Text umgehen“, lacht Finzi. „Aber er hat uns auch wertvolle Beobachtungen mitgegeben.“ Man habe sich bei dieser Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin, dem Burgtheater und den Salzburger Festspielen viel Zeit genommen, den Probenprozess sogar in die Länge gezogen: „Wir haben uns überhaupt nicht gehetzt, wir haben geprobt, erneut gelesen, uns wieder getroffen, und dann kam die letzte Phase der drei Wochen in Salzburg.“

Wurde auch über politische Inhalte, aktuelle Probleme in Israel gerungen?

„Klar, wir wissen ja, was für ein politischer Mensch und Künstler David ist – und wir sind es doch auch! Pařízek weiß als gebürtiger Tscheche zwischen der offiziellen Politik eines Staates und der differenzierteren Haltung seiner Bevölkerung gut zu unterscheiden.“ 1971 in Brünn geboren, führt Dušan David Pařízek seit 2002 regelmäßig im deutschsprachigen Raum Regie. Als erste Regiearbeit an der Burg inszenierte er 2014 die Uraufführung von Wolfram Lotz’ Die lächerliche Finsternis im Akademietheater, die zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Am Wiener Volkstheater inszenierte er von 2015 bis 2017 u. a. Thomas Bernhards Alte Meister und Peter Handkes Selbstbezichtigung.

Derzeit pendelt Samuel Finzi alias Dovele von den Wiener Vorstellungen am Akademietheater nach Berlin, wo er am Deutschen Theater in den Zofen von Jean Genet spielt oder gerade einer seiner Filmpremieren beiwohnt. Aus Hannover reist er bald mit dem Gastspiel Macht und Widerstand von Ilija Trojanow an das Wiener Burgtheater. Itzhak Finzi, der 85-jährige Vater des Schauspielers, wird sich das Stück in Wien anschauen, denn in Berlin kommt es erst Anfang 2019 auf die Bühne. Inzwischen kann sich sein Sohn noch an den begeisterten Kritiken erfreuen: „Was dieser famose Schauspieler zu leisten vermag, wie er umgeht mit den psychischen Brüchen und Deformationen des Dovele, das ist einzigartig“, meinte die Nachtkritik in Deutschland, und in den österreichischen Medien beurteilte man das ähnlich: „Eindringlich wird es, wenn Samuel Finzi zum Monolog anhebt, furios durch seine und unsere Gemütszustände reitet. Er brilliert in diesem fiebrigen Parforceritt“, befindet die Kärntner Zeitung. Und das Profil: „Mühelos und eindringlich liegen bei Finzi Schmerz und Scherz nah beieinander.“

Mit Regisseur Pařízek möchte der Vielbeschäftige bald wieder nach Tel Aviv reisen, „weil der Roman auch dort dramatisiert wurde, angeblich ganz anders, und das interessiert mich sehr.“ Doch vorerst geht es nach Berlin, wo mit Freunden gemeinsam die jüdischen Feiertage gefeiert werden. 

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