Ein Künstler der tausend Funken

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Wer mit Georg Wacks – in einer Person Schauspieler, Musiker, Theater- und Musikhistoriker, Clown, Regisseur, Conférencier, Autor und vieles mehr – zusammensitzt, ist binnen weniger Minuten vom gedanklichen Funkenwurf des in Wien geborenen künstlerischen Multitalents überwältigt. Und in kaum einer Stunde hat man genug Material, um aus den Geschichten, Anekdoten, Materialmengen und Erzählblitzen ein Buch zu schreiben. Daraus einen kurzen Beitrag zu gestalten, wird dann schwer. Und das ist nur ein Teil aus dem kreativen Schatz des sympathischen Pioniers in der wissenschaftlichen Aufarbeitung und künstlerischen Wiederentdeckung des historischen Wiener Kabaretts.

Vom Musikstudium zur Gesellschaftsgründung

Studiert hat Wacks Musik und Geschichte in Wien. Es folgten zwei Jahre Schauspiel- und Clown-Ausbildung an der École Philippe Gaulier in London, an der er seither auch immer wieder als Lehrer tätig ist. „Es war mein damaliger Lehrer an der Musikuniversität Wien, Christian Glanz, der mich auf das Budapester Orpheum hingewiesen hat, als es darum ging, meine Diplomarbeit im Fachbereich Musikgeschichte zu schreiben. Das war eigentlich der Anfang meiner Auseinandersetzung mit dem historischen Kabarett in Wien“, erinnert sich der seit vielen Jahren an der Volksoper wie auch freischaffend tätige Künstler. Dass „die Budapester“ der Anfang der Geschichte des Wiener „jüdischen“ Kabaretts zwischen 1890 und 1938 waren, wusste Wacks vor 20 Jahren noch nicht. Auch nicht, dass die Auseinandersetzung mit dem historischen Kabarett, seinen Hintergründen, Künstler*innen, Autor*innen und Komponist*innen zu seinem „Lebenswerk“ werden würde. In der Erinnerung wirkt alles wie ein logisches Zusammenfinden all jener perfekten Bausteine, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte ein so umfangreiches wie beeindruckendes künstlerisches Œuvre entstehen ließen. „Aus meiner Diplomarbeit, die zu einem großen Teil bis dahin unbekanntes und unaufgearbeitetes Material zum Budapester Orpheum und damit zur Frühzeit des Wiener jüdischen Kabaretts ‒ das damals, das muss man auch festhalten, natürlich weder so bezeichnet noch von den Künstler*innen so gesehen wurde – versammelt, habe ich dank des positiven Feedbacks meines betreuenden Professors nach meiner Rückkehr aus England ein Buch gemacht. Und daraus ist dann in einem in der Rückschau ganz logischen nächsten Schritt 2003 die Armin Berg Gesellschaft entstanden, deren Ziel von Beginn an ‒ so auch bis heute unsere Vereinssatzung ‒ die ,Förderung, Erforschung und Verbreitung jüdischer Unterhaltungskultur‘ ist. Das war damals einfach aus dem Nichts, und die Gründungsmitglieder, Prof. Glanz, der Historiker Martin Haidinger, die Musikjournalistin Elke Tschaikner und ich, sind bis heute aktiv damit beschäftigt, diese so unglaublich facettenreiche Wiener Unterhaltungsszene zwischen dem Fin de siècle und deren Vertreibung und Vernichtung durch das NS-Regime aufzuarbeiten, aber eben auch mit unseren künstlerischen Programmen erneut zum Leben zu erwecken bzw. zu erhalten.“ Es geht also um nichts weniger als die historisch-wissenschaftliche Bestandsaufnahme, dokumentarisch wie publizistische Aufarbeitung und eben auch sehr lebendige Vermittlung der großen Kultur des Kabaretts und der Kleinkunst in Wien vor ihrer Zerstörung ab 1938.

Vom kleinen Operntheater ans große Opernhaus

Anlässlich der Buchpräsentation des aus der Diplomarbeit weiterentwickelten beeindruckenden theaterhistorischen „Standardwerks“ Die Budapester Orpheumgesellschaft. Ein Varieté in Wien 1889‒1919 im Jüdischen Museum Wien lernte Wacks die Historikerin und Autorin Marie-Theres Arnbom und den Dramaturgen und Musikwissenschaftler Christoph Wagner-Trenkwitz kennen, mit denen ihn seither eine enge künstlerische wie auch wissenschaftliche Freundschaft verbindet. 2003 stieß Wacks schließlich auf das L.E.O., Wiens „Letztes Erfreuliches Operntheater“ unter der künstlerischen Leitung des Sängers, Regisseurs und international gefeierten Kunstpfeifers Stefan Fleischhacker, dessen Ensemble er als Musiker, Schauspieler, aber auch Regisseur und Autor sechs intensive Jahre lang angehörte und dem er bis heute ein enger künstlerischer Begleiter geblieben ist. 2011 folgte Wacks schließlich der Einladung an die Wiener Volksoper, wo er heute als Solist in zahlreichen Produktionen des Hauses zu sehen ist, ob in Opernball, Zar und Zimmermann, Gipsy oder Sweeny Todd, in Carmen oder Anatevka. Neben diesem dichten Jahresprogramm an einem der wichtigsten Musiktheaterhäuser Wiens bleibt dem Vater von Zwillingen nur noch wenig Zeit für eigene Inszenierungen. Die Arbeit in der „Hölle“ ist dabei zu seinem persönlich wohl wichtigsten Projekt geworden. „Wir haben eine große Produktion im Jahr, das sind seit vielen Jahren unsere Stücke in der ,Hölle‘ des Theaters an der Wien; daneben publizieren wir regelmäßig zum historischen Kabarett und präsentieren auch international unterschiedliche künstlerische Programme, die wir meist für die konkrete Einladung eigens zusammenstellen“, freut sich Wacks über die Möglichkeiten, seine vielseitigen Talente immer wieder neu unter Beweis stellen zu dürfen.

Das Theater an der Wien und sein historischer Keller

Die Einladung des Theaters an der Wien, hier regelmäßig Produktionen der Armin Berg Gesellschaft und ihrer künstlerischen Partner*innen wie dem L.E.O. oder dem Forschungsinstitut für Operette und Unterhaltungstheater zu präsentieren, bezeichnet Wacks als künstlerischen Glücksgriff. „Die Einladung kam, nachdem ich im L.E.O. das Jüdische Kabarett Festival initiiert und künstlerisch, aber auch in der Gesamtorganisation geleitet habe.“ Dass die von den beiden populären Volksschauspielern und Theaterunternehmern Siegmund und Leopold Natzler 1906 gegründete „Hölle“ im Souterrain des Theaters an der Wien selbst bis 1937 eine der legendärsten Kabarettbühnen Wien war, die schon bald zu Wiens „Talenteschmiede“ für spätere Größen wie Ralph Benatzky, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Hans Moser, Hugo Wiener, Mela Mars oder Stella Kadmon avancierte, ist nicht mehr allzu vielen bekannt, die nur wenige Treppen über dieser ersten Wiener Jugendstil-Bühne in die „große Oper“ des Haupthauses gehen. 2010 haben Wacks und Arnbom die offene Einladung des Opernhauses mit großer Freude angenommen und parallel zur ersten Produktion des seither hier einmal im Jahr unter Wacks künstlerischer Leitung zusammenkommenden Wiener Kabarett-Ensembles auch gleich die Publikation Das Theater und Kabarett „Die Hölle“ herausgebracht. Im „Armin Berg Verlag“, den Wacks zusammen mit Arnbom gegründet hat und der heute über eine beachtliche Sammlung an hier oft erstmals erschienenen historischen Editionen und Forschungsarbeiten verfügt. Genannt seien nur die Bände Jüdisches Kabarett in Wien 1889‒2009, Swing tanzen verboten. Unterhaltungsmusik nach 1933 zwischen Widerstand, Propaganda und Vertreibung oder Es kafkat und brodelt und werfelt und kischt. Der Prager Kreis der Historikerin Elisabeth Buxbaum. Zahlreiche weitere Studien des Vereins sind mit Kooperationspartner*innen wie der Edition Steinbauer oder dem Lit Verlag erschienen.

Historisches Kabarett als lebendiger Erinnerungsort

Auch die aktuelle Produktion in der Hölle, Im Schatten der Venus, die im November Premiere hatte und im Dezember noch an drei Terminen zur Aufführung kommt, befasst sich in einer Art historischem Rundumbogen mit den Geschichten und Protagonist*innen des historischen Kabaretts in Wien. Waren die ersten Programme noch stark an den Ort selbst gebunden, so ist Wacks im Laufe der Jahre thematisch, aber auch dramaturgisch freier geworden. So finden sich seit einigen Jahren auch historische Tanzeinlagen wieder, Stefan Fleischhacker und die beliebte Opern- und Operettendiva (und ganz nebenbei auch für den beeindruckenden Kostümerfindungsreichtum zuständige) Elena Schreiber steuern Einlagen aus eigenen Soloprogrammen bei, Christoph Wagner-Trenkwitz verwandelt sich in den „unerschütterlichen Mann aus Stahl“, und Georg Wacks führt als singender und tanzender Conférencier durch das von ihm zusammengestellte überraschungsreiche Programm.

„Das Erste und Wichtigste ist eigentlich der Titel. Der muss mich und das Ensemble, das Publikum und natürlich auch die Presseabteilung inspirieren. Im aktuellen Fall hat den Titel meine Frau, die Pianistin und Gründerin des Ensembles Albero Verde Christina Renghofer erfunden. Und sobald wir diesen haben, geht es auch schon in die kreative Phase und die Recherche von Texten, Musikstücken, Bild- und Filmmaterial, aber eben auch historischen Quellen zur Geschichte der von uns ausgewählten Stücke, ihrer Erfinder*innen und Interpret*innen“, berichtet Wacks über den stets mehrmonatigen künstlerischen Prozess. Die aktuelle Produktion bringt Stücke von Fritz Grünbaum, Peter Altenberg, Karl Valentin und Louis Taufstein, dazu historische Musikstücke, die Wacks oft nur aufgrund alter Tonaufnahmen in mühsamer Kleinarbeit rekonstruiert und gemeinsam mit dem musikalischen Ensemble neu arrangiert. „Diese gemeinsame intensive Arbeit über einen so langen Zeitraum schweißt uns natürlich stark zusammen, und ich kann nur betonen, wie großartig sowohl die Darsteller*innen wie auch die Musiker*innen sind, die hier einmal im Jahr in der Hölle des Theaters an der Wien zusammenkommen.“

Kabarett statt Gedenkveranstaltung

Über ein Ende seiner kreativen Erfindungsgabe muss sich Wacks keine Sorgen machen. „Wir machen ja im Prinzip immer dasselbe. Und immer was Neues“, gesteht er mit dem für ihn typischen hochprofessionellen Understatement eines Künstlers, der in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem Fixpunkt der zeitgenössischen Wiener Unterhaltungskultur geworden ist. Und das nicht nur für alle Fans des historischen Wiener Kabaretts. So beleuchtet die von Marie-Theres Arnbom im Foyer der Hölle zusammengestellte detail- und überraschungsreiche Begleitschau Kabarett am Ende die wesentlichen Zäsuren „1918 – 1938 – 1968“, und an aktuellen Verweisen mangelt es in der 150-minütigen wild durch die Welt(raum)geschichte streifenden Jubiläumsprogramm auch nicht. Denn ein „Museum“ wollen die Armin Berg Gesellschaft und ihr langjähriger Präsident und kreativer Kopf Georg Wacks auf keinen Fall sein. „Wenn wir eine Produktion herausbringen, geht es mir immer darum, dass es keinen musealen Charakter hat, sondern das Publikum lacht und das Gezeigte auch als das, was es ist, nämlich Unterhaltung, wahrnimmt – und nicht als ,Gedenkveranstaltung‘. Ich will diese großen Künstler*innen des historischen Wiener Kabaretts, von denen wohl die meisten jüdischer Herkunft waren bzw. vom NS-Regime später als „jüdisch“ deklariert wurden und deren Verfolgung, Vertreibung und Ermordung in vielen Fällen ein wesentlicher Teil ihres Lebens wurde, ich will sie und ihr künstlerisches Schaffen in dieser Stadt und für die Kultur-, Theater- und Musikgeschichte dieser Stadt nicht darauf ,reduzieren‘. Denn wenn wir das tun, dann haben die Nationalsozialist*innen das erreicht, was sie erreichen wollten. Es gilt vielmehr, den überlieferten und bis heute lebendig gebliebenen Schatz zu bergen und auf der Bühne, in unseren Publikationen und Ausstellungen weiterhin zu bewahren.“ Auch wenn die Jubiläumsausstellung vom „Kabarett am Ende“ erzählt: Mit Georg Wacks und der Armin Berg Gesellschaft ist dieses Ende noch weit und eine sprühende, kluge und künstlerisch anregende Aufführungspraxis gelungen, deren Lebendigkeit die neue Produktion in den geschichtsträchtigen Räumen der „Hölle“ erneut unter Beweis stellt.


Im Schatten der Venus

Eine Produktion der Armin Berg Gesellschaft im Auftrag des Theater an der Wien in Zusammenarbeit mit dem Letzten Erfreulichen Operntheater (L.E.O.)

Letzte Vorstellungen: 27. u. 29. November sowie 1., 3. u. 4. Dezember 2018, 20 Uhr

Konzeption & Regie: Georg Wacks; Ausstattung: Stefan Fleischhacker, Elena Schreiber; Licht: Franz Tscheck; mit: Stefan Fleischhacker, Elena Schreiber, Martin Thoma, Georg Wacks, Christoph Wagner-Trenkwitz und dem Ensemble Albero Verde; Ausstellung: Marie-Theres Arnbom

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