Ein politisches Ma Nishtana

Vier Fragen an die werbenden Spitzenkandidaten* aus jüdischer Perspektive. Christian Kern, Ulrike Lunacek und Matthias Strolz über Brit Mila, Schchita, Jerusalem und jüdische Einwanderung nach Österreich. Von Erich Nuler

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WINA: Ohne Schächten kein koscheres Fleisch, ohne koscheres Fleisch kein religiöses jüdisches Leben. Wie stehen Sie dazu?

Christian Kern (SPÖ): Es nutzt ja nichts, wenn wir nur an der Oberfläche freundlich sind und sagen, wir mögen uns alle. Beim Schächten ist es deshalb so: Da gibt es Tierschützer, die haben Sorgen, ich verstehe das. Aber aus meiner Sicht ist das Schächten zu respektieren.

Foto: Daniel Shaked

Ulrike Lunacek (Die Grünen): Das ist für uns tatsächlich nicht einfach, im Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und Tierschutz. Die Frage ist, ob nicht vor dem Schächtschnitt eine Betäubung gesetzt werden kann. Aber ich kann auch mit der derzeitigen Regelung gut leben (Betäubung unmittelbar nach dem Schnitt, Anm.).

Matthias Strolz (NEOS): Ich würde die gesetzliche Lage so lassen, wie sie ist. Ja, man muss ein Tier töten, bevor man es isst. Ich halte es für verlogen, wie wir mit dieser Frage umgehen.

 

WINA: Garantieren Sie das Recht auf Brit Mila, auf rituelle Beschneidung?

Christian Kern (SPÖ): Religionsfreiheit bedeutet, den Alltag gemäß den Ritualen und Werten seiner Religion leben zu können. Es gibt keinen Grund, die derzeitige Regelung zu verändern.

Ulrike Lunacek (Die Grünen): Hier geht es vorrangig um das Kindeswohl, und mir sagen Fachleute, dass dieses nicht gefährdet ist. Damit ist das den Glaubensgemeinschaften überlassen.

Foto: Daniel Shaked

Matthias Strolz (NEOS): Auch hier bin ich Pragmatiker. Aus hygienischen Gründen wäre es heute nicht mehr notwendig. Es gibt aber eine tiefe kulturelle Tradition. Ich stelle daher die Frage: Ist es zum Nachteil der Kinder? Diesen Nachteil kann ich nicht feststellen. Es gibt daher keinen Bedarf zur Veränderung.

 

WINA: Können Sie sich eine Verlegung der österreichischen Botschaft in Israel von Tel Aviv in die Hauptstadt Jerusalem vorstellen?

Christian Kern (SPÖ): Österreich hat sich immer für eine Zweistaatenlösung im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ausgesprochen. Einer der schwierigen Punkte in den bisherigen Verhandlungen ist der Status Jerusalems. Diese Frage muss geklärt werden, bevor wir über einen neuen Standort für die österreichischen Botschaft in Israel nachdenken.

Ulrike Lunacek (Die Grünen): Ich habe keine festgefahrene Meinung dazu. In Tel Aviv finden auch sehr viele staatliche Veranstaltungen statt, daher macht es auch Sinn, die Botschaft dort zu behalten.

Matthias Strolz (NEOS): Ich würde es im Moment nicht machen, weil das nichts bringen würde.

Foto: Daniel Shaked

WINA:Was halten Sie von der Idee, explizit jüdischen Zuzug nach Österreich einzuladen?

Christian Kern (SPÖ): Wir werden auch in den nächsten Jahren Zuwanderung haben, und ich würde mich freuen, wenn viele dabei sind, die jüdischen Glaubens sind.

Ulrike Lunacek (Die Grünen): Warum nicht? Ich lebe selbst im zweiten Bezirk, wo ich in den 1960er-Jahren auch zur Schule gegangen bin. Damals war kein jüdisches Leben zu sehen. Erst in den letzten 20 Jahren ist das zum Glück wieder sehr lebendig geworden – das ist eine Bereicherung Wiens. Ich bin durchaus offen für jüdischen Zuzug. Ich weiß aber nicht, wie viele Jüdinnen und Juden nach Österreich kommen wollten, wenn die FPÖ wieder in der Regierung ist.

Matthias Strolz (NEOS): Das kann ich mir vorstellen, ich muss aber noch darüber nachdenken. Generell sollten wir viel offensiver qualifizierte Arbeitskräfte anwerben. Derzeit machen sie einen Bogen um Österreich.

ÖVP-Chef Sebastian Kurz, wurde im Mai 2017 erstmals zum WINA-Interview eingeladen. Im Juni, August und September wurden erneut Termine angeboten. Mit Hinweis auf Wahlkampftermine kam bis Re­daktionsschluss kein Gespräch zustande. Ein Interview nach der Nationalratswahl ist in Planung (red.)

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