Eine Ode an den Mut

Warum Michael Köhlmeier doch mutig war und Heinz Christian Strache nicht.

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Doron Rabinovici / © APA Picturedesk/ Marko Lipus

Diese Rede wird bleiben. Die Ansprache, die Michael Köhlmeier hielt, ergriff viele, die sie hörten. Köhlmeier selbst tat im Nachhinein so, als sei sie nichts Besonderes gewesen. Diese Bescheidenheit spricht für ihn, doch ich möchte gegen den Menschen Köhlmeier und für den Autor Köhlmeier einwenden, wie eindrucksvoll der Text war.

Die literarische Kraft der wenigen Sätze wurde übersehen. Die Schlichtheit war ja die eigentliche Kunst, die hier überzeugte. Köhlmeier gelang es, mit einfachen Worten die Toten aufzurufen. Er ließ sie vor unseren Augen erscheinen. Er rief sie in Erinnerung. Er rief sie auf, um sich und uns ihren Fragen zu stellen. „Was wirst du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, von deren Mitgliedern immer wieder einige, nahezu im Wochenrhythmus, naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abgeben?“

Nein, meinte Köhlmeier hernach, mutig sei er nicht gewesen. Ich wage, in aller Freundschaft, auch das zu bezweifeln. Er durchbrach das Zeremoniell. Er beging einen Regelverstoß vor der ganzen Nation. Nicht alle waren begeistert. Viele stimmten seinen Sätzen nicht zu, und von jenen, die das denken, was er sagte, meinten nicht wenige, er hätte es dennoch dort nicht vorbringen dürfen. Es braucht durchaus Courage, um in Ruhe vor die versammelte Runde zu treten und alle Erwartungen zu brechen.

Nein, wer Politiker sein will, muss heutzutage nicht mehr mutig sein, um dem Judenhass abzuschwören.

Es wurde Köhlmeier vorgeworfen, nichts zu der Ansprache des Vizekanzlers auf dem Ball der Burschenschaftler gesagt zu haben. Strache sei, meinten manche, und Köhlmeier gab ihnen gar Recht, wirklich tapfer gewesen, als er vor den schlagenden Kumpanen jeglichem Antisemitismus eine Abfuhr erteilte.

Sicher, Antisemitismus ist nicht so super. Hier bin ich mit Strache ganz einig. Wer hätte das gedacht? Aber was sagt es über die Burschenschaftler und die Freiheitlichen, wenn es 2018 noch besonderer Kühnheit bedarf, das vor ihnen zu verkünden?

Nur seien wir ehrlich: Wo findet einer heute noch einen bekennenden Antisemiten? Wer einen wirklich nennen kann, decke ihn zu, damit er sich nicht verkühlt. Er ist ein seltenes Exemplar einer beinahe ausgestorbenen Art. Niemand will mehr einer sein. Nicht Johan Gudenus, nicht Andreas Mölzer, nicht Jeremy Corbyn, nicht Ken Livingstone, kein saudischer Imam, kein iranischer Mullah und auch nicht Mahmud Abbas.

Nein, wer Politiker sein will, muss heutzutage nicht mehr mutig sein, um dem Judenhass abzuschwören. Mutig wäre jetzt ein antisemitischer Populist, der freimütig zu seinem Judenhass steht. Anders ausgedrückt: Goebbels würde in unserer Gegenwart sicher nicht mehr Antisemit genannt werden wollen. Wäre er deswegen schon ein hochkarätiger Judenfreund? Wohl kaum. Nun ist Strache keineswegs Goebbels, und ich will – entgegen meiner Zweifel – hoffen, dass er die Abkehr vom Antisemitismus schafft, doch so sehr die Verkündung, Antisemitismus habe in der FPÖ keinen Platz, zu begrüßen ist, muss festgestellt werden, dass es bisher nur eine Absichtserklärung ist, ein Zukunftsprojekt. Wer hingegen behauptet, das sei bereits Wirklichkeit, weiß nicht, wovon die Rede ist, oder lügt.

Mutig wäre gewesen zu sagen, Antisemitismus ist immer noch ein virulentes Problem in den freiheitlichen Reihen. Mutig wäre gewesen, darauf hinzuweisen, wie die Freiheitlichen die Liebe zu den Juden nur vortäuschen, um so den Hass gegen die Muslime besser schüren zu können. Das aber sagte nicht der Vizekanzler Strache, sondern der Autor Michael Köhlmeier.

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