Er war einer der Größten

Zum Tod des israelischen Schriftstellers Amos Oz.

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Amos Oz, 1939–2018. Oz, der „Starke“, wollte als Kibbuznik Traktorfahrer werden und wurde doch ein Intellektueller, Schriftsteller und Poet. © Menahem Kahana / picturedesk.com

Nun ist er also wieder zurückgekehrt in den Kibbuz Chulda, wo er als 15-Jähriger mit einem neuen Namen ein anderer werden wollte. Der Wechsel von Klausner zu Oz, eine Art symbolischer Vatermord, ist Amos gelungen, doch das väterliche Erbe konnte er selbst als weltbekannter Autor nicht abstreifen, und letztlich hat er damit seinen Frieden gemacht. Die Klausners kamen zum Teil aus Österreich, und sie waren religiöse Gelehrte. Oz, der „Starke“, wollte als Kibbuznik Traktorfahrer werden und wurde doch ein Intellektueller, ein Schriftsteller und Poet. Als er erkannte, dass er ganz tief drinnen ein Klausner geblieben war, verließ er den Kibbuz und ging mit seiner Familie in die Wüste, nach Arad. Erst spät übersiedelte er nach Tel Aviv und am letzten Tag des alten Jahres endgültig in den Kibbuz Chulda, wo er beigesetzt wurde.

 »Das Gegenteil von einem Kompromiss
sind Fanatismus und Tod.«

Amos Oz

Liebe und Finsternis. Schon davor war er in etlichen Erzählungen in das seltsame menschliche Biotop des Kibbuz zurückgekehrt. In diesem zionistischen Mikrokosmos, der für ihn bereits die großen Themen Liebe, Verrat, Eifersucht und Tod bereithielt, verbrachte er als Schriftsteller und Mann seine Lehrjahre, wie man aus seinem allerersten Erzählband Wo die Schakale heulen ablesen kann, der erst kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Der Selbstmord seiner Mutter Fania, der den Zwölfjährigen aus der Bahn geworfen hatte, blieb, wie wir aus seinem großartigen autobiografischen Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis wissen, ein lebenslanges Trauma. Eine lebenslange Liebesgeschichte verband den säkularen Autor mit den Geschichten der Bibel, der hebräischen Sprache und den Pionieren der israelischen Literatur wie Samuel Agnon und Chaim Bialik. „Ich stehe im Schatten dieser Giganten“, meinte er 2007 in Heidenreichstein, wo ihm bei der Literatur im Nebel eine zweitägige Hommage gewidmet war, die er ebenso bescheiden wie offensichtlich genoss.

Der Friedensbewegte. Besonders außerhalb Israels wurde Amos Oz als Repräsentant der von ihm mitgegründeten Bewegung Peace Now gern als das moralische Gewissen Israels wahrgenommen. Ein naiver Pazifist war der ehemalige Feldwebel allerdings nie, vielmehr trat er pragmatisch und leidenschaftlich für Kompromisse und damit für die Zweistaatenlösung ein, denn „das Gegenteil von einem Kompromiss sind Fanatismus und Tod.“ Seine erzählende Literatur hielt der friedensbewegte Mahner von Politik frei, wie übrigens die meisten seiner schreibenden Landsleute. Und schenkte damit seinen Lesern einige der wunderbarsten Bücher unserer Zeit. Als ich ihm in Heidenreichstein bei einem Podiumsgespräch den einzigartigen Roman Allein das Meer als mein Lieblingsbuch aus seiner Feder nannte, war er fast gerührt, denn „mit diesem Buch möchte ich in der Erinnerung der Menschen bleiben“, gestand er damals.

Allein die weltweiten Reaktionen auf den Tod des vielfach Ausgezeichneten, dem nur der Nobelpreis nicht gegönnt war, haben gezeigt, dass ihm wohl die liebevolle Erinnerung der Menschen weit über ein einziges Buch hinaus erhalten bleiben wird. „Er war einer der größten Schriftsteller, die wir je hatten, vielleicht einer der besten jüdischen Schriftsteller des 20. und 21. Jahrhunderts“, schrieb sein viel jüngerer Kollege Nir Baram.

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