Fieberkurven

Der israelische Pharmavorzeigekonzern Teva ist in ernste Turbulenzen geraten. Der Aktienkurs ist abgestürzt, die Strategie bleibt ungewiss.

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Jetzt gibt es auch noch eine Sammelklage. In den USA bereiten gerade Anwälte eine solche für Aktionäre vor, die sich durch mangelhafte Informationen des israelischen Pharmariesen Teva geschädigt fühlen. Und die Aktionäre haben tatsächlich genug zu beklagen: Innerhalb der letzten 12 Monate war der Kurs von 50 Dollar kontinuierlich auf 15 nach unten gerutscht, allein der August sah in wenigen Tagen einen Absturz um beinahe die Hälfte.
Teva gilt als Aushängeschild der israelischen Industrie. 2016 setzte der global tätige Konzern mit mehr als 50.000 Beschäftigten 21,9 Mrd. Dollar um. Damit ist er der größte Generikaerzeuger der Welt. So stark gewachsen war das Pharmaunternehmen vor allem durch eine kaum unterbrochene Kette von Zukäufen in zahlreichen Ländern, etwa von Ratiopharm in Deutschland. Kritiker monierten, dass neue Marktanteile oft zu teuer erworben wurden. Zwar dürfte der Anteil der Generika, also von wirkstoffidenten nachgebauten Arzneimitteln, auch langfristig weiterwachsen – dafür sorgen schon allein die Sparzwänge in den öffentlichen Gesundheitssystemen. Aber Teva ist schon längst kein reines Generikaunternehmen mehr – im Gegenteil.
Sein einzelner größter Umsatzbringer war eine Eigenmarke, Copraxone, ein vom Weizmann-Institut entwickeltes Mittel gegen Multiple Sklerose mit langjähriger Alleinstellung. Dieses Medikament ähnelte einer Lizenz zum Gelddrucken, aber sein Markenschutz lief vor wenigen Monaten ab, und seither befindet sich Teva in einer ähnlichen Lage wie jene internationalen Pharmakonzerne, deren Umsatzrenner man selbst nach Auslaufen der Exklusivrechte nachgebaut hatte. Aus dem Jäger ist ein Gejagter geworden.

2016 setzte der global tätige Konzern Teva
mit seinen mehr als 50.000 Beschäftigten
21,9 Mrd. Dollar um.

Dazu kamen andere Probleme. Im Februar 2017 trat der Teva-CEO Erez Vigodman nach nur drei Jahren an der Spitze zurück. Er wurde für die letzten überteuerten Zukäufe verantwortlich gemacht, darüber hinaus kamen Korruptionsfälle aus der Vergangenheit ans Licht – und führten etwa in den USA zu kostspieligen juristischen Vergleichen. Sein temporärer Nachfolger Yitzhak Peterburg konnte die vielen offenen Baustellen nicht wirklich unter Kontrolle bringen, vor allem die Bedienung der hohen Übernahmekosten für die letzten Akquisitionen. Er fuhr ein drastisches Sparprogramm, verkaufte Unternehmensteile, baute Personal ab. Aber es reichte dennoch nicht für eine Trendwende. Die Folge: Der Aktienkurs fiel und fiel. Die Marktkapitalisierung, die vor wenigen Jahren bei 70 Mrd. US-Dollar gelegen hatte, grundelt bei gerade einmal knapp 19 Mrd. dahin.

Wie wird es weitergehen? Mit dem Dänen Kare Schultz bestellte der Aufsichtsrat im September zwar einen erfahrenen, leidgeprüften Pharmamanager. Schultz hatte zuletzt in seiner Heimat den Medikamentenerzeuger Lundbeck saniert, davor lange im Vorstand von Novo Nordisk gearbeitet und dessen Internationalisierung vorangetrieben. Die Börse empfing ihn jedenfalls mit einem hoffnungsvollen Kursanstieg.
Bleibt dennoch die Frage: Könnte Teva selbst ein Übernahmekandidat werden, oder wird sich das Unternehmen wieder fangen? Der stellvertretende Chefredakteur der israelischen Wirtschaftszeitung Globus, Eli Tsipori, glaubt, dass nur ein internationaler Pharmariese durch eine Übernahme das Haus in Ordnung bringen kann – freilich mit harter Hand und weiteren Sparprogrammen. Ob es schade sei, dass damit die israelische Natur des Unternehmens verloren gehe? Tsipori: „Das Unternehmen war schon lange nicht mehr israelisch. Die meisten Aktionäre sind Ausländer. Der überwiegende Anteil des Geschäfts liegt außerhalb von Israel.“ Man solle die Sentimentalität zurückstellen und an den Bestbieter verkaufen.

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