For women only – Eintritt nur für Frauen

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Weltliche Literatur, Fernsehen und Kino sind bei den ultrareligiösen Juden verboten, dennoch werden für diese Zielgruppe immer mehr Romane und Film­­­s­kripts geschrieben und produziert. Und das in erster Linie von Frauen für Frauen. Die meisten dieser Filmemacherinnen scheuen die Öffentlichkeit, doch einige rücken immer mehr ins Scheinwerferlicht und machen jetzt auch auf internationalen Filmfestivals von sich reden.

Von Daniela Segenreich

Die Zeiten, in denen streng-religiöse Mädchen und Frauen nur in den heiligen Schriften und in den Gebetsbüchern schmökerten, scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Weltliche Literatur und Filme sind jedoch nicht „koscher“ und daher nicht gestattet. Also begannen Frauen nach und nach, ihre eigene „fromme“ Literatur zu schreiben, und produzieren mittlerweile auch ihre eigenen Filme. Dabei unterliegen Texte und Skripts den in den frommen Gemeinden üblichen Sprachcodes und müssen vom zuständigen Rabbiner bewilligt werden. So ist man beispielsweise nicht „schwanger“, sondern „in guter Hoffnung“ oder „in Erwartung“, und Körperteile von Frauen werden nicht in der Öffentlichkeit benannt. Mann und Frau gehen nicht einfach „auf einen Kaffee“, und auch Redewendung wie „Ich habe mich verliebt“ oder ein Satz wie „Ich habe meinen Mann angeschrien“ sind nicht zulässig.

Die in Israel ansässige Regisseurin Dina Perlstein ist eine der erfolgreichsten Repräsentantinnen dieses Genres. Die achtfache Mutter produziert beinahe jedes Jahr einen Kinofilm, der meist sofort übersetzt und auch in Amerika und Europa gezeigt wird. Dabei muss sie sich nicht nur sprachlich an strenge Vorschriften halten, um die Aufführungsgenehmigung ihres Rabbiners zu bekommen. Wichtig ist eine didaktische oder religionsphilosophische „Message“ oder Lehre, die man mit nach Hause nehmen kann. Allein aus künstlerischem Antrieb wird nicht kreiert, und es werden auch keine philosophischen Fragen aufgeworfen oder Kritik geübt. Gewalt, Intimität und Flüche sind in diesen Skripts natürlich strengstens verboten. Männer haben in Filmen für Frauen nichts verloren und umgekehrt, wobei Filme von und für Frauen eindeutig die Vorreiter sind und die wenigen Männer in dem Metier kurioserweise unter weiblichen Pseudonymen arbeiten.

„Für ein säkulares Publikum sind diese Filme nur schwer ansehbar, weil sie so strikten und rigiden Regeln unterliegen.“
– Esthi Shoshan

Die öffentlichen Filmvorführungen sind ein absolutes Highlight, denn sie finden nur einige Male im Jahr, zu Feiertagen und Ferienzeit, in speziell angemieteten Sälen statt, dann aber in vielen Städten gleichzeitig. Die Produktionen werden von privaten Sponsoren und aus dem Kartenverkauf finanziert. Ein Ticket kostet dann oft doppelt so viel wie in einem regulären Kino, wobei der Eintritt natürlich nur Frauen und Mädchen erlaubt ist. Und damit man dann auch etwas für sein Geld bekommt, sind die Filme etwa zweieinhalb Stunden lang.

Esthi Shoshan gehört zur neuen Generation an Filmemacherinnen in Israel.

„Für ein säkulares Publikum sind diese Filme nur schwer ansehbar, weil sie so strikten und rigiden Regeln unterliegen“, erklärt Esthi Shoshan, eine aus der „neuen Generation“ an Filmemacherinnen, die mit ihrem ersten Kurzfilm HaKarah viel Aufsehen im In- und Ausland erregte. „Aber es gibt eindeutig eine Entwicklung zu mehr Professionalität, und sogar die ‚klassische‘ Dina Perlstein beschäftigt immer mehr Berufsschauspielerinnen.“ Shoshan, die bei den letzten Parlamentswahlen auch politisch für den Status der ultrareligiösen Frauen kämpfte, wendet sich an ein gemischtes Publikum und wagt auch, Kritik zu üben. Die ausgebildete Grafikerin hat erst vor Kurzem den einjährigen Filmkurs für religiöse Frauen gemacht. Wer sich in so einen Kurs einschreibt, kann meist keine Allgemeinbildung zum Thema Film aufweisen, weil das Ansehen von weltlichen Filmen ja streng verboten ist, und sogar die Ausschnitte aus den „säkularen“ Filmen, die im Unterricht verwendet werden, müssen zuerst von den Rabbinern genehmigt werden.

Rama Burshtein anlässlich der Präsentation von Filling the Void bei den Filmfestspielen von Venedig 2012.

Shoshans Mentorin an der Filmschule war Rama Burshtein, die mit ihrem Film Filling the Void auch säkularen Kinobesuchern einen Einblick in die sonst so verschlossene Welt der „haredischen“, also „gottesfürchtigen“ Juden gewährte und damit viele Lorbeeren einsteckte. Bursh­tein hat, noch bevor sie vor über zwanzig Jahren strengreligiös wurde, an der Sam-Spiegel-Filmschule in Jerusalem gelernt und war die erste fromme Filmemacherin, die nach langjähriger Regiearbeit im haredischen Sektor mit ihrem biederen langen Kleid und dem obligaten Turban auf den roten Teppichen der internationalen Filmfestivals gefeiert wurde. Jetzt hat sie in Israel gerade ihren zweiten Film, Durch die Wand, vorgestellt und den begehrten Ophirpreis für das beste Skript eingeheimst.

Im Gegensatz zu Shoshan steht Bursh-tein ihrer Gesellschaft nicht kritisch gegenüber und arbeitet mit Einwilligung ihres Rabbiners. In ihren beiden für die breite Öffentlichkeit kreierten Filmen treten zwar Männer und Frauen gemeinsam auf, halten sich jedoch an die Sittsamkeits- und Benimmregeln der streng Religiösen. Dass die Rabbiner der haredischen Gemeinde diese Filme und TV-Serien überhaupt billigen, kommt wohl daher, dass sie in ihren Gemeinden den enormen Hunger nach Kino- und Fernsehfilmen bemerkt haben und verhindern wollen, dass vor allem die jüngeren Frauen und Mädchen sich auf „nicht koschere“ Filme einlassen. Außerdem bietet das Business auch eine willkommene Einkommensquelle für die kinderreichen Familien der Regisseurinnen. Dennoch hat diese Erlaubnis vielleicht eine Pandorabox geöffnet.

Waffe der weltlichen Kultur.

Fill the Void

„Es ist unheimlich faszinierend, die Entwicklung dieses Filmgenres zu beobachten. Die Welt der Filme wurde noch bis vor einigen Jahren in den haredischen Gemeinden als schmutzig und als eine Waffe der weltlichen Kultur empfunden. Deswegen haben Filmemacherinnen, die von Geburt an haredisch sind, noch nie zuvor einen Woody-Allen-Film gesehen.“ Marlyn Vinig, Autorin, Vortragende an Filmschulen und Mutter von sieben Kindern, ist so fasziniert von diesem Phänomen, dass sie ein Buch über die Entwicklung des „frommen“ Films schrieb und gerade an ihrer Doktorarbeit zu dem Thema bastelt. Als Auslöser für die Entwicklung dieses Kinos für Frauen sieht Vinig den Bann, den die Rabbiner der strengreligiösen Gemeinden vor etwa zehn Jahren auf die Benutzung von Computern in der Freizeit ausgesprochen haben. TV-Sets sind ja bei den streng Religiösen verpönt, also fanden die meist von Männern gemachten Filme damals über das Internet oder auf DVDs ihren Weg in die Häuser ihres Zielpublikums. Mit deren Verbot übernahmen mehr und mehr die Frauen das Regieruder. Es waren zu Anfang oft Lehrerinnen, die statt der zuvor üblichen Lichtbildvorträge didaktische Filme machten, zuerst für den Unterricht, später immer mehr für öffentliche Filmvorführungen. Das Filmhandwerk erlernten sie durch „trial and error“, denn die Kurse für Regie und Film gab es zu der Zeit in diesem Sektor noch nicht.

Dass Rama Burshtein schließlich mit ihren Filmen an die Öffentlichkeit ging, führt Vinig unter anderem auf die „unterschwellige Sensualität“ in Burshteins Filmen zurück: „Sie ist ja eine ‚Ba’alat Tschuva‘, eine nicht religiös Geborene, ihre Grenzen sind anders. So etwas kommt beim haredischen Publikum nicht so gut an.“ Dennoch werden Burshteins Filme auch von mehr oder weniger religiösen Zuschauern gesehen, und die Feinheiten und Nuancen im Text und alles, was man noch zwischen den Zeilen lesen kann, versteht wohl nur das fromme Publikum. Durch die Wand soll im Frühling auch in europäischen Städten gezeigt werden.

Bilder: © Starpix / picturedesk.com

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