Die ganze Welt umarmen

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Um Freude im Leben zu finden, sind viele Menschen bereit, weit zu gehen. Thyago Ohana aus Wien geht stattdessen einfach runter auf die Straße und bietet Fremden eine kostenlose Umarmung an. Von Itamar Treves-Tchelet   

Eine Bande von gut gelaunten Menschen zieht durch Wien mit selbstgebastelten knalligen Schildern. „FREE HUGS“, steht darauf. Ihre Aufgabe ist es, möglichst viele kostenlose Umarmungen an Passanten, die eine wollen, zu verschenken. Das Ziel, überall Freude zu verbreiten, könnte naiv klingeln. Ist es aber nicht.

Pro Aktion umarmt jede Huggerin und jeder Hugger bis zu tausend Personen.

Bei solchen Aktionen ist Thyago Ohanas Stimmung besonders gut. Er versucht in seiner Umgebung eine „Party“ zu machen; spricht jede Person an; umarmt aus tiefstem Herzen alte wie junge Menschen; versucht von allen wenigstens ein Lächeln herauszulocken. Aber wie authentisch ist diese Lebensfreude? „Es geht hier in beide Richtungen“, erklärt der 30-jährige gebürtige Brasilianer. „Bei FREE HUGS geht es nicht allein ums Geben, denn du bekommst auch von den anderen ihre positive Energie.“

Eine Weltbewegung

IMG_9611Ein junger Australier, der online unter dem Pseudonym „Juan Mann“ zu finden ist, hat die FREE HUGS-Bewegung 2004 ins Leben gerufen. Zu dieser Zeit erlitt er gerade die größte Krise seines Lebens: Seine Verlobte sagte die Hochzeit ab, er musste sein Leben in London abbrechen und in seine Heimat zurückkehren. In Sydney angekommen, stand er dann vereinsamt am Flughafen und sah zu, wie alle um ihn herum sich vor Freude umarmten. Ermutigt durch eine spontane Umarmung von einem Fremden auf einer Party, kam er auf die Idee, auf die Straße mit seinem „FREE HUGS“-Schild zu gehen, um den Menschen Freude zu bereiten. Internet sei Dank, wurde die Aktion überall auf der Welt nachgemacht.

IMG_7598Ähnliche Umstände haben auch Thyago Ohana zu den FREE HUGS gebracht. Nach einer gescheiterten Ehe durchlebte er eine depressive Phase. Was ihm geholfen hat, wieder positive Energie in seinen Alltag einzubauen, war eine Umarmung, die er vor zwei Jahren in Paris bekommen hatte: „Da standen diese zwei Typen mit ihrem Kartonschlid. Instinktiv ging ich zu ihnen und bekam eine Umarmung, die mir ein Lächeln verschafft hat, das ich den ganzen Tag nicht aus dem Gesicht kriegen konnte. Somit habe ich verstanden, wie kleine Sachen meinen Tag beeinflussen können. Und wenn ich dasselbe für andere erreichen kann, dann möchte ich es machen.“

Wie eine Familie

IMG_5322Eine Weile später, bewaffnet mit einer Riesenportion Mut, sehr wenig Schüchternheit und einem Schild, entschloss er sich in Wien auf die Straße zu gehen. „Die nächsten drei Stunden waren eine pure Freude“, erinnert er sich, „ich wollte es danach öfters machen.“ Ähnliche Initiativen hätte es zwar schon vorher in Wien gegeben. „Die meisten waren aber von Menschen, die FREE HUGS einmal probiert haben, dann ein Video von sich ins Internet gestellt haben, und das war’s“, sagt Thyago. „Dann dachte ich: Wir könnten hier eigentlich eine FREE HUGS-Familie gründen.“

IMG_3044Heute finden die FREE HUGS VIENNA-Aktionen regelmäßig an belebten Orten statt. Etwa hundert Freiwillige haben schon mitgemacht. Pro Aktion umarmt jede Huggerin und jeder Hugger bis zu tausend Personen. „Touristen sind grundsätzlich abenteuerlustiger und neigen mehr dazu, es auszuprobieren“, erzählt Thyago. Mitteleuropäer seien hingegen zurückhaltender. Beleidigende Abweisungen von Passanten, die manchmal vorkommen würden, betrachtet er als „Teil der Sache“.

Einige fühlen sich sogar nach der Umarmung wohl genug, um von sich zu erzählen. Besonders jene, die sich eher am Rand der Gesellschaft befinden. Thyago sieht das Zuhören als Bonus und Aufgabe zugleich: „Die Tatsache, dass ich Jude, schwul und Ausländer bin, macht mich einfach sensibler für andere Minderheiten.“ ◗

Thyago Ohana wurde in Manaus, der Haupstadt des Bundesstaates Amazonas in Braslien, geboren. Nach dem Studium in der Yeshiva in New York ist er vor neun Jahren nach Wien gezogen. Hier studierte er Marketing und Wirtschaftsinformatik. Derzeit arbeitet er im Bereich Marketing und Graphic Design und koordiniert die FREE HUGS VIENNA-Aktionen.
freehugsvienna.org

Bilder: © freehugsvienna.org

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