„Gehören einmal gründlich gereinigt“

Den heißen Sommer über war Gerhard Geier in Salzburg unterwegs. Ein Handwagerl mit Werkzeug zog der 79-Jährige von Gasse zu Gasse. 388 Mal machte er Halt, setzte sich auf einen Hocker, packte eine Flasche mit Salzlösung, seine Poliermaschine, Bürsten und Tücher aus und begann zu putzen und zu polieren – bis die 388 Stolpersteine, die es in Salzburg Stadt gibt alle wieder glänzten.

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Gerhard Geier poliert einen der 388 Stolpersteine in der Stadt Salzburg. Er poliert gegen das Vergessen. © Aus Preserving Memorials to Holocaust victims von Fabian Chaundy für bbc

Er ist eher ein Mann der Tat als der großen Worte. Doch ein bisserl stolz scheint der pensionierte Eisenbahner und ehemalige Bahnhofsvorstand schon zu sein, dass man nicht nur in Salzburg auf seine unermüdliche Tätigkeit aufmerksam geworden ist. Sogar die BBC hat im Juli über ihn berichtet.

Vor zwei Jahren ist Gerhard Geier mit seiner Frau von Zell am See nach Salzburg gezogen. In seinem neuen Grätzel hat er einige so genannte Stolpersteine entdeckt, konnte aber die Namen der Opfer nur mit Mühe entziffern, so dunkel und verschmutzt waren sie, erzählt er im Gespräch.

Internetrecherchen. „Da hab ich mir gedacht, die gehörten einmal gründlich gereinigt. Und als ich dann erfahren hab, dass es im November 2018 ein Gedenken an die Pogromnacht vor 80 Jahren geben wird, hab ich mir vorgenommen, diese Steine bis dahin zu putzen. Ich hab dann mit dem Aktionskomitee in Salzburg Kontakt aufgenommen, ob ihnen das recht ist, weil ja auch zu befürchten war, dass vielleicht jemand angeregt wird, Teer drüber zu gießen oder sonst etwas, wenn die Steine wieder sichtbar werden und glänzen. Das Komitee war aber sehr angetan. Im Internet hab ich recherchiert, wie man das am besten machen kann, und im April 2018 angefangen. Im Internet sind auch die Verlegungsorte dieser Mahnmale angeführt, und ich hab mir daraus einen Plan zurechtgelegt, wie ich am besten gehe. Im Juli bin ich dann fertig geworden.“

»Ein Herr hat mir lange zugesehen, mir dann die Hand gegeben und danke gesagt.«
Gerhard Geier

Das heißt, „mit Einschränkungen“, ergänzt Herr Geier, denn er will ganz genau sein: „In der Linzergasse ist nämlich neu gepflastert worden, da waren die Steine heraußen und sind erst wieder verlegt worden, da muss ich einige noch reinigen.“

Wie lange er für einen Stein braucht, kommt auf den Verschmutzungsgrad und auf das Material an. „Wenn sie aus Kupfer sind, braucht man etwas länger, und der Erfolg ist nicht so sichtbar. Wenn sie aus Messing sind, brauche ich etwa 20 Minuten, ohne Wegzeit. Ich hab mir eine kleine Maschine, einen Handbohrdreher mit Akku, zugelegt, mit Polierrolle darauf, so ist es schnell gegangen.“

Positive Reaktionen. Diese Arbeit auf der Straße ist ja nicht gerade unauffällig, negative Reaktionen hat der freundliche alte Herr dabei aber nur einmal erlebt. „Da ist jemand aus dem Haus herausgekommen und hat gemeint, ob das notwendig ist und was das wieder alles kostet. Ich hab ihn aufgeklärt, dass ich das zu meiner Freude mache, und da hat er umgeschwenkt und sich beschwert, dass er nicht gefragt worden ist, ob ihm recht ist, dass hier dieser Stein liegt. Der Hausbesitzer hat ihm aber erklärt, dass das ein öffentlicher Grund ist. Sonst waren alle Leute sehr positiv. Immer wieder hat man mir was zu trinken angeboten, weil es ja heiß war oder wenn ich Wasser zum Abspülen gebraucht hab, da braucht man viel, und ich hab immer nur etwa fünf Liter mitgehabt, dann hat man geholfen. Touristen, die vorbei gegangen sind, wollten mich fotografieren, und viele, viele Salzburger. Ein Herr hat mir lange zugesehen, mir dann die Hand gegeben und danke gesagt. Ich wurde auch manchmal gefragt, warum ich das mache.“

Ja warum eigentlich? In der Familie gab es weder Täter noch Opfer, betont Geier. „Ich habe kein schlechtes Gewissen in dem Sinn, dass ich was tun muss, meine Eltern und die ganze Verwandtschaft waren nicht involviert, wir waren auch keine Verfolgten oder Deserteure.“

Aber ein politischer Mensch war und ist er immer noch, Geier war sogar einmal sozialdemokratischer Gemeindevertreter, und geschwiegen hat er nie.

„Wie einer in den 70er-Jahren in einer Runde ‚Heil Hitler‘ gerufen hat, hab ich mir das nicht gefallen lassen. Aber das wurde damals nicht ernst genommen und heute, mit der Rechtslastigkeit, sehen wir das Ergebnis.“

Ein letzter Gruß. Dass bei seinem Einmannputztrupp auch viele Emotionen mitspielen, gesteht der engagierte Pensionist gern ein.

„In der Vorbereitung hab ich im Internet immer die Geschichte zu dem Namen, zu den Menschen gelesen. Im Stadtteil Maxglan, wo ein Lager von Sinti und Roma war, sind auf einem Platz 21 Steine zusammen. Da ist mir aufgefallen, das waren ja alles Kinder, die waren zwischen 17 Tagen und drei Jahren alt. Das berührt einen dann doch sehr, sehr stark, und man denkt, was wäre aus denen geworden. Aber während die Maschine läuft, denk ich eher ans Putzen. Ich habe immer eine Autopolitur aufgetragen, damit die Reinigung länger hält, und sie nach dem Trocknen wieder abgewischt. Wenn ich dann zum Schluss mit dem weichen Mikrotuch so über den Stein gefahren bin, war das für mich fast wie ein Streicheln, ein letzter Gruß, da ist schon ein Gefühl, eine Beziehung aufgekommen.“

Im Rückblick schließt sich für Geier rein zufällig oder schicksalshaft auch ein Kreis: „Der Name auf meinem allerersten Stein in der Nähe meiner Wohnung, das war der Karl Steinocher, ein Bischofshofener Widerstandskämpfer, dessen Sohn hab ich sehr gut gekannt. Und der letzte Stein, den ich geputzt hab, das war auch das letzte Opfer, der ist am 7. Mai, also einen Tag, bevor der ganze Horror zu Ende war, zu Tode gekommen.“

Für dieses Gedenkjahr hat Geier sein ehrgeiziges Ziel erreicht. Doch möglicherweise werden die Steine in einiger Zeit trotz nachhaltiger Putztechnik wieder nachdunkeln. Wird der heute knapp 80-Jährige dann erneut zu seinem Handwagerl greifen?

„Warum nicht, wenn’s mir gut geht. Ich glaube aber, dass ich in meiner Umgebung einige animieren konnte mitzutun. In meiner Saunarunde zum Beispiel hat man mich schon darauf angesprochen. Ich habe sogar Lust bekommen, noch mehr zu tun. Es gibt in der Umgebung, im Pongau und Pinzgau, noch etwa 40 bis 50 Steine, aber da hat mir meine Frau geraten, auf mein Kreuz aufzupassen. Wegen meinem Kreuzweh hat auch gerade mein Arzt wohlwollend gemeint, ich sollt’ mit dem Stanaputzen aufhören.“ 

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