Geigen der Hoffnung

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Im Tel Aviver Atelier des Geigenbauers Amnon Weinstein befindet sich eine ungewöhnliche Sammlung. Sie besteht aus fast sechzig Streichinstrumenten, die alle mit jüdischen Schicksalen verbunden sind. Viele haben ihren Besitzern das Leben gerettet. Von Gisela Dachs

Die Koffer mit der kostbaren Fracht standen längst bereit. Sechzehn Instrumente (und ein zusätzliches als Reserve) nahm Amnon Weinstein mit ins Flugzeug nach Berlin. Er freute sich auf diese Reise; er hatte aber auch Angst vor den Emotionen, die ihn dort vielleicht überwältigen würden. Seine Frau und sein Sohn waren an seiner Seite, als dann am 27. Jänner die „Geigen der Hoffnung“ bei einem Konzert am internationalen Holocaust-Gedenktag im Kammermusiksaal der Philharmonie erklangen. Es handelte sich ausschließlich um Geigen verfolgter Juden. Weinstein hat sie in oft langjähriger Arbeit restauriert.

Motele, aus einer jüdischen Partisanengruppe, schmuggelte in seinem Geigenkasten Sprengstoff in einen deutschen Offizierclub.

Seit einigen Jahren sammelt er solche Instrumente und erforscht die Schicksale ihrer einstigen Besitzer. Meist waren das einfache Geigen, wie sie damals häufig von Juden gekauft wurden. Einige haben einen Davidstern eingraviert; ein Zeichen dafür, dass damit Klezmermusik gespielt wurde, sagt Weinstein. Der 75-jährige Israeli findet es schade, dass er nicht schon früher mit diesem Projekt begonnen hat. Vielleicht aber ist es ja gerade dieses Wissen um sein spätes Lebenswerk, das ihm eine Aura von Intensität verleiht – selbst dann, wenn er wie nebenbei spricht, ohne aufzublicken, und sich mit dem Pinsel konzentriert über alte Geigenteile beugt.

In seinem Atelier in der Schaul-Hamelech-Straße riecht es nach Farbe, Holz und Klebstoff.  Das Handwerk hat er von italienischen Meistern in Cremona gelernt und zuvor von seinem Vater Moshe Weinstein. Seine Eltern waren 1938 aus Wilna nach Palästina emigiert. Er  erzählt von dem ersten Herzinfarkt, den sein Vater erlitt, als er von der Ermordung seiner gesamten Familie im Holocaust erfahren hatte. Weil nach dem Krieg in Israel keiner mehr auf einer deutschen Geige spielen wollte, landeten viele der verstoßenen Instrumente bei ihm. Als Geigenbauer kaufte er auf, was sonst verloren gegangen wäre. Das war der Beginn einer ungewöhnlichen Sammlung, die in die Hände seines Sohnes überging.

Später war es dann ausgerechnet ein deutscher Praktikant aus Dresden, der Amnon Weinstein dazu bewog, einen Vortrag über die Geschichten dieser Geigen und die Schicksale ihrer Besitzer zu halten. Bei seinen Nachforschungen wurde Weinstein klar, dass sie viele Leben gerettet hatten. So wie den aus Lemberg stammenden Heinrich Haftel, dessen Geige neben anderen Sammlungsstücken in einer Austellung im Foyer des Kammermusiksaals zu sehen ist. Haftel  hatte bei Jenö Hubay in Budapest und bei Carl Flesch in Berlin studiert, bevor er Meisterschüler von Bronislaw Huberman wurde, der ihn dann für das von ihm gegründete Palestine Symphony Orchestra engagierte. Ohne Huberman wären viele Dutzende von Musikern samt ihrer Familien – ingesamt fast 1.000 Menschen – mit großer Wahrscheinlichkeit in Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn ums Leben gekommen.

Auf  Weinsteins Vortrag 2006 in Sachsen folgte die Idee, Konzerte zu organisieren, und die einstigen Geigen jüdischer Musiker spielten in Istanbul, Paris, Monaco, Rom, London, im amerikanischen Cleveland und zuletzt am 9. November 2013 in der alten Synagoge in Worms.

Nicht alle Besitzer hatten das Glück gehabt zu überleben. Zu Weinsteins Sammlung gehört die Geige eines Jungen, der 1944 einem deutschen Massaker entkam und sich daraufhin einer jüdischen Partisanengruppe anschloss. Motele, so hieß der Junge, schmuggelte in seinem Geigenkasten Sprengstoff in einen deutschen Offizierclub. Der Anschlag gelang, aber Motele wurde gefasst und erschossen. Sein Kommandeur brachte das Instrument nach Israel. Andere Geigen, die sich heute in Weinsteins Besitz befinden, waren in Konzentrationslagern gespielt worden.

In der Berliner Philharmonie wurde auch an Alma Rosé erinnert, eine Cousine Gustav Mahlers. Sie hatte in Auschwitz mehreren Mitgliedern ihres Frauenorchesters das Leben gerettet. Die Nazi-Mörder wollten Musik hören, und so mussten sie im Schatten von Gaskammern und Krematorien musizieren. Darüber, wie die Klänge von Beethoven dort auf ihn als KZ-Häftling gewirkt haben, hat Elie Wiesel einen Text geschrieben, der an dem Abend ebenfalls zum Programm gehörte. Der seit 2010 in Berlin lebende israelische Pianist und Komponist Ohad Ben-Ari hat für diesen Anlass eigens die Komposition Violons of hope – für Violine,Violoncello und Streicher – verfasst. Die Violonisoli spielte der ehemalige Konzertmeister der Berliner Philharmonie Guy Braunstein aus Israel. Er ist ein Klient Amnon Weinsteins, „seit er Geige spielen kann“.

Während Weinstein erzählt, ohne von seiner Präzisionsarbeit aufzuschauen, klopft es an der Tür.  Ein junger Mann mit einem alten Geigenkasten unterm Arm tritt schüchtern herein. Er bringt das Instrument seiner verstorbenen Mutter Ahuva Friedman, die als Kind in Rumänien darauf gespielt hat. Mit 13 kam sie 1948 nach Israel, inzwischen ist sie verstorben. Ihre Söhne wünschen sich jetzt, dass bei einer Gedenkfeier zu ihren Ehren die alte Geige wieder zum Leben erweckt werde. Viele Jahre lang lag das Instrument auf dem Dachboden. Weinstein schaut es sich prüfend an und sagt, es sei genau so ein typisches Instrument, auf dem Juden damals gespielt hätten. Er will mehr wissen von der Überlebensgeschichte der Mutter, aber der junge Mann verweist auf seinen großen Bruder, der wisse mehr, erinnere sich vielleicht auch an Stücke, die seine Mutter manchmal noch in Israel gespielt hätte.

Weinstein schlägt ihm einen Deal vor. Drei bis vier Monate würde er brauchen, um diese einfache alte Geige wieder so in Schwung zu bringen, dass sie nicht nur zu Hause im Familienkreis, sondern in einem richtigen Konzertsaal gespielt werden könnte. Er erklärt sich bereit, das umsonst zu übernehmen, würde sie dann aber gerne in seine Sammlung aufnehmen. So würde diese Geige mit einem kleinen Zettel in ihrem Inneren zum Andenken an die Mutter draußen in der Welt wieder „aufleben“.

Ob diese einfachen Geigen einen besonderen Klang hätten, frage ich ihn zum Schluss. „Ja“, sagt Amnon Weinstein, der selbst einmal Berufsgeiger war, und blickt plötzlich auf. „Weil die Musiker wissen, was das für Instrumente sind, und deshalb spielen sie anders, nicht 100-prozentig, sondern 1.000-prozentig.“

Bild: © flash90/Abir Sultan

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