„Gerechtigkeit herstellen, indem wir geben: Das ist Zedaka“

Georg Stern arbeitete 35 Jahre in leitenden Positionen im wissenschaftlichen Springer Verlag. Seit drei Jahren führt er in Wien-Simmering ehrenamtlich einen Sozialmarkt. Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer

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WINA: Seit 2014 bist du Obmann der Vinzenzgemeinschaft Hl. Elisabeth. Eine ungewöhnliche Funktion für einen Juden …
Georg Stern: Ehrenamtliche Arbeit für soziale oder kulturelle Projekte liegt bei uns in der Familie. Meine früheste Erinnerung dazu geht auf 1962 zurück. In diesem Jahr flohen über 100.000 Juden aus Algerien. Mein Vater, Desider Stern, organisierte im Rahmen der Vereinigung B’nai B’rith eine große Sammelaktion für Kleidung. Neben seiner politischen Arbeit war ihm auch Zedaka immer ein großes Anliegen. Er beriet Bedürftige und begleitete sie auf Ämter, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. So eine großartige Einrichtung wie ESRA gab es ja damals noch nicht.
Meine Schwester Judith Weinmann organisiert seit einigen Jahren die Österreichischen Kulturtage in Tel Aviv. Ich selbst war in meiner Jugend politisch tätig. Nach meiner Pensionierung war ich zunächst ehrenamtlich in der Schuldnerberatung des Fonds Soziales Wien tätig. Über einen Aufruf in der Presse im Herbst 2013 kam ich dann in Kontakt mit der Notschlafstelle VinziPort, die damals am Rennweg neu eröffnet wurde. So lernte ich die Dachorganisation VinziWerke und deren Gründer, Pfarrer Wolfgang Pucher, kennen. Mai 2014 wurde ich zum Obmann der Vinzenzgemeinschaft Hl. Elisabeth gewählt, die in Simmering den Sozialmarkt VinziMarkt betreibt.

Inwieweit war dein Judentum ein Thema, als du die Leitung eines katholischen Sozialvereins übernehmen solltest?
❙ Ich habe das natürlich in den Vorgesprächen mit der damaligen Koordinatorin zur Sprache gebracht. Sie erzählte mir daraufhin, dass sie zwei Semester in Jerusalem studiert hatte, und damit war das Thema erledigt. Erst später habe ich gelesen, dass die Vinzenzgemeinschaften weder ehrenamtliche Mitarbeiter noch Hilfesuchende jemals nach ihrer Religion fragen.

„Weder Ehrenamtliche noch Hilfesuchende werden nach ihrer Religion gefragt.“

Haben dein Studium der Psychologie bzw. deine langjährige Arbeit im Verlagswesen dich auf diese Tätigkeit vorbereitet?
❙ Das Wissen aus dem Studium hat mir immer sehr geholfen. Ich war zwar mein ganzes Arbeitsleben lang im selben Konzern tätig, hatte dort aber vielfältige Aufgaben, teilweise auch als Berater in Änderungsprozessen. Ohne die Fähigkeiten, zu beobachten und zu analysieren, geht das nicht. Diese Fähigkeiten helfen mir natürlich auch jetzt, da ja der Umgang mit einem Team von Ehrenamtlichen ganz anders abläuft, als man es aus der Wirtschaft gewohnt ist. Und natürlich freue ich mich, meine kaufmännischen und organisatorischen Fähigkeiten jetzt in den Dienst der guten Sache zu stellen.

Wohlfahrtseinrichtungen wird öfters vorgeworfen, lediglich Symptome der Armut zu lindern – und damit die Strukturen, die Armut überhaupt ermöglichen, erst recht zu zementieren.
❙ Das kann man auf gesellschaftspolitischer Ebene sicher so sehen. Doch das ist Theorie. Und mir geht es um praktische Hilfe. Zedaka bedeutet Gerechtigkeit, doch wird das Wort häufig auch mit Wohltätigkeit übersetzt und fast immer mit dem Verb „geben“ verbunden. Also Gerechtigkeit geben; einen Zustand höherer Gerechtigkeit herstellen, indem wir geben. Und genau das ist Wohltätigkeit. Nach Maimonides gibt es acht Ebenen der Zedaka. Die siebente Ebene beschreibt er mit „wohltätig sein in einer Weise, dass Spender und Bedürftiger nichts voneinander wissen“. Genau das machen wir im Sozialmarkt: Wir bekommen Lebensmittelspenden von der Industrie und dem Handel und machen sie jenen zugänglich, die sie nachweislich brauchen.

Welche Kundengruppen kommen in den VinziMarkt?
❙ Das sind Bezieher von Arbeitslosengeld, Mindestpensionen oder Mindestsicherung sowie Studenten, die meist aus osteuropäischen Ländern kommen. Pro Familie gibt es eine Einkaufskarte, rund 2.000 Einkaufskarten werden regelmäßig genutzt. Das scheint nicht viel zu sein und ist es doch, wenn man bedenkt, dass in ca. 40 Prozent der Familien Kinder leben. Insgesamt waren das im Jahr 2016 um die 1.550 Kinder. Wir haben auch viele muslimische Kunden, und es ist bei uns selbstverständlich, dass wir anschreiben, ob ein Produkt Fleisch enthält und wenn ja, von welchem Tier es stammt. Wir bemühen uns, zumindest fallweise auch Halal-Wurstwaren anzubieten, die aber leider sehr schwierig zu bekommen sind.

Und welche Menschen arbeiten bei euch?
❙ Wir haben drei Angestellte sowie ein großes Team unbezahlter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das sind in erster Linie die Ehrenamtlichen: zumeist Menschen in Pension, aber auch Studierende. Besonders positiv finde ich, dass auch Ehrenamtliche aus muslimischen Ländern regelmäßig bei uns mitmachen. Zu guter Letzt gibt es Praktikanten und jene, die ihre Sozialstunden bei uns leisten.

Hast du noch einen abschließenden Wunsch an die Leserinnen und Leser von WINA?
❙ Ja: Ich bin immer auf der Suche nach Unternehmen, die fallweise oder regelmäßig Lebensmittel in größeren Mengen kostenlos abgeben. Der VinziMarkt ist für jeden Hinweis und Kontakt dankbar.

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