Gut verpackte Judenschelte

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Wie bei einer wissenschaftlichen Tagung alte Ideologien wiederbelebt werden. Von Marta S. Halpert

Eigentlich ging es bei der Tagung an der Diplomatischen Akademie in Wien um den Judenretter von Budapest während der Schoa: den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg und die Spurensuche zu seinem 100. Geburtstag.

Sowohl die schwedische als auch die ungarische Regierung haben das Jahr 2012 zum Wallenberg-Gedenkjahr ernannt. Mit zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen soll eines außergewöhnlichen „Menschen in der Zeit der Unmenschlichkeit“ – so das ungarische Motto – erinnert werden. Die schwedische, ungarische und israelische Botschaft traten ebenso als Veranstalter auf wie das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung und der Zukunftsfonds der Republik Österreich als Sponsor.

[quote]„Wallenberg diente dem Leben von anderen; er widmete seine Tätigkeit der Rettung von Verfolgten und Bedrohten.“[/quote]

Die wissenschaftliche Leitung hatte Stefan Karner von der Universität Graz übernommen. Drei renommierte Historiker aus Schweden, Deutschland und den USA, die alle auch Biografien über Raoul Wallenberg verfasst haben, zeigten viele unbekannte Facetten dieser Ausnahmepersönlichkeit auf. Ein Augenmerk galt seinem immer noch nicht endgültig geklärten Schicksal – insbesondere nach der Verhaftung und Verschleppung aus Budapest. Äußerst engagiert und sehr eindringlich forderten die beiden deutschen Historiker Susanne Berger und Christoph Gann die Sicherheitsdienste der russischen Föderation (FSI, Nachfolger des KGB) – hier vertreten durch ihren Direktor, Vasilij Christoforov – auf, die Archivbestände den Forschern endlich vollständig offenzulegen.

Politik schlägt Wissenschaft

„Ich schäme mich für das, was wir nicht getan haben“, bekannte der schwedische Botschafter in Österreich, Nils Daag, und spielte damit auf die politischen Versäumnisse seines Landes nach der Verschleppung Wallenbergs an. Der Kalte Krieg habe damals auch Schweden aus Rücksicht auf die verfeindeten Großmächte falsch handeln lassen.

Auch Vince Szalay-Bobrovniczky, Ungarns Botschafter in Österreich, begrüßte die Tagungsteilnehmer mit klaren Worten: „Wallenberg diente dem Leben von anderen; er widmete seine Tätigkeit der Rettung von Verfolgten und Bedrohten. Der damalige ungarische Staat war nicht imstande, seine eigenen Staatsbürger in Schutz zu nehmen, er war sogar selber aktiv in der Verfolgung der ungarischen Juden, die letztendlich zu ihrer Vernichtung führte. Das ist die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts.“ Ungeachtet dieses sauberen Statements seitens des Botschafters in Wien gestaltete sich der Vortrag der ungarischen Historikerin Mária Schmidt zu einem Lehrstück über politische Agitation: Sie schaffte es, die heute in Ungarn gängige nationalistische Polemik einzuflechten und sparte nicht mit Kritik am ungarischen Judentum und dessen politischem Engagement seit dem Zerfall der Monarchie.

Mária Schmidt ist keine Unbekannte auf dem Feld der politischen Umdeutung der ungarischen Geschichte im Dienste der rechtskonservativen Regierungen Orbán I. und II. Sie bereitete das Konzept des zeitgeschichtlichen Museums Haus des Terrors in der Andrássy út auf und leitet das Haus seit der Eröffnung 2002. Inhaltlich hat das Museum eine Botschaft: Faschismus und Kommunismus waren gleichwertige Verbrechen – und vor allem waren die Ungarn jeweils „nur“ Opfer beider Unrechtsregime. Dadurch entsteht die ungeheuerliche Gleichung, nach der die 550.000 jüdischen Ermordeten im Jahr 1944 den rund 3.000 Opfern des stalinistischen Kommunismus zwischen 1946 und 1963 gleichzusetzen seien.

„Die Überemotionalisierung des Themas überdeckt inhaltliche Einseitigkeiten und Simplifizierungen. Sogar hier haben Parteipolitik und Ideologie Einzug gehalten“, schreibt der Pester Lloyd über das Haus des Terrors. Obwohl der heutigen ungarischen Regierung vorgehalten wird, bei heiklen Themen wohltemperiert zwischen Außenauftritt und innenpolitischen Konsum zu lavieren, hält sich Mária Schmidt in Wien nicht an diese Vorgabe.

Ihr Rezept ist sehr einfach: Sie mischt Worte des Bedauerns über das Schicksal der ungarischen Juden sehr geschickt mit altbackenen Klischees und Ressentiments.

Keine richtigen Ungarn

So gelangt sie zur antisemitischen Folgerung, dass die Juden doch an den meisten Ereignissen selbst schuld seien. Das klingt so: „Was den Juden ab März 1944, ab dem Zeitpunkt der deutschen Besatzung Ungarns widerfahren ist, war eine große Tragödie. Aber bis dahin waren sie wesentlich besser gestellt als ihre europäischen Glaubensgenossen.“ Diskriminierende Judengesetze, die Ungarn als Bündnispartner Deutschlands eigenständig beschlossen hat, bleiben unerwähnt. Schmidt räumt zwar ein, dass es schon ab 1920 einen numerus clausus für jüdische Studenten in Budapest gegeben habe, aber dieser sei 1928 aufgehoben worden. Mária M. Kóvacs von der Central European University in Budapest beweist in ihrer wissenschaftlichen Arbeit genau das Gegenteil (siehe Das Jüdische Echo 2012/13).

[quote]Sie mischt Worte des Bedauerns über das Schicksal der ungarischen Juden sehr geschickt mit altbackenen Klischees und Ressentiments.[/quote]

Ungerührt von der Tatsache, dass sich das Symposium in Wien mit dem Schicksal Raoul Wallenbergs befassen sollte, macht Schmidt einen Exkurs in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und berichtet davon, dass sich die ungarischen Juden gemeinsam mit den „Eliten des Landes“ (also den Adeligen und Monarchisten) eine „Restaurierung der früheren Verhältnisse wünschten“. Auch die „Gefühle der Erniedrigung“, die Ungarn nach dem Friedensdiktat von Trianon 1920 und dem Verlust großer Gebiete erlitt, sollen die Verfolgungen in ungarischer Eigenregie entschuldigen. Und wenn es nicht die Pfeilkreuzler und die deutsche Besatzungsmacht allein waren, die das Unglück über die Juden brachten, dann sicher auch die Untätigkeit der Westalliierten. Schmidt doziert über frühe zionistische Aktivitäten, erwähnt mehrmals die Schwierigkeiten der jüdischen Bevölkerung mit ihrer „Doppelidentität“ und verweist auf jüdische Funktionäre im Kommunismus. Um all das etwas abzuschwächen, nennt sie auch die „ungarischen Handlanger“ im Zuge der Schoa. Dennoch bleibt die Tendenz klar zu erkennen: Die eigenen Landsleute sollen relativ ungeschoren davonkommen. Von Wallenberg ist dann auch noch die Rede, als jemand der vom jüdisch-amerikanischen Joint Distribution Committee bezahlt wurde und an den US-Geheimdienst OSS (den Vorgänger der CIA) berichtet hat. Und als man sie fragt, warum sie den Retter von rund 70.000 Juden als US-Spion hinstelle: „Ich finde es in Ordnung, dass man Wallenberg dafür engagiert und bezahlt hat. Es hätte viel mehr solche Aktionen geben müssen.“

[quote]„Dass es passieren konnte, ist eine unvergleichbare und unbegreifliche Tragödie der Menschheit, ein unvergleichliches Verbrechen.“[/quote]

Schoa-Gedenken in trostlosen Ecken der Stadt

Da Mária Schmidt wegen ihres Museumskonzeptes in der Andrássy út 60 scharf kritisiert wurde – vor allem auch weil die Judenvernichtung in bloß zwei Räumen, der Kommunismus hingegen in 20 abgehandelt wird – existiert seit 2004 auch eine Holocaust-Gedenkstätte in einer ehemaligen Synagoge in der Páva utcá im 9. Bezirk von Budapest. „Es gibt keine Parkmöglichkeiten für Besucher, und man muss von der Existenz des Museums schon wissen, sonst würde es niemanden in diese trostlose Ecke der Stadt verschlagen“, kommentierte die Hamburger Zeit. Die Gedenkstätte ist nicht so zentral gelegen wie das Haus des Terrors – hier bleiben die Juden eben unter sich. Auch diese Botschaft ist klar abzulesen: Das Schicksal der Juden gilt nicht als ein natürlicher Bestandteil der gesamtungarischen Geschichte.

„Wenn wir Wallenberg gedenken, müssen wir auch der sechs Millionen Opfer des Holocaust gedenken, und wir müssen es aussprechen: Dass es passieren konnte, ist eine unvergleichbare und unbegreifliche Tragödie der Menschheit, ein unvergleichliches Verbrechen.“ So formulierte es der Botschafter Ungarns in Wien. Bis zur politisierenden Historikerin Mária Schmidt ist die Kunde vom unvergleichbaren Verbrechen noch nicht durchgedrungen.

Zur Person

Raoul Wallenberg wurde am 4. August 1912 in Kappsta in eine einflussreiche schwedische Unternehmerfamilie geboren. Sein Vater starb kurz vor seiner Geburt; mütterlicherseits hatte er jüdische Vorfahren. Sein Großvater Gustaf Wallenberg war Diplomat und schickte ihn in die USA, wo er Architektur, Englisch, Französisch und Deutsch studierte. Er sorgte auch dafür, dass der junge Raoul in Südafrika und in einer niederländischen Bank in Haifa erste Berufserfahrung sammeln konnte. Dort lernte er auch Kálmán Lauer kennen, der ihm von der Verfolgung der Juden in Ungarn erzählte.

Vom 9. Juli 1944 bis 17. Jänner 1945 setzte Raoul Wallenberg als erster Sekretär an der schwedischen Gesandtschaft sein Leben für die Rettung der vom Tode bedrohten Juden ein. Mit der Ausstellung von Schutzpässen und der Errichtung von 30 Schutzhäusern findet Wallenberg einen Weg, zehntausende Juden vor dem Zugriff der faschistischen ungarischen Pfeilkreuzler und der SS zu retten.

Vier Tage nach der Befreiung wurde Wallenberg außerhalb von Budapest von Agenten der sowjetischen Spionageabwehr verschleppt und ins berüchtigte Lubjanka-Gefängnis in Moskau gebracht. Er sei am 17. Juli 1947 an einem Herzinfarkt gestorben, behaupten die russischen Behörden. Beweise gibt es dafür bis heute keine.

2 KOMMENTARE

  1. Öhm, mir ist nicht ganz klar, welchen Vortrag der/die AuthorIn zugehört hat. Laut der Website von Frau Schmidt ist es dies:
    http://www.schmidtmaria.hu/szakma/eloadasok/ungarn_in_dem_schichsalss.html
    Es steht fern vor mir, persönliche oder politische (und wie!) Interessen in Richtung von ihr oder der Ihr tatsächlich nicht allzu fern liegenden Partei Fidesz zu wahren. Allerdings habe ich zuerst den Text des Vortrags, und dann diesen Artikel gelesen – und stehe eher weit davon, auch nur ähnliche Tendenzen wie die Authorin zu sehen… Ich habe eher das Gefühl, dass es sich um einen erneuten Fall handelt, wo man der Mode des Ungarischen Rechte-bashing huldigt, koste, was es wolle. Zwar gäbe ich auch so ziemlich vieles dafür, dass mein Land weder von diesen zynischen, arroganten, korrupten und äusserst schädlichen A…löchern, weder von den gleich korrupten, aber etwas rückhaltenden ex-Sozialisten geführt werde, aber wenn man anfängt, genau wie diese zwei Seiten statt einem seriösem Dialog nur noch einer Einbahnstrasse des fluchens zu folgen, dann kann das zu eher wenig gutem führen.

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