„Die Hälfte der Bevölkerung auszugrenzen ist unleistbar.“

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Bogaletch Gebre gilt als wichtigste Frauenrechtlerin Äthiopiens. Für ihre Errungenschaften, vor allem im Kampf gegen die Genitalverstümmelung, wurde sie mit internationalen Preisen überhäuft. Die studierte Biologin ging in Israel auf die Uni. Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Ihre Arbeit in Äthiopien genießt weltweite Anerkennung. Wie sind Sie ursprünglich dazu gekommen, im Bereich der Frauen- und Menschenrechte zu arbeiten?

Bogaletch Gebre: In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, galt die Unterdrückung von Frauen und Mädchen als normal. Trotzdem wussten wir immer, dass das nicht in Ordnung ist. Als ich später das Glück hatte, eine Gesellschaft kennenzulernen, in der Frauen sich verwirklichen können, war es mir vollkommen klar, dass ich eines Tages in mein Dorf in der Region Kembatta zurückkehre und dort für eine Veränderung kämpfe. Das sah ich als meine moralische Pflicht, und deshalb hatte ich auch nie Selbstzweifel.

„Gott hat sich offenbar etwas dabei gedacht, den menschlichen Körper so zu erschaffen, wie er ist.“

In Kembatta lebt angeblich auch eine Gruppe, die sich als jüdisch empfindet. Können Sie mehr dazu erzählen?

❙ Kembatta ist eine wunderschöne, von Bergen umgebene Region, flächenmäßig aber klein und mit ihren zwei Millionen Einwohnern zu dicht besiedelt. Die so genannten Fuga, eine abgesonderte Minderheit von ca. fünfhunderttausend Menschen, leben vom Handwerk. Sie hausen wie Nomaden, besitzen kein Land und können also jederzeit vertrieben werden. Lange Zeit galten sie als unberührbar: Wer ihnen etwas abkaufte, legte das Geld auf den Boden statt in ihre Hand.

Diese Ausgegrenzten behaupten, von Beta Israel, der jüdischen Bevölkerungsgruppe Äthiopiens, abzustammen. Ihre Physiognomie ist aber vollkommen anders, die israelische Regierung erkennt sie jedenfalls nicht als Juden an und hat nicht vor, sie nach Israel zu lassen. Die von mir gegründete Organisation KMG hat sich dafür eingesetzt, ihre Lebensqualität vor Ort zu verbessern, ihr Selbstbild zu stärken und ihre Diskriminierung zu beenden, damit sie sich in die äthio­pische Gesellschaft integrieren können.

KMG ist vor allem dafür bekannt, die Quote der weiblichen Genitalverstümmelung in Äthiopien in kurzer Zeit dramatisch reduziert zu haben. Wie ist das gelungen?

❙ Das Schwierigste war, mit den Stammesführern überhaupt ein Treffen zu organisieren, weil sie sich nicht mit einer Frau an einen Tisch setzen wollten – oder besser gesagt, unter einen Baum, weil in den Dörfern alles so geregelt wird. Auch hätten wir ihnen kaum verständlich machen können, dass Genitalverstümmelung nicht der Menschenrechtskonvention entspricht. Einer der erfolgreichsten Schritte war letztendlich, als wir sagten, Gott hat sich offenbar etwas dabei gedacht, den menschlichen Körper so zu erschaffen, wie er ist. Da hineinzupfuschen, würde unterstellen, dass Gott einen Fehler gemacht hat. So konnten wir über die Jahre immer mehr Dörfer davon überzeugen, die Mädchen intakt zu lassen.

Obwohl Sie nicht jüdisch sind, haben Sie in Israel studiert und Hebräisch gelernt. Was waren die Hintergründe dafür?

❙ Wie die meisten Äthiopier bin ich in eine christlich-orthodoxe Familie hineingeboren. Die einzige Schule in der Gegend, die Mädchen aufnahm, wurde von einer protestantischen Mission betrieben. In unserer Familie hatte ich die Aufgabe, Wasser zu holen. Also ging ich sehr früh am Morgen mit dem Topf hinaus, versteckte diesen im Gebüsch und besuchte heimlich die Schule, wo ich unter anderem Lesen und Schreiben lernte. Als die Familie beim Frühstück saß, kam ich mit dem Wasser nach Hause, und niemand ahnte, dass ich bereits einige Stunden Unterricht bekommen hatte. Natürlich verfolgte die Schule auch die Absicht, mich zum Protestantismus zu konvertieren, und meine Eltern wussten lange nicht, dass ich nicht mehr orthodox war. Heute bin ich konfessionslos spirituell.

Und wie kamen Sie nach Israel?

❙ Nach meinem Schulabschluss nahm ich an einem internationalen Bibelwettbewerb teil, der von Israel aus veranstaltet wurde. Als nationale Siegerin bekam ich eine Einladung nach Israel, um dort als Finalistin mein Land zu repräsentieren. Der Wettbewerb wurde Ende Oktober abgeschlossen, in Äthiopien fängt die Uni aber bereits im September an. Ich wollte nicht zwei ganze Monate verpassen, also fragte ich die Veranstalter, ob ich nicht gleich in Israel bleiben und dort studieren dürfe. Erfreulicherweise organisierten sie mir ein Stipendium, und so konnte ich dreieinhalb Jahre Biologie studieren. Dieses Studium schloss ich dann in den USA mit dem Doktortitel ab. Eigentlich ist meine Geschichte nicht ungewöhnlich. An israelischen Universitäten fand man damals zahlreiche nichtjüdische und nichtisraelische Studenten, auch aus Afrika. In den 1960er-Jahren war Israel weit weltoffener, als es heute ist.

Vor Kurzem versprach die Regierung Äthiopiens, bis 2025 den Status eines so genannten Schwellenlandes zu erreichen. Ist das in neun Jahren möglich?

❙ Das ist leider vollkommen utopisch, es müsste nämlich eine flächendeckende gesellschaftliche Umstrukturierung stattfinden. Kein Land kann es sich wirtschaftlich leisten, die Hälfte seiner Bevölkerung – nämlich die Frauen – aus der Berufswelt auszugrenzen.

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