Hineinzoomen in die NS-Vergangenheit Wiens

Zwei interaktive Webprojekte ermöglichen nun einen Blick in das Wien der NS-Zeit. Memento des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) dokumentiert den letzten Wohnort der von den Nationalsozialisten Ermordeten. Das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Forschung (VWI) macht wiederum die Zwangsarbeit von ungarischen Jüdinnen und Juden in der Stadt sichtbar.

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Nach Auschwitz deportierte ungarische Juden wurden nach Österreich verkauft und fanden sich oft in Wien wieder.

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Österreicherinnen und Österreicher wurden 1938 nach den Bestimmungen der Nürnberger Rassengesetze als jüdisch deklariert. 185.000 von ihnen lebten in Wien, davon konnten 135.000 Menschen fliehen oder wurden vertrieben. Rund 48.000 Menschen wurden aus Wien deportiert. Jene, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, wurden im Rahmen eines langjährigen DÖW-Projekts namentlich erfasst. Insgesamt gab es rund 66.500 österreichischen Schoah-Opfer.

In einer Datenbank auf der Webseite des DÖW kann schon seit Jahren nach den Namen von NS-Opfern gesucht werden. Mit Memento hebt das Dokumentationsarchiv seine Forschungen nun aber auf eine neue Ebene. Unter der Leitung des Historikers Wolfgang Schellenbacher wurde eine interaktive Karte Wiens entwickelt. Für die Bezirke, für die das DÖW mit der jeweiligen Bezirksvorstehung eine Finanzierung vereinbaren konnte, pflegt das Team nun nach und nach die Namen der Ermordeten an den jeweiligen Adressen ein und verknüpft sie mit diversen Fotos und Dokumenten aus anderen Archiven wie dem Wiener Stadt- und Landesarchiv, aber auch internationalen Einrichtungen wie dem Staatsarchiv Belgiens.

Der Wiener Bezirk mit den meisten Einträgen ist die Leopoldstadt. Über 31.000 NS-Opfer hatten hier ihre letzte Wohnadresse. Nicht alle von ihnen haben in diesem Bezirk einst ihr Leben verbracht. „Aus ganz Wien wurden hierher Menschen umgesiedelt“, so Schellenberger bei der Präsentation des Projektteils Memento Leopoldstadt in den Räumlichkeiten von ESRA, an dessen Platz einst der Leopoldstädter Tempel stand. Besonders dicht wird die Anzahl der aus einem Haus deportierten NS-Opfer rund um den Donaukanal. Sieht man sich etwa die Rembrandtstraße an, ist zu erkennen, dass dort von den Nazis überdurchschnittlich viele Sammelwohnungen angelegt worden waren. Schellenberger spricht von „verdichteter Ghettoisierung“.

Klickt man auf eine konkrete Adresse, zeigt Memento an, wie viele Menschen, die hier ihre letzte Wohnadresse hatten, schließlich von den Nazis ermordet wurden. Von manchen gibt es ein Foto, etwa eines, das von der Gestapo angefertigt worden war, oft wird die entsprechende Deportationsliste eingeblendet. Gibt es ein Foto des Hauses vor oder in der NS-Zeit, erlaubt es einen weiteren Blick in die Vergangenheit. Besonders bedrückend ist es etwa, die Adresse Novaragasse 32 anzuklicken: 247 Personen wurden von hier deportiert. Aus dem Haus Zirkusgasse 3 wurden 226 Menschen in den Tod verschleppt.

Noch können im Rahmen von Memento nicht die Namen der NS-Opfer in allen Wiener Bezirken eingetragen werden, denn das DÖW ist jeweils auf die finanzielle Unterstützung des Bezirks angewiesen. Für die Grüne Uschi Lichtenegger, Bezirksvorsteherin des zweiten Bezirks, war die finanzielle Beteiligung eine Selbstverständlichkeit, wie sie anlässlich der Präsentation betonte. Projekte wie dieses seien in einer Zeit, in der sie der Geschichtsrevisionismus (Stichwort: Denkmal für Trümmerfrauen) an die Waldheim-Zeit erinnere, sehr wichtig.

Bewegt erinnern. An andere Opfer der NS-Zeit erinnert ein weiteres Kartenprojekt. Das VWI hat den Einsatz von jüdischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen aus Ungarn nun online dokumentiert. Basierend auf der Intervention Bewegt erinnern aus dem Jahr 2014 wurde das Schicksal ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter in Wien in den Jahren 1944 und 1945 topografisch dargestellt. Hier wurden im Bereich des ehemaligen Gaus Groß-Wien die einzelnen Orte der Unterbringung, Versorgung und Beschäftigung von Zwangsarbeitern eingetragen und beschrieben.

Besonders bedrückend ist es etwa, die Adresse Novaragasse 32 anzuklicken: 247 Personen wurden von hier deportiert.

Memento. Klickt man auf eine Adresse, wird angezeigt, wie viele Menschen, die hier ihre letzte Wohnadresse hatten, schließlich von den Nazis ermordet wurden.

Eichmann ließ 15.000 bereits zur Deportation nach Auschwitz vorgesehene ungarische Juden von Kasztner gegen 100 Dollar pro Kopf „abkaufen“.

Im März 1944 hatte die deutsche Wehrmacht Ungarn besetzt. Ab April des Jahres wurde das Gros der verfolgten Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet oder für Zwangsarbeit in einen Teil des damaligen Deutschen Reichs verschleppt, darunter etwa auch ins KZ Mauthausen. Mehr ungarische Juden fanden sich am Ende allerdings in Wien wieder als in Mauthausen. Rezsö Kasztner, stellvertretender Leiter des „Budapester Komitees für Hilfe und Rettung“ verhandelte im Sommer 1944 mit Adolf Eichmann über einen Freikauf von ungarischen Jüdinnen und Juden. Gleichzeitig beantragte der Wiener NS-Bürgermeister Hanns Blaschke Zwangsarbeiter, um den akuten Arbeitskräftemangel in Wien zu lösen.

So ließ Eichmann schließlich 15.000 bereits zur Deportation nach Auschwitz vorgesehene ungarische Juden von Kasztner gegen 100 Dollar pro Kopf sozusagen abkaufen. Die Administration dieses Zwangsarbeitereinsatzes wurde in der Castellezgasse 35 untergebracht. Die nach Wien Verschleppten wurden in der Stadt in Wohnlager der Gemeinde, in Arbeitsstätten und Fabriken einquartiert. Von dort erreichten sie ihre Arbeitsorte zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Damit war, wie das VWI festhält, „in einem ‚judenreinen‘ Wien die Bevölkerung mit den Entbehrungen und dem Leid dieser ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen unmittelbar und unübersehbar konfrontiert“. Insgesamt wurden 55.000 ungarische Zwangsarbeiter nach Österreich verschleppt, 26.000 von ihnen überlebten nicht. Das Onlineprojekt macht nun deren Präsenz im Wien der letzten Kriegsjahre sichtbar. 


WEBLINKS:

Memento Wien ist ein Onlineinformationstool über die Schicksale der Opfer der NS-Diktatur im Zentrum Wiens.
memento.wien

Ungarische Zwangsarbeit in Wien zeigt die Topografie ungarisch-jüdischer Zwangsarbeit in Wien 1944/45.
ungarische-zwangsarbeit-in-wien.at

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