Kein Gras wächst über die Erinnerung

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Die Errichtung einer Gedenkstätte und eines Freilichtmuseums zur Erinnerung an die Massaker im Kreuzstadl Rechnitz ist Paul Gulda und seinen Mitinitiatoren zu danken. Von Marta S. Halpert

Sechs Schicksale

Auf den Schautafeln des kleinen Freilichtmuseums kann man sechs Schicksale nachlesen. Ein vergilbtes Foto zeigt einen schmächtigen jungen Mann in Uniform: „Gábors Vater Géza. Er und sein Zwillingsbruder Árpád werden 1887 in Ungarn geboren. Géza dient im Ersten Weltkrieg in der k.  u.  k. Armee als Offizier. 1932 heiratet er und führt gemeinsam mit seiner Frau ein Samen-Import-Geschäft.  Ab 1941 wird er zum Arbeitsdienst beim ungarischen Militär gezwungen, davor wird ihm der Offizierstitel aberkannt. Gábor und seine Mutter können mit falschen Papieren in Budapest überleben. Am 28. November 1944 trifft Géza seine Frau zum letzten Mal, am nächsten Tag wird er gemeinsam mit seinem Bruder nach Köszeg/Güns deportiert. Ein Überlebender bezeugt, dass Géza seinen Bruder Árpád, der sehr schwach ist und selektiert wird, nicht allein lassen will und mit ihm auf den Transport nach Rechnitz geht. Dort werden beide beim Kreuzstadl-Massaker ermordet.“

Der elegante, hoch gewachsene Mann mit dem weißen, dichten Haar ist um Fassung bemüht. Er steht auf einem grünen Rasenstück, das die letzten 67 Jahre seines Lebens dominiert hat: Beim Massaker im Kreuzstadl von Rechnitz wurde sein Vater in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 ermordet. Gábor Vadász, Facharzt für Chirurgie in Budapest, steht bei seiner Gedenkansprache auf einem Flecken Erde, ohne zu wissen, ob gerade hier dessen Gebeine verscharrt sind. „Tief betroffen stehe ich erneut auf dem Boden der verschwundenen Gebeine. Es ist schrecklich und schmerzlich, dass Rechnitz die Ruhestätte der rund zweihundert Toten bis heute geheim hält“, so Vadász. „Aber ich bin dankbar, dass ich noch erleben darf, dass das gleiche Rechnitz nun bereit ist, die Schreckenstaten der Großväter und Urgroßväter aufzuarbeiten.“ Der Budapester Arzt war im März 2012 der Hauptredner bei der Gedenkfeier für alle Opfer des Südostwallbaus und nahm an der Eröffnung des Freilichtmuseums Kreuzstadl teil. Zu den rund 400 Gästen zählten auch Bundespräsident Heinz Fischer, Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sowie der Oberrabbiner und Kantoren aus Wien und Budapest.

Das Massaker im Kreuzstadl fand nur wenige Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in Rechnitz statt

Am 24. März 1945 wurden an die 1.000 ungarische Juden von Köszeg/Güns mit der Eisenbahn nach Burg/Ovár im Burgenland transportiert, wo sie beim „Südostwallbau“ als Zwangsarbeiter eingesetzt werden sollten. Die geplante Verteidigungsanlage an der Grenze zu Ungarn sollte in erster Linie das Vorrücken der sowjetischen Truppen nach Wien stoppen. Zweihundert der deportierten, völlig erschöpften Menschen wurden jedoch wieder zum Bahnhof Rechnitz zurückgeleitet, da sie für den Arbeitseinsatz teils zu krank, teils körperlich zu geschwächt waren. Dort warteten sie, während 18 jüdische Zwangsarbeiter – die am nächsten Tag als Tatzeugen auch ermordet wurden – zwischen fünf Uhr nachmittags und zwei Uhr früh ihr etwa 200 Meter langes und zwei Meter tiefes Grab auszuschaufeln hatten. Zur gleichen Zeit feierten die örtlichen Nazi-Größen inklusive Bürgermeister ein Fest im Verwaltungsgebäude von Schloss Batthyány.

Mauern von Kreuzstadl RechnitzEs ist ungeklärt, ob das Grafenpaar daran teilgenommen hat. Jedenfalls sagte später der LKW-Unternehmer Ostermann als Zeuge aus, dass er zwischen ein und drei Uhr morgens insgesamt sieben Mal jeweils 30 bis 40 Juden transportiert habe. Die Opfer waren vollkommen entkleidet und kippten durch Kopfschüsse in die Grube. „Mit Sicherheit handelte es sich nicht um ein mörderisches ‚Party-Vergnügen‘ eines betrunkenen Haufen Nazis. Das Verbrechen war – möglicherweise recht kurzfristig – geplant und organisiert worden.“

Nur der Initiative von Privatpersonen ist es zu danken, dass die Erinnerung an die Opfer des Rechnitzer Kreuzstadl-Massakers bis heute wach gehalten wurde: Der Pianist und Komponist Paul Gulda, Sohn von Friedrich Gulda und Paola Loew, setzt sich seit 1991 für die Initiativgruppe R.E.F.U.G.I.U.S (Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative und Stiftung) ein: „Wir wollten keinesfalls Teil der schweigenden Mehrheit sein.“

18 jüdische Zwangsarbeiter mussten das Grab für die 200 zu ermordenden Juden ausheben - auch sie wurden am Tag nach dem Massaker umgebracht.

„Meine Mutter lebte 100 Jahre“, erzählt Gábor Vadász, „sie versuchte in den letzten 67 Jahren von den verschiedensten österreichischen Behörden Antwort auf ihre Fragen zu erhalten. Mit der ersten Ausreiseerlaubnis kamen wir hierher, in den damals noch im Maisfeld verborgenen, verfallenen Kreuzstadl. Immer wieder fragten wir die älteren Bürger der Stadt nach dem Massengrab. Wir sind auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.“

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