Keine weiße Weste

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb hat die Geschichte des gemeinnützigen internationalen Rotarier-Netzwerks in den 1930er-Jahren untersucht.

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Fritz Löhner-Beda schrieb 1926 den Text zu Franz Lehárs Rotary-Hymne. © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com/Karl Winkler

Meist gründet man gesellige, der Wohltätigkeit verschriebene Clubs mit hohen ethischen Grundsätzen im Privat- und Berufsleben in friedlichen Zeiten. Doch die Bewährungsprobe für die Einhaltung der hehren Ziele kommt für die einzelnen Clubmitglieder erst bei politisch rauem Seegang. So geschehen auch bei den Rotariern: 1905 in Chicago von Rechtsanwalt Paul Harris und drei Freunden gegründet, wurde der erste Rotary Club in Wien mit 30 Mitgliedern am 15. September 1925 eröffnet.

„In den 1930er-Jahren waren auch die Rotarier ein Spiegelbild der österreichischen und deutschen Gesellschaft, so wie der internationalen Öffentlichkeit mit all ihren Schwächen und Stärken“, erklärt Univ.-Prof. DDr. Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte und selbst Rotarier. Er hat sich seit einem Jahr intensiv mit der Geschichte der elf Rotary Clubs in den 1930er-Jahren in Österreich auseinandergesetzt und konnte sich dabei auf bisher unbeachtetes Quellenmaterial stützen, das 1938 von der Gestapo beschlagnahmt worden war.

Untersucht wurden sowohl die Anpassung an das nationalsozialistische Regime und die Rolle österreichischer Rotary-Spitzenfunktionäre bei den Verhandlungen mit NSDAP-Vermittlern und Adolf Hitler selbst sowie der Ausschluss von jüdischen Mitgliedern und Freimaurern. Der vorauseilende Gehorsam mancher Funktionäre konnte letztlich die Zerschlagung der österreichischen Clubs nach dem „Anschluss“ 1938 durch die Nationalsozialisten auch nicht verhindern. Ohne Tabus thematisiert Rathkolb die politischen Karrieren führender Rotarier, die Rolle von NSDAP- und SS-Mitgliedern vor 1938 und im NS-Regime, aber auch die Verfolgung jüdischer Mitglieder und politischer Gegner des Nationalsozialismus.

Wie gingen Rotary-Clubs mit dem Nationalsozialismus um, und wie werden sie es mit Diktaturen des 21. Jahrhunderts halten.

Bei der Gründung von Rotary in Österreich 1925 waren jüdische Unternehmer federführend: Oskar Berl, ein ehemaliger kaiserlicher Kohlengroßhändler mit Gruben in Böhmen und Ungarn, sowie Moritz Rothberger, Besitzer eines großen Warenhauses am Stephansplatz. Im Wiener Club gab es außer einigen Ärzten, Advokaten und Universitätsprofessoren auch eine Reihe von Künstlern, u. a. den Schriftsteller Felix Salten und den Architekten Clemens Holzmeister. Der prominenteste rotarische Künstler in Österreich war der Komponist Franz Léhar, der 1926 eine Rotary-Hymne komponierte, den Text dazu verfasste Fritz Löhner-Beda. Die Hymne wird bis heute in Österreich und international ausschließlich mit Léhar assoziiert: Der 1942 im KZ Auschwitz erschlagene Löhner-Beda wurde und wird konsequent verschwiegen. Léhar, der zwar couragiert für seine jüdische Frau kämpfte und als einer der Lieblingskomponisten Hitlers ihr Überleben während des NS-Terrors sicherte, unternahm nichts, um seinen Librettisten aus dem KZ zu holen.

Rotary International hatte bereits seit den 1920er-Jahren keine Berührungsängste mit faschistischen und autoritären Diktaturen. Dies obwohl nach 1918 der transnationale europäische Geist bei den Rotariern vorherrschte. Bereits 1924 wurde Benito Mussolini in einem amerikanischen Rotariermagazin sehr ausführlich und positiv porträtiert. Auch Besuche von führenden internationalen Rotariern in diktatorischen Regimen wie Horthys Ungarn oder bei Dollfuß in Österreich waren keine Seltenheit. Dennoch formulierten noch 1931 rund 4.000 Rotarier im Wiener Konzerthaus anlässlich der Vienna Convention einen klaren Abrüstungsappell an die Staatengemeinschaft. Trotz all dem waren es einzelne deutsche Clubs, die sofort nach der NS-Machtübernahme ihre jüdischen Mitglieder ausschlossen. Auch der politisch verfolgte Thomas Mann wurde aus dem Club in München geworfen.

Heute gibt es in Österreich zwei Distrikte mit etwas über 8.000 Rotariern in 163 Clubs, diese sind für Männer und Frauen zugänglich und betreuen auch Bosnien-Herzegowina sowie die Rotarische Jugend zwischen zwölf und dreißig Jahren. „Für die Zukunft kann man zweifellos die Frage mitnehmen“, resümiert Oliver Rathkolb, „wie Rotary Clubs mit Diktaturen im 21. Jahrhundert umgehen, ohne ihre hohen ethischen Ideale zu verbiegen oder zu verraten“. 

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