Leben nach dem Überleben. Erinnerungen an ein Wien nach dem Krieg

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Manche sind zurückgekommen, um nach überlebenden Familienangehörigen zu suchen, andere aus Liebe. Viele blieben zufällig in Wien.

Sie berichten von Reichenau, Helmers Worten in der Ministerratssitzung, den Geschäften am Salzgries, den Kaffeehäusern, der Waldheim-Affäre, Vranitzkys Ansprache und der Entwicklung der IKG in all diesen Jahren – Erinnerungen an historische Ereignisse, die das Stadtbild und die Entfaltung einer Stadt entscheidend geprägt haben.

Fotos: Daniel Shaked | Text: Daphna Frucht

Peter Landesmann

Wo wollen Sie denn leben? Überall gibt es Antisemitismus! Ich möchte in keiner anderen Stadt leben als in Wien.

Landesmann-by-Daniel-Shaked--1710In seiner typisch wienerischen Umgebung fühlte sich Peter während seiner Kindheit recht wohl. Es waren vielleicht sechs oder sieben jüdische SchülerInnen in seiner Klasse in der Strohgasse, und das Jüdischsein hatte damals keine besondere Bedeutung für Peter – er war Jude und feierte die jüdischen Feiertage. Es war auch kein Thema, dass die Mitschüler keine Juden waren. Als Sechsjähriger begleitete Peter seinen Vater zu den Feiertagen in die Synagoge in der Unteren Viaduktgasse. Im Gegensatz zur unglaublich dunklen und düsteren Rochuskirche, die der neugierige Bub zuvor mit seinem Kindermädchen besichtigt hatte, beeindruckte ihn hier die fröhliche und freundliche Atmosphäre der hellen Synagoge, in der alle in weißen Mäntel gekleidet waren – es war wahrscheinlich Rosch ha-Schana.

1938 hatte Peter sein erstes antisemitisches Erlebnis: Die jüdischen SchülerInnen wurden damals separiert, ein Mitschüler, mit dem es bis dahin keine Differenzen gab, nannte ihn „Schweinejude“. Als Peter sich bei der Lehrerin beschwerte, versuchte diese, die Situation zu applanieren. 1938, nach Absolvierung der vierten Klasse Volksschule, emigrierte die Familie nach Budapest, was als ungarische Staatsbürger unproblematisch war. Doch zuhause wurde weiterhin nur Wienerisch gesprochen, und da die Eltern Ungarisch lediglich als „Geheimsprache“ verwendeten, kam diese Sprache Peter damals sehr verdächtig vor.

Wohnzimmer-by-Daniel-Shaked--0547Peters Vater besaß Betriebe in Wien, sodass sich die Frage nicht stellte, ob man nach Wien zurückkehren würde, sobald dies wieder möglich war. Doch ein Nazi-Paar hatte die Wohnung im dritten Bezirk übernommen und bat nun den Vater, wegen der Krankheit der Frau in einem Zimmer bleiben zu dürfen. 1948 erklärte der damalige Innenminister Oskar Helmer (SPÖ), dass Österreich sich mit der Rückstellung Zeit lassen solle. Und als dann die Besatzungsmächte abgezogen waren, reklamierte das Ehepaar die Wohnung für sich. Die Waldheim-Affäre der 1980er-Jahre bedeutete für Peter eine zwiespältige Situation: „Einerseits habe ich die Art Waldheims, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, verurteilt; andererseits habe ich die überzogenen Angriffe des Jewish World Congress ebenfalls verurteilt, weil es uns Juden in Österreich ins Abseits gestellt hat. Im Nachhinein betrachtet haben die damaligen Ereignisse die genauere Beschäftigung mit der Vergangenheit ausgelöst.“ Mit der Erwirkung eines Ehrendoktorats für Franz Vranitzky an der Hebräischen Universität von Jerusalem (1993), nach dessen wichtigen Worten zur österreichischen Mitschuld im Jahr 1991, konnte Peter an der Veränderung dieser Situation aktiv mitwirken. ◗

Peter Landesmann
Prof. Peter Landesmann, geb. 1929 im dritten Wiener Gemeindebezirk. Volksschule in der Strohgasse. Während des Krieges in Budapest. 1947 Rückkehr nach Wien. 1959 Heirat mit Ellen Urabin. Später Hon.-Prof. DI DDDr. Studien an der Universität Wien. Die Juden und ihr Glaube (1987) erschien bereits in der 5. Auflage.

Hava Bugajer

Früher war Wien am Ende der Welt, und dann stand Wien im Zentrum.

Bugajer-by-Daniel-Shaked--1441Als Studentin ist Hava im Oktober 1970 für eine Woche nach Wien gekommen. Am nächsten Tag hat sie ihren späteren Ehemann im Café Europa auf der Kärntnerstraße kennen gelernt. Als Hava wegen eines defekten Autos auf den Abschleppwagen wartete – damals war es noch keine Fußgängerzone –, hat ihr zukünftiger Mann ihr einen Platz angeboten. „Ich hatte zwar ein Forschungsprojekt in Basel, bin jedoch geblieben, weil mich mein zukünftiger Mann nach Wien geholt hat“, erzählt Hava mit freudiger Stimme. Die gemeinsame Wohnungssuche diente als Heiratsantrag, und im Januar 1971 wurde zuerst in Wien – was ihren Eltern verheimlicht wurde – und anschließend in Israel geheiratet. „Die Eheringe haben wir ausgezogen, meine Eltern holten uns vom Flughafen ab, und Richard musste im Hotel schlafen“, erzählt Hava mit einem verschmitzten Lächeln.

Wohnzimmer-by-Daniel-Shaked--1362Seit Januar 1971 ist Hava in Wien ansässig. Anfangs hat es ihr nicht gefallen. Nach Israel und der Schweiz schienen alle Menschen gleich, und kulturell war alles altbacken. Außerdem war die Stadt nicht sonderlich schön – die Häuser waren heruntergekommen, und alles war grau. Über das Geschehene wurde auf keiner der Seiten gesprochen. Havas Ehemann, der ein Kind der Schoa war, hatte einen anderen Zugang, was Hava sehr imponierte. Die Kultusgemeinde war damals klein, viele Familien spielten mit dem Gedanken auszuwandern und waren weniger wienbezogen. Das Ehepaar Bugajer spielte ebenfalls mit dem Gedanken, nach Israel zu gehen, wegen der Krankheit ihres Mannes gaben sie jedoch ihre Pläne wieder auf.

Seither hat sich sehr viel in Wien geändert. Laut Hava ist die Stadt in den späten 70er-, frühen 80er-Jahren zum Leben erwacht. Als 1991 Vranitzky in Israel das Schuldbekenntnis Österreichs aussprach, saß sie im Publikum: „Wir hatten große Achtung vor ihm: Es war eine Wagnis.“ Mit der Geburt des Sohnes 1979, der in den jüdischen Kindergarten im 9. Bezirk ging, bekam Hava mehr Kontakt zur jüdischen Gemeinde, die in ihren Augen noch mehr an Bedeutung gewonnen hat, als Ariel Muzicant 1998 ihr Präsident wurde: „Er hat Farbe bekannt, hat nicht geschwiegen, und er hat keine Angst gehabt.“ Die Zeiten haben sich damit vielfach geändert. ◗

Hava Bugajer (geb. Gleitman)
Dr. Hava Bugajer, geb. in Israel, Studium der Medizin in Basel. 1971 Heirat mit Richard Bugajer und Umzug nach Wien. Seit Ableben des Mannes 1998, Leiterin des Helia-Ambulatoriums für physikalische Medizin am Fleischmarkt, das ihr Mann aufgebaut und hinterlassen hat. Seit 2004 Präsidentin von WIZO Österreich.

Marko & Hanna Feingold

Mein Geschichtsunterricht endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Danach gab es nichts mehr.

Feingold-by-Daniel-Shaked--1559Am Max-Winter-Platz – damals Sterneckplatz – im zweiten Bezirk ging Marko zur Schule. Der Direktor machte sich mit seinem grauen Mantel drei Meter breit, sobald er jüdische Kinder am Gang sah, um diese anzurempeln. Markos Vater war Vertreter und damit stets unterwegs. 1938 musste die Familie ihre Pässe in Wien verlängern. Damals hat man nicht gewusst, was in den nächsten Tagen passieren wird. „Wer war am Heldenplatz, als Hitler seine Rede gehalten hat?“, fragt Marko zynisch, „ich gebe es zu: der Führer und ich.“ Danach verdichteten sich die Ereignisse, und Marko wurde nach Buchenwald deportiert.

Nach seiner Befreiung aus der Hölle wollte Marko nach Wien zurück, weil seine Familie von da aus in alle Richtungen auseinandergerissen wurde, um am Ausgangspunkt nach möglichen Hinterbliebenen zu suchen. Doch als die österreichischen Buchenwald-Überlebenden 1945 versuchten, in ihre Heimatstadt zurückzukehren, wurden sie an der Zonengrenze an der Enns abgefangen. Karl Renner verwehrte ihnen, nach Wien zu kommen, „weil er 1938 den ‚Anschluss‘ gewollt hatte und nun Angst davor hatte, alles zurückgeben zu müssen, was er gestohlen hatte.“ So kam Marko durch Zufall nach Salzburg. Später war er Innenminister Oskar Helmer dankbar, dass er ihm 1947 geholfen hat, 5.000 Juden über die Krimmler Tauern nach Italien zu bringen, „denn er wollte die Juden los werden“, erzählt Marko lachend. Die Österreicher haben 69 Jahre gebraucht. „Wenn das Ausland nicht auf Österreich eingeredet hätte, würden wir noch immer um unsere Existenz kämpfen. Wie konnte man im Parlament fordern, die Sache [Restitutionen] in die Länge zu ziehen?!“, fragt Marko immer noch erstaunt.

feinHanna, die Max liebevoll „Herr Hofrat“ nennt, wurde 1948 in Wien geboren. Die beiden lernte einander bei einem Seminar in Eisenstadt kennen. In der Familie hatte Hanna angeheiratete Juden, die nach Südamerika emigriert waren. Ihre Großmutter lebte in der Adalbert-Stifter-Straße gegenüber vom heutigen JBBZ. Hanna erinnert sich heute noch verwundert an den Geschichtsunterricht, der mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs endete.

Marko, der mit über 100 Jahren immer noch zahlreiche Vorträge hält, war vor Kurzem auch Teil des großen Erfolg des ungewöhnlichen Theaterprojektes von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann, Die letzten Zeugen, im ausverkauften Burgtheater: 13 Vorstellungen in Wien und weitere Gastauftritte in Berlin, Hamburg und Dresden. Es war ein fulminanter Erfolg und ein Zeichen dafür, dass die Zeiten sich doch ein wenig geändert haben. ◗

Marko Feingold
Hofrat Marko Feingold, geb. 1913 in Neusohl (heute Slowakei), ist u. a. in Wien aufgewachsen. Volks- und Unterrealschule in Wien-Leopoldstadt. 1938 in Buchenwald Beginn des Leidensweges durch mehrere Konzentrationslager. 1945 Rückkehr nach Österreich. Seit 1977 in Pension und Präsident der IKG Salzburg.

Georg und Elli Haber

In der nicht-jüdischen Welt wurde das positiv aufgenommen, denn wenn man selbstbewusst auftritt, wird man eher respektiert.

georg1948 ist Georg mit seinen Eltern aus Palästina nach Wien zurückgekehrt. Für ihn als Kind war es schlimm, nach Wien zurückzukommen. Wien war finster, kalt, überall standen Ruinen, und er empfand eine enorme Unfreiheit. Das alles stand im Gegensatz zum Leben eines Kindes in einem Dorf im damaligen Palästina.

Ellis Familie stammt aus Oberösterreich, sie hat den Krieg in Wien überlebt.

Elli und Georg wohnten nach ihrer Heirat im 23. Bezirk und hatten zunächst nicht viel Kontakt zur jüdischen Gemeinde. Als ihre älteste Tochter 1973 den Wunsch hatte, einer jüdischen Jugendbewegung beizutreten, kam für das Paar nur der Schomer Hatzair in Frage. Denn für die Bnei Akiva lebten sie nicht fromm genug, und das hätte Probleme gegeben. Zunächst war das Heim des Schomer Hatzair in der Storchengasse im 15. Bezirk, dann im Latzenhof im 1. Bezirk. Da die Tochter hingebracht und abgeholt werden musste, kamen die Habers mit der Gemeinde stärker in Berührung.

georg2Die Not der Auswanderer aus der Sowjetunion, die aus Israel zurückgekommen und nun in Wien gestrandet waren, war der Anstoß, sich aktiv in das Gemeindeleben einzubringen. Michael Singer, Mitglied des Schomer, erzählte ihnen von den Problemen dieser Menschen und setzte damit Aktionen – Besuche, Spenden, Hilfe bei Behördenwegen – in Gang, die der Beginn der „Integration“ waren. Bei diesen Aktivitäten lernten die Habers auch Rav Biedermann von Chabad kennen, der ebenfalls half, wo er nur konnte. Es entstand eine seltsame, von gegenseitigem Respekt getragene Freundschaft.

Ab Mitte der 70er-Jahre hatten sich die IKG-Mitglieder verschiedener politischer Lager zusammengeschlossen, um die Einheitsgemeinde zu wahren und Judentum nicht nur über Religion und Zionismus, sondern auch über Kultur zu definieren. 1987 übernahm Paul „Tulli“ Grosz die Leitung der Kultusgemeinde. Er war „eine Vater- und Leitfigur, ein Mann der Verständigung, und er war der Initiator der Restitution“, wie ihn Elli bewundernd beschreibt. Sitzungen des Kultusvorstandes fanden bei Tulli im Geschäft statt. „Seine Frau war ein Engel.“

Einer der Repräsentanten dieser neuen selbstbewussten Generation war Ariel Muzicant, später Präsident der IKG. 1992 unter der Präsidentschaft von Paul Grosz fanden die ersten Kulturwochen statt. Die Vision war, den neu errungenen Stolz, die Belebung und die Vielfalt der jüdischen Gemeinde öffentlich zu präsentieren. Es war auch die Utopie eines Brückenschlages. Das nationale und das internationale Echo waren enorm. Dass diese wichtige Institution, die Jüdischen Kulturtage, noch heute besteht, ist eng mit dem Ehepaar Haber verknüpft. ◗

Georg Haber
Dipl.-Ing. Georg Haber, geb. 1938 in Wien. 1939 Emigration mit den Eltern in das damalige Palästina. 1948 Rückkehr nach Wien. 1956 Studium an der TU Wien. Seit 1980 engagiert er sich in der IKG, vor allem im Bereich Kultur und Medien. 1991–2010 kaufmännischer Direktor des Jüdischen Museums. 2004 und 2012 Verleihung des silbernen bzw. goldenen Ehrenzeichens.

Elli Haber
Elli Haber, geb. 1938 in Wien, aufgewachsen im 20. Bezirk. 1958 lernt sie Georg Haber kennen. Seit 1973 Engagement für Schomer Hatzair. Seit 1976 im Kultusrat sowie in diversen Kommissionen, 1992 Vorsitzende der Kulturkommission. Seit 2007 in Pension.

Inge Wachtel

Mich hat fasziniert, wie die Menschen einander geholfen haben. das war für mich fantastisch.

wachtel2Mit sechzehn Jahren hat Inge, die katholisch aufgewachsen ist, ihren zukünftigen Ehemann kennen gelernt. Als ihre Schule eine Weihnachtsvorstellung im Lainzer Krankenhaus vorführte, fragte die Krankenschwester, ob man sich um die jüdischen Patienten – KZ-Überlebende – kümmern könne. Von da an ist Inge regelmäßig zu Besuch gekommen – mit warmem Essen, das ihre Mutter mitgeschickt hat. „Meine Mama war ein Traum! Sie hat meinen Mann geliebt wie einen Sohn, sodass ich manchmal eifersüchtig wurde“, lacht Inge beim Erzählen. Mit siebzehn Jahren ist Inge bei Oberrabbiner Akiba Eisenberg übergetreten. 1949 hat das junge Ehepaar geheiratet.

Als der jüngere Bruder ihres Mannes nach Israel ausgewandert ist, gab es die Überlegung, selbst nach Amerika zu gehen. Hierfür musste die österreichische Staatsbürgerschaft abgelegt werden. Als das Paar wegen Krankheit des Mannes nicht in die USA konnte, waren beide plötzlich staatenlos, erzählt Inge. „Die Wiener waren ehrlich gesagt froh, dass alle sukzessive abgewandert sind. ‚Wir haben auch den Krieg erlebt, wir müssen schaun, dos ma weita kumman‘, wurde oft gesagt.“

wachtelAls die älteste Tochter gerade einmal zwei Monate alt war, sind viele Juden mit Hilfe eines Urlaubsgutscheines des Joint Distribution Committee nach Reichenau an der Rax gefahren. Im dortigen Kurpark fragte Leon Feifel die junge Familie nach deren „Parnusse“ [Einkommen] und machte dann Inges Mann das Angebot, bei ihm am Salzgries zu arbeiten. „Jeder hat zwar gewusst, dass alle Konkurrenten waren. Dennoch gab es einen unglaublichen Zusammenhalt“, berichtet sie heute noch voller Staunen, aber auch mit großem Stolz.

Beinahe täglich ist man ins Kaffeehaus gegangen, hat Karten gespielt, Leute getroffen und sich ausgetauscht. Ungarn gingen meistens in das Café Grünwald am Bauernmarkt. Viele Polen besuchten den Babenberger Hof auf der Mariahilfer Straße. Und auch das Café Prückel war ein beliebtes Kaffeehaus. Inges Ehemann nahm sie überall mit. An manchen Abenden ging man in die Wallgasse, beim Raimund Theater im 6. Bezirk, tanzen. Wenn die Austria gespielt hat, ist eine große Gruppe zum Spiel in den Prater, auf den Wackerplatz im 12. Bezirk oder sogar nach Budapest gefahren. „An Sonntagen sind manche nach Neuwaldegg gefahren, um dort essen und spazieren zu gehen.“ ◗

Inge Wachtel (geb. Scheibenpflug)
Inge Wachtel, geb. 1931 in Wien. Bekanntschaft mit dem polnischen KZ-Überlebenden – und zukünftigen Ehemann – Ignaz Wachtel im Lainzer Krankenhaus im 13. Bezirk. 1949 Übertritt bei Oberrabbiner Akiba Eisenberg und Heirat. 1954 Aufbau des Geschäftes in der Werdertorgasse beim Rudolfsplatz.

Edith Landesmann

Es war damals selbstverständlich, dass einer dem anderen hilft! Wer was hat, der teilt das mit den anderen.

landesmanneditEdiths Familie stammte aus Brünn. Von dort war es nur ein Katzensprung nach Wien, wo die Eltern sogar ein Opern-Abonnement hatten. „Ich kann mich noch gut erinnern: Als ich einmal in der Früh aufstand, um in die Schule zu gehen, stand meine Mutter vor mir im Pelzmantel, denn sie kehrten erst in den Morgenstunden aus Wien zurück.“ 1939 ist Edith mit ihren Eltern, die schon immer Zionisten waren, eine Woche vor Kriegsausbruch in das damalige Palästina emigriert. Ihren zukünftige Ehemann hat Edith durch ihren älteren Bruder kennen gelernt.

Ediths Ehemann ist gebürtiger Wiener, wuchs in Hütteldorf auf und besuchte das Akademische Gymnasium. Seine Eltern sind noch mit der letzten Möglichkeit nach Brasilien emigriert. 1938, mit 18 Jahren ist Ediths zukünftiger Ehemann dann mit der Jugendorganisation Barak im damaligen Palästina angekommen. Nach dem Krieg wollte er nie wieder nach Wien, aber dann hat es sich 1950 doch ergeben – ein Job bei der Panair do Brasil mit Hauptsitz in Wien. Hier hat sich Edith erst sehr langsam eingewöhnt, schließlich lautete der Plan zunächst, nicht zu bleiben. Die meisten, die nach Wien gekommen sind, waren DPs*. Viele von ihnen lebten vorübergehend im Rothschildspital am Währinger Gürtel im 18. Bezirk – das heutige WIFI-Gebäude. Dort wurde sehr viel über das Erlebte gesprochen – das waren meistens die Frauen. „Wir, die das nicht mitgemacht haben, haben uns schon manchmal geärgert“, erzählt Edith. „Es war nicht belastend, das alles zu hören, es war eine andere Welt.“

landesmannDas Stadtbild war düster – vor allem wenn man aus einem Ort kam, der hell und sonnig war. Wien war zerstört und armselig. Wo heute das Haas-Haus steht, war ein riesiger Krater. Der ältere Sohn hatte gerade angefangen zu sprechen und sagte: „Oh je, kaputt. Aba wird richten“, erinnert sich Edith.

Als die Familie nach Wien zog, gab es nur eine sehr kleine jüdische Gemeinde. Die zwei Söhne gingen in die jüdische Schule in der Ruthgasse im 19. Bezirk. Die ersten Zusammenkünfte fanden im Tempel statt, und später gab es die WIZO. Ediths Mutter war bereits WIZO-Kassier in Brünn gewesen. Die Sitzungen haben vor allem im Café Lehmann stattgefunden. Davor luden die Mitglieder in ihre Wohnungen ein. Anstatt Blumen oder Bonboniere wurde eine Spende gegeben. Mit der Zeit sind es immer mehr Frauen geworden. Daher fing man an, im Hotel Hilton die so genannten Jausen zu veranstalten. „Das jüdische Leben hat sich seither großartig entwickelt, und mittlerweile lebe ich sehr gerne in Wien.“ Die Stadt ist schön, die Umgebung auch, und es hat eine gute Lebensqualität. „In schweren Zeiten würde ich hier nicht leben wollen“, sagt Edith, „in Israel hingegen gab es in schwierigen Zeiten viel mehr Zusammenhalt als normalerweise.“ Im Maimonides-Zentrum fühlt sich das Ehepaar willkommen und gut aufgehoben. ◗
  * Displaced Person

Edith Landesmann (geb. Stiassny)
Edith Landesmann, geb. 1926 in Brünn (Tschechien). 1939 mit Familie ins damalige Palästina. Tätigkeit bei Hagana. 1946 Heirat mit Robert Meir „Bobby“ Landesmann, geb. 1920 in Wien. 1950 Rückkehr nach Wien, mit Zwischenstationen in Brasilien und der Schweiz. 1984–1998 Präsidentin von WIZO Österreich.

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