Lebensretter vor den Vorhang

Von versteckten Jahren, Seilschaften und stillen Helden erzählen zwei neue Bücher und ihre Autoren im Interview mit Anita Pollak.

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Josef Feldner nahm den Großvater der Autorin Anna Goldenberg 1942 bei sich auf und rettete ihn so vor der Ermordung. © Anna Goldenberg/privat

„Wir waren ja in derselben Schule.“ Und zwar erst vor Kurzem, eingeladen als Zeitzeuginnen.

Doch bereits vor über 70 Jahren waren Lucia und Helga in derselben Schule gelandet, in der Castellezgasse, wo jüdische Kinder unterrichtet wurden, die 1938 ihre Schulen verlassen mussten, erinnert sich Lucia Heilman.

Beide Frauen sind nach dem Krieg in Wien Ärztinnen geworden. Heute sind sie 88 Jahre alt und haben ihre Überlebensgeschichten schon öfter auch vor Publikum erzählt, Dr. Lucia Heilman sogar im Burgtheater und auf anderen Bühnen und Dr. Helga Feldner-Busztin in mehreren Fernsehprogrammen. Ihre Zeitzeugenschaft betrachten sie heute als eine Pflicht, der sie so lange wie möglich engagiert nachkommen, aber zunehmend auch als Belastung. Nun haben sie die Stafette weitergegeben und ihre Geschichten in professionelle Hände gelegt. Zufall oder nicht, jedenfalls erscheinen nun gleichzeitig zwei Bücher, die von fast vergessenen Helden erzählen, von Mut und Zivilcourage im Wien des Naziterrors.

 

 Interview mit Anna Goldenberg

Versteckte Jahre

Hansi Busztins Lebensretter war der Kinderarzt Josef „Pepi“ Feldner. Er hatte Familie Busztin angeboten, ihre beiden Söhne vor der angedrohten Deportation zu sich zu nehmen, doch sie überließen ihm nur den älteren. Herbert, der jüngere, kam mit seinen Eltern um.

Der 17-jährige Hansi hingegen übersiedelte 1942 zu Pepi, der ihn als seinen Neffen ausgab, versorgte, erzog und ihn später auch adoptierte. Auch Hansi wurde Arzt und heiratete die Ärztin Helga Pollak, die mit Mutter und Schwester das KZ Theresienstadt überlebt hatte. Das junge Paar ging in die USA, kehrte aber nach wenigen Jahren wieder nach Wien zurück, nicht zuletzt, weil Pepi da allein zurückgeblieben war. In seinen späten Lebensjahren schrieb Hans Feldner-Busztin seine Überlebensgeschichte auf.

Helga Feldner-Busztin und Enkelin Anna Goldenberg bei deren Graduation an der Columbia University. © Anna Goldenberg/privat

Seine Enkelin, die Journalistin Anna Goldenberg, hat aus diesen Aufzeichnungen, aus zahlreichen Briefen, Dokumenten und Gesprächen mit ihrer Großmutter und vielen Familienmitgliedern, aus Recherchen und eigenen Erlebnissen nun ihr erstes, sehr persönliches Buch gemacht.

WINA: Sie haben schon einige Male über Ihre Großeltern geschrieben, etwa über eine Reise mit der Großmutter nach Theresienstadt. Was war der Anlass für dieses Buch?
Anna Goldenberg: Ein Falter-Artikel über meinen Großvater vor drei Jahren. Der Chefredakteur Florian Klenk hat damals gemeint: „Warum machst du nicht ein Buch daraus?“

Mit Ihrer Großmutter, Dr. Helga Feldner-Busztin, führten Sie zahlreiche Gespräche, und man hat den Eindruck, dass Sie von ihr gleichsam zur Familienchronistin ernannt wurden. Stimmt das?
Nein, das war ich, die sich da aufgedrängt hat. Ich kam zu ihr und hab’ gesagt, ich will das jetzt aufschreiben, weil ich gemerkt hab’, es gibt ein Interesse an dieser Geschichte, vor allem in den USA und England. Bestimmte Aspekte und Dinge waren ihr aber wichtig, und ganz viele Menschen, die geholfen hatten, sollten vorkommen. Da hab’ ich aber auch vieles weglassen müssen.

Anna Goldenberg: Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete. Zsolnay Verlag, 192 S., € 20

Es ist bekannt, dass von der Schoah Betroffene ihren Kindern oft vieles verschweigen, um sie nicht zu belasten, d. h. die Großeltern sich eher erst den Enkeln öffnen. War das in Ihrer Familie auch so?
Schweigen gab es in unserer Familie nicht, zumindest was meine Mutter und ihre Geschwister darüber erzählen. Meine Großeltern hatten einfach zu viel zu tun und haben rund um die Uhr gearbeitet. Das ganze Geld war ja weg, und sie hatten vier Kinder zu ernähren. Tabuisiert wurde gar nichts, und dadurch, dass der Pepi so präsent war, konnte man dem auch nicht entkommen. Ich glaube aber, dass die Beziehung meiner Mutter zu meiner Großmutter anders ist als meine zu ihr.

In den USA, wo Sie studierten, wurden Sie als Enkelin von Holocaust-Überlebenden in ein Zeitzeugenprogramm für Schulen eingebunden. Es sollten Anekdoten aus der Familiengeschichte erzählt werden. Ist das jetzt eine übliche Form von Oral History in der dritten Generation?
Das ist ein Zugang von mehreren, um damit umzugehen, dass man keine Zeitzeugen mehr hat.

„Ich hätte die persönliche Ebene gerne weggelassen, aber sie war notwendig, um das Ganze in die Gegenwart zu bringen.“
Anna Goldenberg

Ihre Familie ist groß und mehrfach „gemischt“. Großvater Hansi bezeichnete sein Judentum als „genetischen Pool“ ohne Notwendigkeit eines Gottesglaubens. Wie sind Sie in dieser Hinsicht aufgewachsen?
Ziemlich genau so, im Sinn meines Großvaters. Wir haben schon die Feiertage irgendwie begangen, aber erst, als ich älter wurde, ist mir die jüdische Identität wichtiger geworden, und ich war im Haschomer Hazair. Unser Judentum war schon immer mehr historisch und kulturell als religiös.

Helga und Hansi Feldner-Busztin, die Großeltern von Anna Goldenberg, in den 1950er-Jahren © Anna Goldenberg/privat

Das Material, aus dem Sie schöpfen konnten, ist riesig und reichlich. Dokumente, Briefe, Aufzeichnungen des Großvaters, die er bereits in den Computer geschrieben hat. Selten gibt es so umfangreiche Familiennachlässe. Sind das für Sie historische Quellen oder nur persönliche? D. h. wollten Sie diese Familiengeschichte als Zeitgeschichte auch historisch richtig einordnen?
Ja, das war mir ganz wichtig. Ich hab’ sehr viel recherchiert und mich verpflichtet gefühlt, alles, was mir meinen Großmutter erzählt und mein Großvater geschrieben hat, nachzuprüfen. Zum Beispiel die Geschichte um den Schutzstatus meiner Großmutter, die als „Mischling“ galt, und warum sie erst so spät deportiert wurde, was sie mir auch nicht erklären konnte. Dazu habe ich mit Historikern nachgeforscht, wie das gewesen sein könnte. Ich hab’ das Buch aber nicht als historisches Dokument für die Nachwelt geschrieben. Ich wurde in den USA öfter nach meiner Familiengeschichte gefragt und hab’ gemerkt, dass die Menschen von der Geschichte berührt wurden.

Ihre persönliche Situation etwa in Amerika fließt immer wieder in das Buch ein, z. B. das Gefühl einer, wie Sie schreiben, „historischen Anomalie“ als junge Jüdin aus Österreich und dann wieder der Entschluss zur Heimkehr. Wie sehr wurde dieses Bewusstsein durch die Arbeit an dem Buch befördert?
Ich hätte die persönliche Ebene gerne weggelassen, aber sie war notwendig, um das Ganze in die Gegenwart zu bringen und dem Buch einen Rahmen zu geben. Ich hab’ nicht gerne über mich geschrieben und immer wieder gefunden, alles, was ich über mich schreibe, ist im Vergleich zur Geschichte meiner Großeltern total banal.

Der eigentliche Held ist „Pepi“, den Sie nicht gekannt haben. Eine Ehrung in Yad Vashem als Gerechter hätte er wohl verdient, aber nicht gewollt. Ist das Buch jetzt so etwas wie ein Denkmal für ihn geworden?
Ich habe mir überlegt, ob ein Buch über ihn in seinem Sinn gewesen wäre, und da bin ich mir auch nicht mehr so sicher, aber er kann sich nicht mehr wehren. Ich hoffe doch, dass er mir aus dem Jenseits gönnt, dass ich diese Geschichte erzähle, um Autorin zu sein.

Sie erleben diesen Helden nur durch die Augen Ihres liebenden Großvaters, also eine sehr subjektive Sichtweise auf eine einzigartige Beziehung. Hatten Sie auch andere Quellen über ihn?
Nur wenige, es war sehr schwierig. Seine Familie kommt aus Kärnten, ich hab’ dort versucht, etwas über ihn zu erfahren, es gab aber kaum jemanden, der Pepi erlebt hat.

Meine Großmutter hatte kein ganz einfaches Verhältnis zu ihm, weil er doch im Leben meines Großvaters sehr präsent und wichtig war. Er war aber immer so eine Schutzmacht in der Familie. Mein Großvater ist mit seinen Aufzeichnungen vor seinem Tod nicht fertig geworden, und es fehlen auch einige grundlegende Informationen.

Empfindet Ihre Großmutter ihre Zeitzeugenschaft auch als Belastung, und was hat sie zu Ihrem Buch gesagt?
Sie empfindet es als sehr anstrengend, sie ist aber sehr fleißig und ehrgeizig, und es ist ihr wichtig, das sehr gut zu machen. Sie geht hauptsächlich in Schulen, Fernsehtermine sagt sie jetzt schon ab. Das Buch fand sie gut, und sie fand interessant, wie ich sie sehe und dass das ganz anders ist, als sie sich selbst sieht.

https://diepresse.com/home/leben/mensch/5468421/Der-Retter-meines-Grossvaters_Eine-juedische-Familiengeschichte

Lesenswert: Der Retter meines Großvaters: Eine jüdische Familiengeschichte

Im Interview mit Ö1 erzählt die junge Journalistin von der Entstehung ihrer Familiengeschichte und, wie es möglich war, dass ihr untergetauchter Großvater 118 Opern sehen konnte. Hier nachhörbar: oe1.orf.at/player/20180720/520356

 Interview mit Erich Hackl

Am Seil

„Heute kann man sich diese tägliche Angst nicht vorstellen und den Mut, den es bedeutete, so etwas auf sich zu nehmen“, weiß Lucia Heilman.

Lucia Heilman suchte nach einer literarischen Stimme, um ihre Überlebensgeschichte zu erzählen. © Alexander Gotter

Vier Jahre lang versteckte der Kunsthandwerker und Bergsteiger Reinhold Duschka sie und ihre Mutter Regina Steining in seiner Werkstatt und nach deren Ausbombung bis Kriegsende in einem Keller. Er beschäftigte die beiden mit Hilfsarbeiten für seine Werkstücke, versorgte sie und versuchte sogar, das heranwachsende Mädchen zu unterrichten.

Ihren Lebensretter zu ehren und sein Andenken zu bewahren, war ihr immer wichtig, doch erst als Neunzigjähriger, drei Jahre vor seinem Tod, hatte Duschka die von Lucia betriebene Ehrung von Yad Vashem zugelassen.

„Ich will, dass man vom Reinhold weiß. Ich kann zwar erzählen, aber schreiben kann ich nicht, und ich hab’ mir gedacht, es wäre doch schön, wenn ein Schriftsteller das aufschreibt.“

Ein glückliches Schicksal hat Heilman vor einigen Jahren mit Erich Hackl zusammengeführt, dem Spezialisten für die literarische Aufbereitung authentischer Zeitgeschichte. Seine erfolgreiche Kunst chronikalen Erzählens beweist er seit Jahrzehnten in Bestsellern, wie Abschied von Sidonie oder Auroras Anlaß.

Anfänglich sei Hackl zögerlich gewesen, eine „Auftragsarbeit“ wollte er nicht übernehmen, und ihre Geschichte wäre ihm „zu dünn für ein Buch“ erschienen, so Heilman. Aber dann habe er im Umkreis recherchiert, andere Personen wie Reinhold Duschkas Tochter und Enkel und dessen späteren Mitarbeiter und Bergkameraden Leo Graf befragt, die alle lange Zeit nicht gewusst hatten, dass Duschka zwei Jüdinnen gerettet hatte.

WINA: Herr Hackl, was hat Sie letztlich bewogen, diesen „Auftrag“ anzunehmen?

Erich Hackl: Ich sehe mich im Grunde ohnehin als Auftragsschreiber, und der Stoff hat mich schon immer interessiert. Jedenfalls war mir das Projekt ein Anliegen, und was für ein Zögern gehalten wurde, war eher meine Unfähigkeit, halbwegs schnell zu arbeiten. Und dann gab es noch ein Problem: Über Duschka war weniger zu erfahren als über Frau Heilman und ihre Mutter, überhaupt die Familie. Das Manuskript ist ja im Arbeitsprozess öfters hin- und hergegangen; die ersten zwei Male war Frau Heilman ziemlich verzweifelt, weil die Erzählung doch von ihrem Retter handeln sollte und er kaum vorgekommen ist – notgedrungen, weil so vieles, was ihn angeht, im Dunkel verbleibt. Auch seine Tochter weiß ja kaum etwas über sein Vorleben, Kindheit, Jugend, Engagement usw.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Frau Heilman? Wie weit mussten Sie da auch psychologisch vorgehen, um vielleicht noch Verborgenes, Verdrängtes zu entdecken?
Ehrlich gesagt hat mich der Umgang mit Frau Heilman sehr gefreut. Sie hat eine unglaublich angenehme und offene Art, sich mit den Fragen ausei­nanderzusetzen. Aber es gab selbstverständlich Grenzen ihrer Erinnerung. Dinge, die sie vergessen hat, mehr als solche, die sie verdrängt hat, würde ich sagen. Ich arbeite, glaube ich, nicht psychologisch, jedenfalls nicht bewusst. Ich frage, was mich interessiert, und das ziemlich direkt. Das Schreiben ist ja eher der Versuch, die Geschichte – in diesem Fall: eines langen, intensiven, unfreiwilligen Zusammenlebens – zu entpsychologisieren. Zu erzählen eben, und nicht zu deuten. Ich wollte einfach konkrete Dinge erfahren. Das ist mir gelungen. Ich kann sagen, ich habe durch die Arbeit an diesem Projekt einiges gelernt. Und dazu noch, abgesehen von Frau Heilman, ein paar andere kluge, gelassene Menschen kennengelernt.

„Das Schreiben ist ja eher der Versuch,
die Geschichte zu entpsycho­logisieren.“
Erich Hackl

Wie es Ihrer Arbeitsweise entspricht, haben Sie auch hier offenbar viel recherchiert. Haben sich die Erzählungen mit Ihren Recherchen gedeckt?
Die Recherchen betrafen vor allem Dinge, die von den Erinnerungen meiner Informanten nicht abgedeckt wurden.

Sie schreiben einmal „stelle ich mir vor“ und „gut möglich“. Wie sehr mussten Sie hier zusätzlich Ihre Phantasie bemühen, um die Geschichte zu ergänzen?
Die Phantasie steckt viel mehr in der Gestalt, die ich der Erzählung gegeben habe, als im Inhalt. Erfunden habe ich nichts, nur ein paar Möglichkeiten entworfen, wie etwas geschehen sein könnte.

Erich Hackl:
Am Seil. Eine
Helden-
geschichte.
Diogenes Verlag,
128 S., € 20

Wie kam es zu diesem Titel, was soll er aussagen?
Am Seil nicht nur wegen der Bergsteigerleidenschaft Duschkas, sondern aufgrund der Tatsache, dass die drei – er, Regina, Lucia – voneinander abhängig waren. Er hat, wenn man so will, die Seilschaft angeführt, aber er hätte das, was er gemacht hat, ohne sie nicht machen können.

Für Frau Heilman ist Reinhold der Held ihres Lebens schlechthin. Wollten Sie dieses Heldenbild erhalten oder es auch relativieren? Wie sehen Sie Reinhold nach Ihren Recherchen zu diesem Buch?
So, wie er in der Erzählung hervortritt, auch in den Erinnerungen seiner Tochter, seines Enkelsohns und seines Mitarbeiters Leo Graf. Natürlich ist er ein Held. Dass er kein strahlender ist, macht ihn erst wirklich zum Helden, finde ich.

Welche Bedeutung haben jetzt, da es bald keine echten Zeitzeugen mehr geben wird, solche Bücher auch als Zeitdokumente, welche Verantwortung hat diesbezüglich ein Autor als Chronist?
Ausdruck der Verantwortung eines Autors ist es eben, dass er sich als Chronist versteht und nicht als Fiktionalist, der sich an der Wirklichkeit nach den eigenen Vorstellungen bedient. Das gilt unabhängig von der Tatsache, dass es irgendwann keine Zeitzeugen mehr geben wird, was Verfolgung und Widerstand unter der Naziherrschaft betrifft. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was dann in meinem Fall geschieht. Bis jetzt habe ich immer jemanden gefunden, zuletzt waren es – wie in dieser Geschichte – Kinder von damals.

 

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