„Man kann sich nicht aus der Zeit, in die man hineingeboren wurde, hinausstehlen“

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Foto: Reinhard Engel

Wenn es um Demonstrationen gegen rechts oder um Menschenrechte geht, ist die viel beschäftige Schauspielerin Katharina Stemberger an vorderster Front zu finden. Die Gedenkveranstaltung zum 27. Jänner am Heldenplatz moderiert sie bereits seit vielen Jahren. Warum sie sich einmischt, erzählt sie Marta S. Halpert.

Wina: Was ist eigentlich aus der Strafanzeige der FPÖ gegen Sie geworden? FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl wollte Sie wegen „Verhetzung“ anklagen, weil Sie zu „Gewalt und kriminellen Handlungen gegen Norbert Hofer“ aufgerufen hätten. Sie hatten bei der Veranstaltung „Stimmen für Van der Bellen“ sinngemäß gemeint, „der Kreativität seien keine Grenzen gesetzt“, wenn es darum geht, so viele Menschen wie möglich zu den Wahlurnen zu bekommen. Sie fügten schmunzelnd hinzu: „Nur nicht kriminell werden – also nicht sehr!“

Katharina Stemberger: Es hat sich gar nichts getan. Ich muss sagen, es hat mich damals ziemlich überrascht und auch irgendwie getroffen. Da war so gar keine Absicht dahinter, das wusste jeder, der es gehört hat. Ich habe zuerst einen Witz gemacht, über den haben 3.000 Leute gelacht, und dann habe ich das nachgeschoben. Über Facebook haben das 60.000 Menschen gesehen. Als ich von der FP-Reaktion am nächsten Tag gehört habe, lachte ich zuerst, aber dann dachte ich, das ist entweder Bösartigkeit oder Kalkül. Vielleicht hat Herr Kickl keinen Humor oder er ist nicht so intelligent, wie ich glaube, dass er ist.
Ich habe kein Problem damit, meine Meinung zu äußern, aber ich würde das nie so machen. Erstens weiß ich nicht, wie Wahlbetrug funktioniert, das wissen andere besser. Nie würde ich zur Gewalt aufrufen, das ist so lächerlich, wenn man mich kennt. Jedenfalls wurde im Netz eine unglaubliche Schmutzkübel-Kampagne gegen mich losgetreten – das ging bis zu Morddrohungen.

Wie ist Ihr mutiges Auftreten gegen „Rechts“ entstanden? Sie moderieren schon seit einigen Jahren die Gedenkveranstaltung am Heldenplatz zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Jänner 1945. Ich habe sie oft in eisiger Kälte stundenlang ausharren sehen. Die Moderation an diesem Abend muss Ihnen ein besonderes Anliegen sein?
❙ Über jeden milden Winter bin ich glücklich, aber es ist ja für alle Teilnehmer gleich kalt! Ich habe einen ziemlich guten Geschichtsunterricht gehabt: Ich erinnere mich, wie ich mit 13 Jahren schon die Bilder von der Befreiung der Vernichtungslager gesehen habe. Die ausgemergelten Körper und die aufgehäuften Leichenberge. Ich habe mir bereits damals gedacht, das können keine Menschen gewesen sein, die das getan haben. Ab dann wollte ich das immer verstehen. Ich bin zu meiner über alles geliebten Großmutter gegangen, sie war Jahrgang 1907, und habe gefragt, was denn damals los war. Sie hat mir nie darauf geantwortet, sie konnte es wahrscheinlich nicht, weil sie eine klassische Mitläuferin war.

Foto: Reinhard Engel

Haben Sie es später noch versucht?
❙ Eigentlich nicht, weil ich gewusst habe, dass es meine Liebe beschädigen wird. Sie wurde 103 Jahre alt, war eine herzensgute Frau, sie hatte als Sudetendeutsche selbst flüchten müssen. Da habe ich gelernt, was passiert, wenn ein Mensch von Anfang an einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Über dieses Thema konnte man nicht reden. Ich habe erkannt, dass es Opfer und Täter gab und dann jene irgendwie dazwischen: jene, die nicht geredet, sondern alles unter den Teppich gekehrt haben.

Ihre Schauspiellehrerin, Eva Zilcher, war mit der großartigen Dorothea Neff – einer von Yad Vashem ausgezeichneten Gerechten – eng befreundet. Hat Sie das irgendwie bei Ihrer Haltung zur NS-Zeit beeinflusst?
❙ Nein, ich war immer politisch interessiert. Ich hatte immer ein Problem damit, meinen Beruf als etwas in einem Elfenbeinturm Existierendes wahrzunehmen. Das heißt nicht, dass man jede Inszenierung ins Gegenwärtige zerren muss, aber ich fühlte immer stark den Bezug zu den aktuellen Fragen, die uns beschäftigen. Ich habe einen starken Gerechtigkeitssinn, und immer wenn ich mich in einem Kollektiv befunden habe, musste ich mich um jene kümmern, die keine Stimme hatten oder die sich nicht getraut haben.

Sie waren auch gegen den Burschenschaftsball in der Hofburg demonstrieren?
❙ Zum ersten Mal vor sieben Jahren. Ich finde das widerlich, dass sich der rechtsextreme Abschaum in diesen Prunkräumen der Republik versammelt, und deshalb bin ich auf die Straße gegangen. Die Situation war skurril, denn ich musste die bzw. eine Demo suchen. Die Innenstadt war abgeriegelt wie nach einem Attentat, überall Polizei, sogar die einzig zugelassene Demonstration bei der Votivkirche wurde aufgelöst. Was ist denn los in diesem Staat? Ich glaube, da werden die falschen Leute geschützt. Ich war so wütend und dachte, das ist nicht mein Land. Ich habe mich dann sehr eindeutig öffentlich dazu geäußert. Und sehr bald darauf wurde ich zu dieser Moderation eingeladen.

Falls die Berichte stimmen, haben Sie 2015 Ihre Rolle als „Schuldknechts Weib“ beim Salzburger „Jedermann“ zurückgelegt, nachdem das Salzburger Festspielkuratorium die Musiker gerügt hatte, die bei einer der Vorstellungen, die FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache besucht hat, ein paar Takte der “Internationalen” angestimmt hatten. Sie fragten damals auch öffentlich, ob dieses angesehene Festival nur ein Kultur-Wellness-Tempel sein wolle.
❙ Ich habe auf Facebook geschrieben, wie es mir ums Herz ist. Ich habe viel Herz, manchmal ist es zu schnell auf der Zunge, das hat Vor- und Nachteile. Die Salzburger Nachrichten haben meinen Kommentar entdeckt und nachgedruckt. Meine Kritik ging in die Richtung, dass ich mir von einer Festival-Leitung erwartet hätte, dass sie ihre Künstler schützt – und zwar alle. Aber das hat nicht stattgefunden.

Es gab aber auch Schauspielkollegen, die das anders gesehen haben?
❙ Man kann verschiedener Meinung sein und darüber diskutieren, aber intern. Es überrascht mich, wenn Kollegen sagen, „ich bin nicht politisch“. Das gibt’s einfach nicht, das ist lächerlich. Das würde ja bedeuten, „ich weiß nicht, was ich denke oder denken soll, oder es ist mir zu anstrengend, eine Meinung zu bilden. Oder es könnte ja meiner Karriere schaden, wenn ich mich öffentlich äußere.“ Aber natürlich respektiere ich auch die Einstellung derer, die sagen, dass das Leben sowieso komp­liziert und schwierig genug ist, und dann wollen sie einfach zwei, drei Stunden im Theater alles kurz mal vergessen. Das verstehe ich, aber ich glaube nicht, dass man sich aus der Zeit, in die man hineingeboren wurde, hinausstehlen kann.

Viele Künstler, nicht nur während der NS-Zeit, wollen ihre Kunst fein säuberlich von der Politik getrennt sehen. Geht das überhaupt, ist das redlich?
❙ Ich glaube, dass muss jeder für sich beantworten. Jedenfalls kann ich nicht so tun, als würde die Welt aufhören, sich zu drehen, nur weil ich möchte, dass sich alles um mich dreht!
Es ist schon klar, meine Aufgabe als Schauspielerin ist es, das Stück zu spielen. Das ist gar keine Frage: Niemals darf man das Thea­ter oder die Rolle bewusst missbrauchen, um eine politische Aktion zu setzen. Aber wenn etwas spontan passiert, muss man mit Haltung damit umgehen. Diese paar Takte kamen als Reaktion auf den Sager aus der FPÖ, dass man „die Flüchtlinge mit dem Großraumflugzeug abschieben solle, weil dann würde man sie nicht schreien hören“. Es geht mir nicht um das vorgegaukelte Beleidigtsein der Herren Kickl oder Strache, es geht mir um unser Land, dessen geistige Haltung, denn schließlich ist das eine Frage des Menschseins.

Sie haben gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Filmproduzenten und Regisseur Fabian Eder, einen Film über die Boatpeople aus Afrika mit dem Titel „Keine Insel“ gemacht. Als später Griechenland stark kritisiert wurde, wollten Sie „weg von den Zahlen und zu den Menschen“ und haben die Reportage „Griechenland blüht“ gedreht. Wie kam es zu diesen beiden Filmprojekten?
❙ Als die Vorurteile gegen die „faulen Griechen“ nur so hochgeschwappt sind und man nur noch Zahlen aus Athen gehört hat, wollten wir zu den Menschen gehen und über ihr Schicksal berichten. Denn in dem Moment, in dem wir aufhören, das Individuum zu sehen, die Einzelschicksale wahrzunehmen, sind wir auch als Europäer wieder auf einem sehr gefährlichen Kurs. Wir haben ein altes Segelschiff, die „Europa“. Damit ist mein Mann, der Regisseur des Films, einen Monat lang mit zwei Kollegen von Insel zu Insel gefahren und hat mit den Menschen gesprochen. Wir haben uns diesen Film aus den Rippen geschnitten, ich war die Produzentin, wir bekamen aber keine Förderungen. Der Film ist dann im ORF, in Deutschland und Griechenland gezeigt worden und hatte ein sehr gutes Echo.
Unser zweiter Film Keine Insel war auch eine Reaktion auf die verlogene Betroffenheitsfarce Europas nach der Katastrophe vor Lampedusa am 3. Oktober 2013. Aber wegen der Europawahlen 2014 hat man doch beschlossen, die Füße still zu halten und das Thema nicht offensiv anzugehen – und zwar aus Angst vor einem Rechtsruck in Europa. Und was ist passiert? Ein massiver Rechtsruck. Jedes Jahr ertrinken abertausende Menschen vor den Toren Europas, und es braucht 71 Leichen in einem Kühlwagen, damit wir begreifen, dass das nicht ein italienisches, spanisches oder griechisches Problem ist.

Das Erstarken der Rechtsparteien in ganz Europa wird großteils auf das Konto der Flüchtlinge verbucht. Tragen nur diese starken Ressentiments zu dieser Entwicklung bei?
❙ Ich glaube, dass das ganz schreckliche Nebelgranaten sind. Denn eigentlich regt die Menschen die soziale Schieflage auf, die sich in den letzen Dekaden merklich verstärkt hat: Immer weniger Leute haben viel mehr, und immer mehr Leute haben viel weniger. Und dann kommt einer – und erklärt mir ganz einfach, warum das so ist. Diese Logik, die bei uns seit Jörg-Haider-Zeiten Verbreitung findet und die von den Leuten wie Zuckerwatte gefressen wird, lautet, dass es für den autochthonen Österreicher besser wäre, wenn wir alle „Zuagrasten hinaushauen“ würden. Aber die Menschen hätten dadurch weder mehr Geld im Börsel noch mehr Jobs oder mehr Pension oder mehr Arbeitslosengeld.

Die Bandbreite Ihrer Rollen ist sehr groß. Ich habe Sie zuletzt im Konzerthaus bei der großartigen Aufführung von „Defiant Requiem – Verdi at Terezin“, aber auch beim Fest der Freude am Heldenplatz erlebt. Witzig und spritzig waren Sie auch in dem herrlichen Sketch-Vortrag „Wie viel ist das in Schuhen?“ mit Béla Koreny. Die Liste Ihrer Fernsehfilme und TV-Serien ist sehr umfangreich. Von welchen Rollen träumen Sie?
❙ Im Alter von zwanzig hat man so eine Idee von einem Ziel. Dann läuft man dem nach wie ein Hamster im Radl und glaubt, dass das Erreichen dieser Dinge das Leben reicher oder besser macht. Ich habe gelernt, dass das nicht so ist, das Glück liegt ganz woanders. Je älter ich werde, umso mehr muss alles Sinn machen, was ich tue. Das macht glücklich. Eine meiner liebsten Rollen habe ich schon spielen dürfen.

Und zwar welche?
❙ Die Jeanne d’Arc vor dem Stift Melk, das war schon sehr meins. Oder das Projekt Im Herzen der Demokratie, das wir zuletzt in Parlament zum Nationalfeiertag gemacht haben. Eigentlich will ich mich vom Leben überraschen lassen. Mich interessierte schon immer das so genannte „Charakterfach“, dort wo es eine gewisse Komplexität gibt. Es wird mir leicht fad, daher muss es spannend sein.

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