Menschenbildung in Hütteldorf

Die Montessori-Ausbildung wurde in der Zwischenkriegszeit in Wien von der Jüdin Lili Roubiczek etabliert. Auch heute besuchen viele jüdische Kinder eine der Einrichtungen des Montessori-Campus in Hütteldorf. WINA sprach mit den beiden Vorstandsmitgliedern Natalie Grünwald und Dina Margules-Rappaport.

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Dina Margules-Rappaport (re.) und Natalie Grünwald setzen sich seit Jahren für den Montessori-Campus in Wien ein. © Daniel Shaked

Als Natalie Grünwald eine Schule für ihren mittlerweile erwachsenen Sohn suchte, sah sie sich mehrere Schulen an und hat immer stärker gespürt, „das Regelschulsystem passte nicht. Ich war an den Tagen der offenen Türen und habe es nicht ausgehalten, wie man mit Kindern umgeht, wie man mit Fragen von Kindern umgeht, wie man alle über einen Kamm schert. Wo es darum geht, dass man durchschnittlich ist.“ Den Kindergarten hatte der Bub bereits in der Stadt in einem Montessori-Kinderhaus besucht. Aber dann? Ist es nicht ein gewagter Schritt, ein jüdisches Kind in eine alternative Schule im 14. Bezirk zu schicken?

Grünwald entschied sich für diesen Schritt. Wie lebensbestimmend er werden würde, wusste sie damals noch nicht. Inzwischen gingen oder gehen alle vier Kinder in die Montessori-Schule in Hütteldorf. Und auch die ihrer Freundin Dina Margules-Rappaport. Und weitere Mädchen und Buben aus dem Bekanntenkreis. So erklärt sich auch, warum rund zehn Prozent der je nach Schuljahr zwischen 300 und 350 Kinder und Jugendlichen jüdisch sind. Für die übrigens auch jüdischer Religionsunterricht angeboten wird.

Ein Unterricht, der Kinder motiviert, statt sie zu langweilen, der Eigenständigkeit fördert, der ihnen beibringt, selbstständig zu agieren.

Auf den ersten Blick mag das erstaunen. Wer sich aber die Geschichte der Montessori-Bewegung in Wien – oder aber auch Berlin – ansieht, stößt hier rasch auf eine Kontinuität. Es waren da wie dort jüdische Frauen, welche die Montessori-Bewegung etablierten. Und es waren nicht nur, aber auch jüdische Kinder, die in ein Kinderhaus, später eine Montessori-Schule geschickt wurden. „Die Selbstständigkeit, das Hinterfragen waren schon Aspekte, die gerade bei assimilierten jüdischen Familien, vor allem sozialdemokratischen, in der Zwischenkriegszeit einen wichtigen Stellenwert hatten“, sagt Margules. Natalie Grünwald führt das Interesse auch darauf zurück, dass es bei dieser Pädagogik nicht nur darum gehe, Wissen anzunehmen, sondern Sachen in Frage zu stellen, selbst zu denken. „Das ist schon etwas sehr Jüdisches.“

Von Favoriten in die USA. Die Montessori-Pädagogik wurde von der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori konzipiert. Sie erkannte, dass es jeweils sensible Phasen gibt, in denen Kinder eine bestimmte Sache besonders leicht erlernen. Sie setzte auf eine vorbereitete Umgebung, die es den Kindern ermöglichte, sich selbst Dinge anzueignen, vor allem aber zu bestimmen, wann sie was lernen. Dieses System wird in Montessori-Kinderhäusern und -Schulen bis heute praktiziert, wobei das nicht heißt, dass ein Kind nichts tut. Die Pädagogen und Pädagoginnen beobachten die Mädchen und Buben, protokollieren, womit sich diese beschäftigen, machen Vorschläge, wenn sie sehen, dass Kinder ein Lernthema beendet haben oder bei einer Materie anstehen. Je älter die Schüler und Schülerinnen werden, desto mehr klassischer Unterricht kommt dazu – etwa in Sprachen und Mathematik. Der Montessori-Campus in Hütteldorf bietet heute alles von der Kleinkindgruppe bis zum International Baccalaureat (IB), das berechtigt, an einer Universität zu studieren.

In Berlin war es Clara Grünwald, die zur führenden Persönlichkeit der Montessori-Bewegung wurde – sie sollte später von den Nationalsozialisten ermordet werden. In Wien etablierte Lili Roubiczek diese Herangehensweise an den Umgang mit Kindern. Roubiczek emigrierte bereits vor der NS-Zeit zunächst nach Israel, später in die USA. Sowohl in Deutschland wie auch in Österreich brachte der Nationalsozialismus hier eine Zäsur – „alles Montessorianische war verboten“, wie es Margules formuliert. In Österreich sollte erst in den 1980er-Jahren wieder etwas richtig in die Gänge kommen – während es zum Beispiel in den USA eine durchgängige Geschichte und damit auch Entwicklung gibt.

Lili Roubiczek hatte in Wien in den 1920er-Jahren in der Troststraße im zehnten Bezirk als junge Frau in ihren Zwanzigern das erste Montessori-Kinderhaus eröffnete. Sie war in Prag aufgewachsen und studierte dort ab 1917 zunächst Biologie, wechselte dann aber zu Pädagogik. 1920 begann sie in Wien bei Karl Bühler Psychologie zu studieren. Dieser regte sie zu Forschungen zur frühkindlichen Sprachentwicklung an. 1921 nahm sie an einem Ausbildungskurs Montessoris in London teil – dort lernte sie auch Clara Grünwald kennen und den Australier Lawrence A. Benjamin. Mit ihm beschloss sie, in Wien ein Kinderhaus zu gründen. Schon bald etablierte sie auch Ausbildungskurse und vernetzte sich mit der Wiener Stadtpolitik, vor allem mit Julius Tandler, damals Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen. In der Folge wurde sie auch Konsulentin für Kindergartenfürsorge bei der Stadt Wien und 1927 mit der Gründung des „Hauses der Kinder“ am Rudolfsplatz betraut.

Dieses Gebäude wird bis heute von der Stadt Wien als Kindergarten genutzt. Anders als zu der Zeit üblich, wurde hier auf eine kindgerechte Architektur geachtet: niedrig angebrachte Türklinken, kleine Toiletten, Tische und Sessel in Kindergröße. Was heute Standard ist, war vor etwas weniger als 100 Jahren revolutionär. Montessori-Pädagogik ist heute allerdings immer noch nicht Standard an öffentlichen Schulen. „Bildungspolitiker kommen uns zwar immer wieder besuchen und sagen, wie toll und super sie das finden, was wir machen“, erzählt Margules. Nur finanziell habe sich das leider bisher nicht niedergeschlagen.

Das erste Kinderhaus, das den Grundstein für den heutigen Montessori-Campus, der auf sieben Gebäude rund um die Hüttelbergstraße aufgeteilt ist, wurde, in den 1980er-Jahren von Saskia Haspel in Wien-Landstraße gegründet. Heute führt sie gemeinsam mit Christiane Salvenmoser die Montessori-Akademie, der pädagogische Betrieb wurde an eine Elternverwaltung übergeben. Und diese fragte bereits im ersten Jahr, in dem Grünwalds Sohn die Montessori-Schule besuchte, Natalie Grünwald, ob sie nicht dem Vorstand beitreten wolle. Sie kam aus der Wirtschaft und sagte zu – und absolvierte schließlich auch selbst die Montessori-Ausbildung.

Ähnlich war es kurz darauf bei Dina Margules-Rappaport. Auch sie hat die Wirtschaftsuniversität absolviert und war zuvor im Bereich Personalentwicklung tätig. Neben der Tätigkeit im Vorstand der Montessori-Ausbildung unterrichtet sie auch an der Lauder Business School. Grünwald und Margules haben die Tätigkeit im Vorstand viele Jahre ehrenamtlich übernommen – seit fünf Jahren müssen sie immerhin kein Schulgeld für die noch an der Schule verbliebenen Kinder zahlen. Pro Monat kostet die Betreuung beziehungsweise der Unterricht je nach Altersstufe zwischen 400 und 600 Euro.

Beide sind der Schule sehr intensiv verbunden, weil sie absolut von dem überzeugt sind, was hier passiert. Ein Unterricht, der Kinder motiviert, statt sie zu langweilen, der Eigenständigkeit fördert, der ihnen beibringt, selbstständig zu agieren und im Kleinen zu erleben, wie die Welt der Wirtschaft funktioniert, indem sie Dinge wie Honig oder Marmelade produzieren und verkaufen und danach entscheiden, wie sie das erwirtschaftete Geld investieren, etwa in bessere Maschinen, um mehr produzieren zu können. Zur Schule gehört ein kleiner Bauernhof in Niederösterreich, für jeden Bereich gibt es dort einen Manager aus den Reihen der Jugendlichen.

Eine Frage der öffentlichen Mittel. Traurig stimmt Margules, dass Montessori-Schulen von außen teils als Eliteschulen für Schickimickifamilien gesehen werden. „Die wenigsten zahlen das Schulgeld aus der Portokasse.“ Im Gegenteil. „Wir haben Familien, denen diese pädagogische Richtung für ihre Kinder so wichtig ist, dass sie auf andere Dinge verzichten.“ Es sei vor allem das grüne Bildungsbürgertum, das diese Schulform attraktiv finde. Unter den Eltern seien viele Freiberufler.

Obwohl die Montessori-Schule Öffentlichkeitsrecht hat und daher laut Konkordat zum Beispiel auch verpflichtet ist, Religionsunterricht anzubieten, werden von der öffentlichen Hand – wie etwa bei konfessionellen Privatschulen – die Personalkosten für Pädagoginnen und Pädagogen nicht übernommen. Vom Staat gebe es 700 Euro Förderung pro Kind und Schuljahr. Daher müsse man einerseits Schulgeld verlangen und andererseits sehr knapp kalkulieren. Die Montessori-Schule habe sich daher einer Klage anderer Schulen in freier Trägerschaft beim Verfassungsgerichtshof angeschlossen. Bekäme die Schule mehr Mittel von der öffentlichen Hand, wäre eine soziale Staffelung des Schulgelds möglich und man könnte auch den Lehrerinnen und Lehrern mehr bezahlen, erläutert Grünwald.

Dass sie mit ihrem Schulkonzept auf dem richtigen Weg sind, darin fühlen sich Grünwald und Margules auch durch die Ergebnisse der ersten IB-Abschlussjahrgänge bestätigt. Die Jugendlichen wollten gut sein und waren es am Ende auch. „Sie haben überdurchschnittlich gut abgeschnitten“, freut sich Grünwald. Das IB wird weltweit von rund 3.500 Jugendlichen gleichzeitig abgelegt, die Auswertung erfolgt zentral. Vor allem aber sehen die beiden Vorstandsmitglieder, dass hier junge Menschen heranwachsen, die Interesse an ihrer Umwelt haben, sich sozial engagieren, Dinge in die Hand nehmen und andere hinterfragen. 

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