Miki Stierler: „Ich kannte Wien schon lange, bevor ich selbst hier wohnte“

MIKI STIERLER wuchs in Bukarest auf. Nach der Matura in Israel arbeitete sie im Weizmann-Institut für Wissenschaften und war 1974 bis 1979 in der Leitung der Konsularabteilung der israelischen Botschaft in Österreich tätig. Seit 2010 ist sie Mitglied und seit 2017 Präsidentin des Klubs Logischer Denker.

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© Ronnie Niedermeyer

Durch Zufall bin ich in Bukarest geboren – und von da an bestand mein Leben aus einer Reihe von Zufällen … Meine Eltern waren 1938 aus Wien geflüchtet und fanden bei einem Pfarrer in Czernowitz Asyl. Nach dem Krieg sehnten sie sich in die Heimat zurück, traten schon die Reise an – doch war mittlerweile der Eiserne Vorhang gefallen. In Bukarest blieb meine Familie also sitzen, und dort betrat ich die Weltbühne. Eine Hauptdarstellerin meiner Kindheit war die Großmutter, in deren Erzählungen Wien sich vor meinen Augen manifestierte: Graben, Rotenturmstraße, Wollzeile … Die Topografie der Innenstadt war mir schon lange geläufig, bevor ich selbst einmal hier wohnen durfte. Eines Tages stieß mein Vater in Rumänien zufällig auf einen alten Freund, der sich inzwischen im Securitate hochgearbeitet hatte. Der nette Geheimdienstler machte das Unmögliche möglich: unsere Ausreise. Doch das lang ersehnte Wien blieb letztlich nur ein Zwischenspiel, denn für uns ging es weiter ins gelobte Land – nach Israel. Matura, Militärdienst und ein Geschichtsstudium später fand ich Arbeit im Weizmann-Institut und später im Schulfernsehen. Während eines Besuches in Wien lernte ich – natürlich wieder zufällig – den israelischen Botschafter kennen. Als er hörte, ich sei auch der deutschen Sprache mächtig, vermittelte er mir eine leitende Stelle im Wiener Konsulat. In dieser Zeit lernte ich meinen späteren Partner kennen, schloss ein Studium der Translationswissenschaft ab und war bis zur Pensionierung als Dolmetscherin tätig. In einem Café neben meiner Wohnung fand ich dann einen Aushang, wonach ein Programmkoordinator für einen wöchentlichen Diskussionsklub gesucht wurde. Ich bewarb mich erfolgreich für diese ehrenamtliche Stelle. Da einige Jahre danach auch der langjährige Klubpräsident abhanden kam, wurde ich letztes Jahr zur Präsidentin gekürt. Und eines ist garantiert kein Zufall: Das Programm im Klub Logischer Denker ist das Ergebnis harter Arbeit – und die Liste der illustren Vortragenden spricht für sich. Jeden Mittwoch hören wir ein Referat zu einem meist aktuellen Thema. Der Erfolg, der sich auch in den Besucherzahlen zeigt, gibt mir die Kraft zum Weitermachen.

Tipp: In den unterirdischen Räumlichkeiten des Café Benno fühlt unser Klub sich gut aufgehoben. Für manche der Vortragenden mögen unsere Bräuche gewöhnungsbedürftig sein: Während des Vortrags darf man nämlich essen und trinken, was der Aufmerksamkeit keinen Abbruch tut. So nähren Geist und Körper sich zugleich.

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