Mit Wien im Herzen

Je internationaler das Umfeld, desto wohler fühlt sich David Pinchasov. Aber seine Heimatstadt liebt er trotzdem.

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Den Tee, den sich David Pinchasov bestellen will, gibt es nicht mehr. Der sei schon vor drei Monaten aus dem Sortiment genommen worden, erklärt der Kellner im Café Central in der Wiener Innenstadt. Wirklich? Dass sein letzter Besuch hier so lange her ist, war David gar nicht aufgefallen. Normalerweise trifft sich seine Familie einmal im Monat hier, immer an einem Sonntag, doch der 24-Jährige hatte den ganzen Sommer in Russland verbracht. Nachdem er im Juni seinen Master an der Wirtschaftsuniversität abgeschlossen hatte, war er nach St. Petersburg gereist, um dort als Koordinator für die Sommeruniversität der Graduate School of Management, die in Kooperation mit der WU durchgeführt wurde, zu arbeiten.
In so einem internationalen Umfeld fühlt er sich wohl und will jetzt, wo er sein Studium beendet hat, arbeiten. „Mehrere Türen haben sich geöffnet“, sagt er geheimnisvoll. Welche Türen? Im Studium – auch seinen Bachelor hat er von der Wiener Wirtschaftsuniversität – hat er viel Consulting gemacht, das sei sehr spannend gewesen. Außerdem arbeitet er schon seit Jahren im Stahlhandelsunternehmen seines Vaters mit. Nach November werde es Entscheidungen geben. Dann ist er nämlich aus Sydney zurück, wo seine Graduation stattfindet. Sein Master war ein Doppelstudium mit der dortigen Universität.

»Es ist schön im Judentum,
dass es oft die Gelegenheit gibt zusammenzukommen.«

„Je länger ich im Ausland bin, desto mehr repräsentiere ich dort Wien“, sagt David, der mit seinen zwei jüngeren Geschwistern im fünften Bezirk aufwuchs. In Sydney wie in Boston, wo er während seines Bachelors ein Austauschsemester verbrachte, unterrichtete er nebenbei Deutsch. Beide Städte gefielen ihm, aber Wien ist doch der Ort, wo er alt werden und seine Kinder einmal großziehen will. Die Desserts, das Brot, die Kaffeehauskultur, die habe er sehr vermisst. Und seine Familie natürlich, mit der er eine enge Beziehung hat und die ihm viel Kraft gibt. Davids Stundenplan ist nämlich stets voll: Neben dem Studium, wo er zum besten Prozent der Studierenden gehörte, engagierte er sich freiwillig an der WU, vor einem Jahr ließ er sich zudem in den Vorstand der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen wählen. Außerdem spielt er Saxofon und Klavier. Wie geht sich das alles aus? „Wenn man es gerne macht, schafft man es.“
Davids Eltern stammen aus Taschkent, der Vater ist in den Siebzigerjahren, die Mutter in den Neunzigern nach Wien gekommen, nachdem sie einige Jahre in New York gelebt hatte. Zuhause wird Russisch gesprochen. Jeden Freitagabend gibt es ein gemeinsames Schabbatessen, samstags sieht man die Familie im Stadttempel. Aber strengreligiös sei er nicht, sagt David. „Es ist schön im Judentum, dass es oft die Gelegenheit gibt zusammenzukommen.“ Auch sonntags im Café Central.

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