Musik, Erinnerung und ein Gefühl von Gemeinschaft in Wien.

Hana Rozen wuchs in der Sowjetunion und in Israel auf. Nach einem Studium der Musikpädagogik in Haifa arbeitete sie über zwanzig Jahre lang als Klavierlehrerin. 1991 zog es sie nach Wien, wo sie heute mit ihrer erwachsenen Tochter lebt. Im Maimonides-Zentrum verantwortet sie seit einem Jahr ein musiktherapeutisches Programm.

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Fotos & Redaktion: Ronnie Niedermeyer

Auf die Welt kam ich in Batumi, heute zweitgrößte Stadt und kulturelles Zentrum Georgiens. Väterlicherseits stamme ich aus einer Musikerfamilie, aber damals hatte fast jeder ein Klavier daheim. Schon mit drei Jahren begann ich, darauf zu spielen. Als wir nach Israel emigrierten, war mir schon klar, dass ich Musikpädagogik studieren würde. Nach dem Studium unterrichtete ich an Konservatorien in Tel Aviv und Akko, heiratete blutjung, bekam zwei Söhne und später auch eine Tochter. Der Bruder meines Mannes regte uns an, an seinem Unternehmen in Wien teilzuhaben. 1991 packten wir diese Chance und unsere Koffer. Die Söhne waren bereits erwachsen, unsere Tochter schickten wir in die ZPC-Schule. Nachdem das Geschäft meines Schwagers nicht mehr gut lief, eröffneten wir ein kleines koscheres Lokal in den Ringstraßen-Galerien. Ich verwöhnte die Gäste mit Falafel und Schawarma. Doch das Restaurant war kaum ein Jahr offen, das Glück rasch wieder verflogen: Mein Mann erlag plötzlich einem Herzversagen. Eine gute Freundin ermöglichte mir, im Maimonides-Zentrum Anschluss zu finden und bei der Organisation des Kulturprogramms mitzuhelfen. Ich brachte eine elektrische Orgel auf Rädern mit, fuhr damit durch das Haus und spielte den Menschen vor, was sie hören wollten: israelische Lieder, jüdische Lieder, gelegentlich auch Klassik. Nach einiger Zeit wurde ich auf eine Studie aufmerksam, nach der Musik die Hirnfunktion und damit die Lebensqualität von an Demenz Erkrankten steigern könne. Diese Studie legte ich dem Direktor des Hauses vor, der mir daraufhin eine geringfügige Anstellung anbot. Jeden Tag bespiele ich eine andere Etage des Altersheims, die Menschen müssen nicht einmal ihr Zimmer verlassen! Für sie ist es Therapie und Unterhaltung zugleich. Erinnerungen kommen hoch – gelegentlich auch Tränen.

Tipp: Obwohl ich noch nicht im Maimonides-Zentrum residiere, ist es bereits mein geistiges Zuhause. Besonders gefällt mir, dass es hier keinen Unterschied macht, ob jemand jüdisch oder nichtjüdisch ist. Wenn ich Hava Nagila am Klavier spiele, singen auch Nichtjuden mit – und um den Katholiken eine Freude zu machen, spiele ich auch noch das Ave Maria. Im ganzen Haus ist eine Einigkeit spürbar, und es ist schön, daran teilzuhaben.

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