Neue Entdeckungen

Jahrelang arbeitete Emanuel Salvarani für die Sicherheit der IKG. Jetzt will er wieder studieren.

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© Anna Goldenberg

Emanuel Salvarani kommt gerade vom Radio. Ein bisschen seltsam sei es schon, jetzt selbst interviewt zu werden, sagt er. Den Nachmittag hat er bei einer Schulung vom freien Wiener Radiosender Orange verbracht und gelernt, wie man Radiointerviews führt, aufnimmt und schneidet. Denn Emanuel, den seine Freunde Ema nennen, will Journalist werden. „Mich interessiert sehr viel, besonders Politik“, sagt er. „Ich lese gerne und tausche mich dann darüber aus. Radio ist ja nichts anderes, oder?“

Genau wissen, was er machen will, das war bei Emanuel nicht immer so. Nach der Matura begann der heute 27-Jährige, in Wien Geschichte zu studieren. Den Großteil seiner Zeit verbrachte er damals nicht mit lernen, sondern in besetzten Hörsälen – 2009 und 2010 protestierte die #unibrennt-Bewegung gegen die Einführung des Bologna-Systems.

Nebenbei begann er, freiwillig bei der Sicherheit der Israelitischen Kultusgemeinde zu arbeiten. Zu Feiertagen und Veranstaltungen bewachte er jüdische Einrichtungen. Die Schichten wurden mehr, die Arbeit machte Spaß, und im Jahr 2013 stellte ihn die IKG an. Was seine Tätigkeiten genau umfassten, darf Ema nicht erzählen – nur so viel: „Es war ein Prozess des Erwachsenwerdens für mich, weil ich Verantwortung für andere Menschen hatte.“ Die Arbeit gab seinem Alltag Struktur und fühlte sich sinnvoll an. Mit den Kollegen verstand er sich gut. Und sein Verhältnis zum Judentum veränderte sich.

»Das Judentum hat keinen religiösen
Aspekt für mich. Das ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl ist mir wichtig.«

Emanuel war in eine öffentliche Schule gegangen und verbrachte seine Samstage in der Jugendorganisation Hashomer Hatzair, wo sich schon seine Eltern kennengelernt hatten. Durch seine Arbeit bei der IKG lernte er nun die verschiedenen „Subgruppen“ der Gemeinde kennen, Religiöse und Säkulare, Arme und Reiche, Aschkenasen und Sepharden. Vor allem für ultraorthodoxe Lebensweisen, die ihm vorher fremd erschienen, entwickelte er Verständnis. Aber, fügt er hinzu, er sei sich trotzdem „treu geblieben“: „Das Judentum hat keinen religiösen Aspekt für mich“, sagt er und wählt dabei seine Worte sorgfältig. „Das ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl ist mir wichtig.“

Trotz der neuen Eindrücke hatte Emanuel vergangenen Dezember genug. „Irgendwann wollte ich etwas Neues entdecken“, sagt er. Er kündigte. Journalismus habe ihn schon immer interessiert; stets hörte er von Freunden und Familie, das sei doch etwas für ihn. Jetzt fühlt sich der Zeitpunkt richtig an. Emanuel bereitet seine Bewerbungen für die Fachhochschule vor, ab Herbst will er Journalismus studieren. Dann wird er wieder selbst interviewen. 

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