Never/Forget/Why?

Derzeit werden daheim Schnüre durch über 15.000 Karten aus braunem Karton gezogen. Am 27. Jänner, am internationalen Holocaustgedenktag, werden sie alle im Wiener Rathaus sichtbar sein. 15.000 Kinder sind nach Theresienstadt deportiert worden. Nur 150 von ihnen haben überlebt. An jedes Kind sollte eine Karte erinnern. Die hat die Historikerin und Psychotherapeutin Anna Wexberg-Kubesch eigenhändig gestempelt und verteilt. Verschiedenst gestaltet von unterschiedlichsten Empfängern sind sie wieder bei ihr gelandet. „Es hat alle meine Erwartungen übertroffen“, erzählt sie zum Abschluss ihres Erinnerungsprojekts Never/Forget/Why? im Gespräch mit Anita Pollak.

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INFO: Kunstinstallation NEVER/FORGET/WHY? Wiener Rathaus/Volkshalle, 28.−30.1.2019 neverforgetwhy15000.at © Niko Havranek

WINA: Wie ist es zur Idee des Projekts gekommen?
Anna Wexberg-Kubesch: Mein Arbeitsschwerpunkt sind jüdische Kinder in der Schoah, und ich hatte davor schon über den Kindertransport gearbeitet. Theresienstadt ist das einzige Lager, in dem Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum interniert waren, und ermöglicht dadurch einen Eindruck, wie Kinder solche unvorstellbaren Zustände erleben und Resilienzen entwickeln können. Mich hat die unglaubliche Zahl 15.000 erschüttert, und ich wollte eine Vorstellung davon bekommen. Ich habe Reis ausgeschüttet und einen Abend lang 15.000 Körner gezählt. Im Vergleich zu den 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kindern ist es ja nur ein Prozent. Und da ist mir die Idee gekommen, für jedes Kind etwas Symbolisches zu machen, eine Karte. Diese Karten sollten die Empfänger gestalten, sich damit auseinandersetzen und an mich zurücksenden.

Was ist deine persönliche Motivation zu dieser Geschichte?
Mir ist aufgefallen, dass in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoah Kinder wenig bis kaum beschrieben wurden. Kinder wurden über lange Zeit nicht als eigenständige Personen mit eigener Gefühlswelt gesehen, und weil auch so viele Kinder ermordet wurden, gibt es weniger Informationen als über erwachsene Überlebende. Mittlerweile glaube ich auch, dass es ein unbewusstes Ranking in der Annäherung an die Schoah gibt, und in diesem Ranking sind die Kinder eher nachgereiht. Meine Mutter war selbst ein Kind in der Schoah, und ich komme aus einer jüdischen Schweigefamilie. Aus allen diesen Gründen hat mich dieses Thema besonders interessiert.

 »Ich hab’ Reis ausgeschüttet
und einen Abend lang 15.000 Körner gezählt.«

Dieses Projekt war eine One-Woman-Show. Du hast alles allein gemacht und auch finanziert, was hat das mit dir gemacht?
Es hat sich von einer One-Woman-Idee im Laufe der mittlerweile vier Jahre verändert. Ich definiere den Rahmen, aber es sind immer wieder Menschen dazu gekommen, die mich und das Projekt begleitet haben und neue Ideen und eigene kleine Subprojekte eingebracht haben. Das war eine tolle Erfahrung für mich. Ich habe auch nicht alle Karten selbst aus der Hand gegeben, manchmal haben Menschen etwa 30 genommen und weitergeschickt, und ich habe später Post von Israel bis Japan bekommen. Ich hatte einmal im Monat einen Jour fixe, bei dem Karten geholt oder gebracht wurden, ich war auch in Schulen eingeladen.
Ich hab’ es allein finanziert, um frei nach meinen Vorstellungen zu arbeiten und keine Auflagen von Geld- oder Subventionsgebern zu haben. Rückwirkend betrachtet habe ich wahnsinnig viel gearbeitet, aber es ist großartig, dass es geklappt hat.

Die Stempel so wie so viele Details des Projekts haben auch eine symbolische Bedeutung. Was wolltest du damit ausdrücken?
Das Ansichtskartenformat habe ich gewählt, weil es überschaubar und zumutbar ist. Man traut sich eher drüber als über ein größeres Format, und man kann auch mehrere Karten haben. Papier und Stempel sind für mich der Ausdruck für die Bürokratie, für Schreibtischtäter, die mit einem Stempel ein Schicksal besiegeln, deshalb hab’ ich auch jede Karte einzeln selbst gestempelt. Das Projekt hat auch viele Menschen zur Frage veranlasst, was sie selbst in dieser Zeit gemacht hätten.

Wir sind zurzeit fast überschwemmt mit „Erinnerungskultur“. Kann es da einen Overkill geben, kann das auch kippen, siehst du als Psychologin diese Gefahr?
Für mich kann es niemals zu viel sein. Es verändert sich aber die Art, wie man sich erinnert. Wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur mit sehr wenigen ZeitzeugInnen und der Frage, was wollen wir künftigen Generationen zur Schoah hinterlassen. Wir haben in den 70ern und 80ern eine so genannte „Leichenbergpädagogik“ erlebt mit Bildern der Ermordeten in Haufen, was einen überfordert hat. Wir haben aber gelernt, dass es Menschen möglich sein muss, sich mit Geschichte, mit Personen zu identifizieren, sich annähern zu können, um als Gesellschaft etwas zu bewegen. Der Diskurs geht weg von der Betroffenheit hin zur Empathiefähigkeit.

Sind alle deine Pläne aufgegangen, alle Erwartungen erfüllt worden?
Viel mehr als das. Ich wollte 15.000 Karten haben, aber letztlich habe ich mehr gemacht und über 16.000 zurückbekommen. Viele Menschen haben sich damit auch als Teil einer Community gefühlt, die etwas beigetragen hat, und ich wollte, dass das sichtbar bleibt. Deshalb habe ich dann eine Website entwickelt, jede Karte reproduziert und online gestellt, also eine Art digitales Erinnerungsalbum mit über 16.000 Karten, das bleibt.

Du hast vor Kurzem den „Europäischen Bürgerpreis“ für das Projekt erhalten.
Das ist eine Anerkennung vom Europäischen Parlament, und für mich war es wahnsinnig toll, dass für Österreich dieses Thema ausgewählt und damit wertgeschätzt wurde.

Nun werden alle 16.000 Karten im Wiener Rathaus im Rahmen einer Kunstinstallation knapp drei Tage lang präsentiert. Wer gestaltet das?
Ich mache die Installation selbst und habe gemeinsam mit meinem Mann und Freunden die Technik dieser Präsentation entwickelt. Wir fädeln daheim stundenlang die Karten, und es wird einen riesigen beleuchteten Sternenhimmel geben, an dem alle Karten hängen. Ich hab’ mir das Rathaus gewünscht, weil es die Stadt repräsentiert, die vor 80 Jahren ihre jüdischen Menschen ausgeliefert hat. Wenn die Stadt nun mit diesen Karten die Arbeit von tausenden Menschen zeigt, ist das auch ein Statement, und ich hab mich über diese Möglichkeit sehr gefreut.

Wo und in welchem Rahmen wird das Kartenarchiv nach der Ausstellung Platz finden?
Es gab die Idee, es nach Yad Vashem zu bringen, aber ich bin im Moment auch in Gesprächen mit Beit Teresin, einem Kibbuz, der von Theresienstadt-Überlebenden gegründet wurde, die auch ein kleines Museum haben, an dem die Karten aufgehoben und für künftige Generationen zugänglich gemacht werden könnten, was mir gut gefiele.

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