Pietätlos oder ahnungslos? Die KZ-Hashtag-Kombinationen

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Laut der offiziellen Instagramseite werden durchschnittlich 60 Millionen Fotos täglich mit der Applikation gepostet. Es geht ganz einfach, mit Facebook verbinden und dann die Geschäftsbedingungen bestätigen und ignorieren. Fotos auswählen und mit einem coolen Retrofilter bearbeiten. Instagram macht Spaß, taggen, liken, sharen – das Prinzip ist bekannt und lässt uns auch noch cool aussehen. So genannte Hashtags sollen uns das Leben einfacher machen. Mit dem Doppelkreuz # verbinden und kategorisieren wir Informationen und Fotos online. Sucht man zum Beispiel Fotos eines bestimmten Gebäudes, von professionellen oder auch semi-professionellen Fotografen, erzielt man mit dem Hashtag oft bessere Ergebnisse als mit der Suchmaschine.

Wer bringt Jugendlichen also bei, wie man mit dieser Möglichkeit des weltweiten Teilens von Inhalten umgeht?

Mühelos kann so also alles zum Thema KZ und Selfie gefunden werden. Diese Fotos sind online verfügbar und mit den Hashtags #Dachau, #Buchenwald, #Mauthausen oder #Auschwitz kategorisiert.

Die neue mediale Geschichtsvermittlung

Selfie2Wer bringt Jugendlichen also bei, wie man mit dieser Möglichkeit des weltweiten Teilens von Inhalten umgeht? Hier muss an Lehrer, Eltern und Tour-Guides appelliert werden. Dass Hashtag-Kombinationen wie #Konzentrationslager und #BadHairday sowie #Instaswag und #Gedenkort oder #chilling, #nazis, #juden, #boring #krieg eigentlich nicht verwendet werden sollten, kann nicht mehr alleine vom Hausverstand vorausgesetzt werden.

Die Form der Kommunikation an Gedenkorten ist ein wichtiges Element und auch dafür verantwortlich, wie Ort und Geschichte wahrgenommen werden. Der Bezug, den der Einzelne am historischen Ort durch die Kommunikation während der Vermittlung zu sich selbst und zur eigenen Lebenswelt herstellen kann, ist ausschlaggebend dafür, wie er sich mit der Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gegenwart befassen wird.

Klassenfahrt, 8 Uhr morgens, nicht ausgeschlafen und pubertär. Schülern steht der Besuch eines ehemaligen Konzentrationslager bevor. Das muss für die Welt mit der Instagram-App festgehalten werden – it’s Selfie-time!

Selfie4Kulturwissenschaftler Jan Assmann beschreibt in Bezug auf den Ort Auschwitz, dass die individuelle Bedeutung sich durch den persönlichen Bezug verändert. Für Überlebende ist es ein konkreter Leidensort und Friedhof, für Menschen ohne persönlicher Beziehung Museum, für Historiker ein Ort der Spurensuche, für Politiker oder gesellschaftliche Gruppen eine Kulisse für Bekenntnisse und Bekundungen. Für fleißige Instagram-Teenies also ein Ort der Selbstinszenierung?

Nach dem Historiker Peter Reichel kennzeichnen sich Gedächtnisorte nicht nur in Hinblick auf ihre besondere Vorgeschichte, sie machen dem späteren Besucher auch Deutungs- und Identifikationsangebote. Denkmäler sind demnach deutungsbedürftig und identifikationsfähig, sprechen den Betrachter an – oder auch nicht. Bei akrobatischen Kunststücken auf dem Holocaustdenkmal in Berlin und Duckface in Sachsenhausen erübrigt sich diese Frage.

Die Präsentation von Denkmälern im öffentlichen Raum hat Symbolwert für den Umgang einer Gesellschaft mit der Vergangenheit. Sie sind Monumente der Erinnerung wie auch der Verdrängung. Die Gründe für das Erinnern und die Formen, die dieses annimmt, haben aber stets einen sozialen Hintergrund. Man erinnert vor allem das, was einem wichtig ist, was also von irgendwelcher gegenwärtigen Relevanz ist. Diese gegenwärtige Relevanz scheint heutzutage an den „Likes“ gemessen zu werden.

Zuerst also „geh Denken“, denn das Internet vergisst nicht. ◗

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